PfadnavigationHomeICONISTTrendsGermany’s Next Topmodel„Dann hast du hier nichts verloren“ – Staffelauftakt zwischen Diversity und RealityVon Sarah BachmannVeröffentlicht am 19.02.2026Lesedauer: 5 MinutenZum Auftakt der 21. Staffel „Germany’s Next Topmodel“ steht Jean Paul Gaultier an Heidi Klums SeiteQuelle: ProSieben/Daniel Graf/Willi WeberEine auffallend gelassene Heidi Klum, Gastjuror Jean Paul Gaultier und Schmollmünder am Catwalk-Ende: So schnell wie die ersten großen Bekenntnisse der Kandidaten kommen, verschwinden sie auch wieder. Schriftstellerin Ildikó von Kürthy darf bleiben. Auftakt der 21. Staffel.Heidi Klum fegt das Konfetti des Jubiläums vom Laufsteg – und eröffnet das jährliche Aussieben. Oder wie es auf X heißt: „Lasset die Cringe-Spiele beginnen“. Los geht das Casting in Köln mit den Männern. Tochter Leni sitzt diesmal (noch) nicht neben ihr, kündigt in dramatisch inszenierten Einspielern aber bereits an, später jemanden mit dem berüchtigten Satz „Ich habe leider kein Foto für dich“ nach Hause zu schicken. Stattdessen sitzt Gastjuror Jean Paul Gaultier auf dem Jurystuhl, der seinen Designer-Job inzwischen an den Nagel gehängt hat und nun zeitweise an der Traumfabrik der Kandidaten mitbastelt. Zwischendrin huscht er als Laien-Agent mit Sonnenbrille durch den Backstage-Bereich – und entlarvt damit unfreiwillig, dass nicht jeder sofort erkennt, wer da gerade vor ihm steht. Zum Auftakt greift Klum selbst wieder zum Mikrofon. Gemeinsam mit DJ Diplo entstand ein überraschend eingängiger Introsong, unterlegt mit quietschbunten Animationen. Danach wird es deutlich nüchterner. Die Männer reisen an, laufen einmal über den Laufsteg, drehen vor Heidi und Gaultier, beide mit Tablets bewaffnet, eine Runde – und stehen wenig später entweder am Rand oder in der nächsten Folge. Das Casting wirkt diesmal fast wie ein echtes, bleibt jedoch ein durchinszeniertes Fernsehspektakel. Lesen Sie auchWährend in vielen realen Modelagenturen deutlich härter entschieden würde, gibt sich Heidi wieder auffallend gelassen. Ein Stolpern wird mit einem „Kein Problem“ kommentiert, Luftküsse werden verteilt – noch mal sollte das aber lieber nicht passieren. Mit dem Ritual der jährlichen Männerparade kehren auch die vertrauten Phrasen zurück: „Ich bin XY Jahre jung“, „Ich habe noch nie einen Walk gemacht“. Sätze, die jedes Jahr fallen und jedes Jahr dieselbe Frage provozieren: Warum meldet man sich dann überhaupt bei einer, wohlgemerkt im Fernsehen übertragenen, Modelsuche an?Neu ist weniger das Gesagte als die Art, wie es kommentiert wird. Während in den vergangenen Jahren vor allem im Nachgang der Sendung in den sozialen Medien ironische Edits kursierten, übernimmt ProSieben das nun selbst – das Netz schaut schließlich mit. Schnelle Schnitte, kleine Musik-Gags, überspitzte Zooms auf hervorblitzende Details, etwa ein Nippelpiercing, das kurz wichtiger wirkt als der eigentliche Walk. Wie viele Menschen im Internet scheint auch das Format inzwischen genau zu wissen, wo es angreifbar ist, und nimmt sich lieber selbst ein wenig auf die Schippe. Wer es beim Casting versucht? Da sind jene, die angeblich ganz „spontan“ nach Köln gefunden haben wollen – und doch den Schmollmund am Catwalk-Ende erstaunlich routiniert präsentieren. Yanneck, 24, etwa, der im Einspieler sagt: „Ich bin ein Niemand.“ Für das Modeln würde er sogar seinen Job opfern. Kevin, 34, selbsternannter „Adonis“, zieht demonstrativ sein Shirt aus und betont seinen Körperfettanteil von unter fünf Prozent. Wenige Sekunden später ist er wieder draußen. Selbstbewusstsein allein reicht nicht. Auch die verlässlichen Exzentriker sind dabei. Norvi versucht es mit einer Gesangseinlage für Heidi – „Oh Heidi, ich bin hier, willst du mich haben …“ – worauf der Schnitt mit einem genervten Blick eines Mitkandidaten antwortet. Kurzer Applaus, dann wird auf dem Tablet weitergewischt. Die Antwort: nein. Vom Kuh-Besamer bis zum Kandidaten mit Grusel-Make-up ist vieles vertreten. Das Zwischenfazit einiger Nutzer auf X: „Die Mehrheit sieht aus wie Backwerk-Mitarbeiter“. Doch zwischen schrillen Charakteren und Mobbing-Geschichten fällt vor allem eines auf: Zumindest bei den Männern wirkt Diversität nicht länger wie Pflichtprogramm, sondern wie ein fester Bestandteil der Erzählung. Unterschiedliche Altersgruppen, Hintergründe und Biografien stehen nebeneinander. Etwa Tony, 31, ehemaliger Spieler in der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft, Denzel, 26, mit Albinismus, oder Best-Ager Carsten, 49 – Kandidaten mit Geschichte und Modelpotenzial. Auffallen allein reicht nicht. Während es bei den Männern nüchtern begann, geht es bei den Frauen am Folgetag deutlich emotionaler zu. Schon im Einspieler fließen die ersten Tränen, der Schnitt ist schneller, die Musik dramatischer, ein bisschen Reality-TV eben. Ebenso verlässlich wie Heidis saisonaler Pony ist in diesem Jahr die Selbstgewissheit einiger Kandidatinnen. „Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass ich gewinnen werde“, sagt die 19-jährige Lola aus Berlin. „Ich werde auf der Straße angesprochen, weil ich so eine starke Persönlichkeit habe“, behauptet Luisa. Man fragt sich kurz, von wem genau, aber auch dieses Selbstbild gehört mittlerweile zum festen GNTM-Vokabular. Auch Jill, 25, die einigen aus diversen Datingformaten bekannt vorkommen dürfte, die mindestens einmal das Wort „Island“ im Titel tragen, setzt auf maximale Selbstbeschreibung. „Kommt gut bei Männern an“, sagt sie über sich selbst – schade nur, dass Heidi keiner ist. Wenig später ist sie raus. Offenbar reicht es auch in Staffel 21 nicht, am lautesten aufzutreten. In den heiligen Hallen sitzen die Mädels teils auf dem Boden und warten darauf, zu Heidi gerufen zu werden. Einige laufen zum ersten Mal auf hohen Schuhen. Für viele ist es seit Kindheitstagen der Traum, an der Sendung teilzunehmen. „Ich schaue GNTM seit ich klein bin“, fällt mehrfach. Die Show castet längst ihren Nachwuchs – und die Mütter gleich mit. Tränen fließen auch hier früh. Wer gehen muss, wird umarmt und getröstet, untermalt von Christina Aguileras „Beautiful“. Die Enttäuschung ist groß, die Emotionen größer als am Vortag bei den Männern.Auch bei den Frauen fällt die Bandbreite auf. Sie reicht von Mini-Zickereien rund um das gefürchtete Umstyling – eine Kandidatin hat jetzt schon Angst um ihre Haare. „Dann hast du hier nichts verloren“, heißt es prompt – bis zu christlichen Selbstbeschreibungen im Maisfeld. Von der Schriftstellerin Ildikó von Kürthy, 58, die „Falten, Fett und Lebenserfahrung“ mitbringen will, bis zur Kandidatin mit Alopecia oder der netten Flugbegleiterin. Anders als bei den Männern steht hier die persönliche Geschichte noch stärker im Vordergrund. Dass bislang keine Best-Agerin bis ins Finale gekommen ist, kommentiert ein Nutzer auf X: „Eine Best-Agerin wird nie gewinnen, weil die Zielgruppe sie nicht als Influencer haben möchte.“ Trotz aller Diversitätsbekundungen landen lange Beine und klassisches Modelmaß auch in der nächsten Runde.Die 21. Staffel zeigt sich breiter aufgestellt, kalkulierter und ein wenig selbstironischer als zuvor. Ob sich diese Richtung langfristig hält oder doch nur dem Auftakt im Zeichen der doppelten Sendezeit geschuldet ist, bleibt offen. Zwischen Diversität und Reality bleibt jedoch das altbekannte Prinzip bestehen: Am Ende kann nur eine(r) Germany’s Next Topmodel werden.
GNTM 2026: „Dann hast du hier nichts verloren“ – der neue Ton bei Heidi Klum - WELT
Die 21. Staffel von Germany’s Next Topmodel startet mit Selbstironie, Diversität und unvorhersehbaren Kandidaten. So lief der doppelte Auftakt bei Männern und Frauen.







