PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftSaniertes Kino International„Oben angekommen werde ich dann nochmal richtig umgehauen“Veröffentlicht am 25.02.2026Lesedauer: 6 MinutenSchwungvoll: der Kinosaal mit wellenförmiger Decke und dem berühmten PaillettenvorhangQuelle: © DANIEL HORNAn kaum einem anderen Ort wird ein Filmabend zu einem solchen Gesamterlebnis wie im Kino International in Berlin. Nach einer umfassenden Sanierung wird das Architekturdenkmal jetzt wiedereröffnet. Ein Besuch.Auf den ersten Blick sieht alles genauso aus wie vorher – nur irgendwie frischer, klarer, schärfer. Das war auch das Ziel. Das Holzfurnier der Einbauten und Wandpaneele wirkt nicht mehr so fahl, die Kristalle der Kronleuchter funkeln wieder, der berühmte Vorhang mit seinen Paillettenbahnen, deren Farbe – Silber? Gold? Champagner? – immer wieder für Diskussionen sorgt, glitzert und kleidet die Leinwand wie eine Couture-Robe. Das Kino International in Berlin, denkmalgeschütztes Juwel der europäischen Nachkriegsmoderne, öffnet nach 18-monatiger Generalsanierung wieder seine Türen. Überpünktlich. Auch das Budget von rund 15 Millionen Euro aus verschiedenen Fördertöpfen wurde eingehalten. Eine Seltenheit bei einem Projekt dieser Größenordnung. Die besonders aufwendigen Maßnahmen wie Klimaanlage und Lüftung, Elektroinstallationen und Rohrleitungen, aber auch das neue Dach, sind für die Kinobesucher allerdings unsichtbar. Das Lichtspielhaus an der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee mit seinem auskragenden ersten Stock, den Reliefs an den Seitenfassaden ist ein architektonisches Gesamtkunstwerk. Eine Ikone der Kinoarchitektur, deren Strahlkraft über Deutschland hinaus reicht. Das Magazin „Time Out“ zählt es zu den 50 schönsten Kinos der Welt. Aber es ist nicht nur Baudenkmal und internationales Premierenkino, sondern auch lebendiger Lieblingsort vieler Berliner, gebürtiger, zugezogener und ehemaliger, verbunden mit Erinnerungen an erste, zweite, dritte Dates mit späteren Ehepartnern und verunglückten Affären, an Jugendweihe, Lesungen, Drinks in der Panoramabar mit Blick auf das gegenüberliegende „Cafe Moskau“, an Kinoabende mit Freunden. Keiner so einschneidend wie jener am 9. November 1989, als Heiner Carows „Coming Out“ hier Premiere feierte, der erste DDR-Film mit schwulem Protagonisten. Wer das Kino an diesem Abend verließ, der stand in einem anderen Land, einem anderen Leben.Das International, von 1961 bis 1963 nach den Entwürfen von Josef Kaiser errichtet, war ein wichtiger Baustein in den Hauptstadtplanungen der DDR, zu der auch der Fernsehturm (1969) mit seiner Sputnik-Kugel auf dem Alexanderplatz und der Palast der Republik (1976) gehörten. Im zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee, die sich von Osten kommend Richtung Alexanderplatz zieht, sind die Wohnbauten etwas weiter zurückgesetzt als im ersten Bauabschnitt mit seinen typischen Zuckerbäckerbauten. Sie lassen Raum für die Gesellschaftsbauten in der Mitte. Das Kino International ist ein solcher Gesellschaftsbau, der nicht nur Kino war, sondern auch eine Bibliothek und einen Jugendclub beherbergte. Und einen Bunker im Keller.Ins Kino zu gehen, bedeutet sich einzulassen„Es sind ja keine toten Steine, Kino lebt“, sagt Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck Kinogruppe, die das International seit 1992 betreibt. Die Zuschauerzahlen im International seien nach der Pandemie höher gewesen als davor. Trotz Netflix, Disney+, Prime Video. Sich einen Film im Kino anzusehen, bedeutet, sich für anderthalb oder zwei Stunden in eine andere Welt zu versetzen. Einzutauchen. Sich überwältigen zu lassen. Hier kann man nicht wie beim Streamingservice die „Pause“-Taste drücken, weil man schnell die Wäsche aufhängen will. Nicht zur nächsten Serie hüpfen, weil die zuerst ausgesuchte zu lahm, zu anstrengend oder zu gruselig ist. Keine Anrufe. Verordnetes und selbst gewähltes Schweigen. Gleichzeitig ist ein Kinobesuch ein kollektives Erlebnis, was man spätestens dann merkt, wenn alle an der gleichen Stelle lachen. Wenn man spürt, wie der Nebensitzer die Luft anhält, zweifelt, leidet, träumt mit den Figuren auf der Leinwand.Lesen Sie auchIm International wird dieses Erlebnis so zelebriert wie an kaum einem anderen Ort – und der Kontrast zu den Multiplex-Kinos mit ihrer Rummelplatzatmosphäre zwischen 1,5-Liter-Cola-Eimern und leuchtenden Werbedisplays könnte größer nicht sein. Architekt Daniel Dickmann, der mit seinem Büro Dickmann Richter für die Sanierung verantwortlich war, gerät ins Schwärmen, wenn er über das Gebäude spricht: „Die Raumfolge dieser fünf, sechs relevanten Räume für den Kinobesucher ist wahnsinnig gut inszeniert. Sie sind perfekt proportioniert und haben alle ihren eigenen Charakter.“ Nichts am International ist piefig, alles ist großzügig, das Gebäude vermittelt Weite und Raum zum Atmen, und ja, Internationalität. „Das war der Anspruch, den die DDR hier formuliert hat“, sagt Christoph Rauhut, Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin. Paillettenvorhang und WellendeckeDie so gefeierte Raumfolge ist diese: Als Erstes betritt der Besucher die Kassenhalle mit den Holzeinbauten und dem natürlichen Licht, das durch die Glastüren fällt, dann folgt die Garderobenhalle mit der hellen Beleuchtung von der Golddecke und dem Steinboden, der in seinen Metallintarsien die Geometrie der Deckenelemente aufnimmt, rechts und links schließen sich die Aufgangstreppen an mit blauem Teppichboden und den Natursteinwänden mit integrierten Lampen. „Da komme ich in den Kino-Tunnel“, sagt Dickmann. „Oben angekommen werde ich dann nochmal richtig umgehauen durch dieses Foyer mit der großen Glasfassade, den Holzlamellen, dem Parkett, den Kristallleuchtern und dem Licht an der Bar. Und schließlich tauche ich ein in den Kinosaal, der sich zur Bühne hin weitet – sowohl in der Breite als auch in der Höhe: Die Wellendecke öffnet sich, der Boden fällt ab.“ Und dann ist da der von allen so geliebte Paillettenvorhang, der mit der Decke korrespondiert. „Mir würde an dieser Stelle nicht einfallen, wie man das besser machen sollte“, resümiert Dickmann.Sein persönlicher Lieblingsmoment während der Sanierung war, als er im Kinosaal auf dem Baugerüst direkt unter der Wellendecke stand. „Das war sehr eindrucksvoll. Das ist handwerklich alles super gemacht, mit den Mitteln, die damals zur Verfügung standen.“Auch in der Restaurierung steckt so viel Handwerk und Handarbeit, dass die Dimensionen schier überwältigend sind: Rund sieben Kilometer Holzlamellen wurden vom Restauratorenteam „Geißler & Lewandrowski“ erst kartiert, dann demontiert, von Staub, Nikotin und sonstigem Schmutz gereinigt, ausgebessert, neu lackiert – mit Nitrocelluloselack wie auch Anfang der 1960er-Jahre – und anschließend wieder an genau der gleichen Stelle eingebaut.Die vier ausgeleierten Kronleuchter aus der Panoramabar, jeder mit über 15.000 Kristallen, waren eine ähnliche Mammutaufgabe: „Wir haben die einzelnen Kristalle und Perlen gewaschen, kontrolliert, die angebrochenen ersetzt, die Ketten nachgezogen und darauf geachtet, dass wir die Optik so wiederherstellen, wie sie ursprünglich gedacht war“, sagt Mustafa Tahta von der Berliner Firma Kristallkultur.Lesen Sie auchBeim Vorhang mit seinen rund 40 Millionen Pailletten wurden die 20 Paillettenbahnen abgetrennt, ebenfalls gereinigt und repariert und dann auf einen nach historischer Vorlage neu gewebten Trägerstoff genäht – alles von Hand, nicht mit der Maschine. Dabei wurde auch ein Fehler aus den 1970er-Jahren behoben, als man zwei Teilstücke verdreht eingefügt hatte, und diese fortan das Licht anders reflektierten als der Rest. Ein Team von insgesamt 20 Leuten hat acht Monate lang nur genäht, fünf Monate davon in einem großen Nebenraum im Kino, weil die Werkstatt schlicht nicht genug Platz bot für ein derart „monumentales textiles Kulturgut“, wie Restauratorin Anke Weidner von Art Detox den 420 Quadratmeter großen Vorhang nennt. Am kommenden Donnerstag läuft der Kinobetrieb wieder an, mit dem Oscar-Anwärter „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet – die ersten Vorstellungen waren in Windeseile ausverkauft. Der eigentlich nur für Premieren vorgesehene Paillettenvorhang kommt in den Wochen nach der Wiedereröffnung trotzdem zum Einsatz. Die Welt hat ein bisschen Glitzer dringend nötig.Annemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin und schreibt über Interior, Möbel, Produktdesign und Wohntrends.
Kino International: Berliner Kultkino erstrahlt nach Sanierung in neuem Glanz - WELT
An kaum einem anderen Ort wird ein Filmabend zu einem solchen Gesamterlebnis wie im Kino International in Berlin. Nach einer umfassenden Sanierung wird das Architekturdenkmal jetzt wiedereröffnet. Ein Besuch.









