PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungBetreutes FeiernDie Illusion vom freien, wilden KarnevalVeröffentlicht am 11.02.2026Lesedauer: 5 MinutenÜberwacht, gesteuert, behütet: Der Straßenkarneval hat begonnen – und mit ihm eine kollektive Selbsttäuschung.Quelle: Christoph Hardt/Panama Pictures/picture allianceAb sofort strömen die Jecken wieder durch die Karnevalshochburgen und fühlen sich anarchisch. Aber weit gefehlt. In Wirklichkeit lenkt und steuert, umsorgt und behütet Vater Staat sie rund um die Uhr mit einem gewaltigen Fürsorge-Apparat. Der Sozialstaat hat den Karneval erobert.Karnevalisten wähnen sich frei und wild – wenn sie mitten am Tag Schnäpse kippen oder vor aller Ohren zotiges Liedgut grölen. Damit dürften sie einer kollektiven Selbsttäuschung erliegen. In Wirklichkeit werden die Feiermassen, die derzeit die Karnevalsmetropolen bevölkern, fast permanent gelenkt und gesteuert, beschützt und behütet. Und das ist wohl auch ratsam. Wären sie nämlich so wild und frei wie sie glauben, würde sich für so manchen der Karneval ruckzuck in eine Wolfswelt, in gefährliches Chaos oder ein Delirium ohne happy end verwandeln. Doch da ist der Staat vor. Er sorgt für betreutes Feiern – für das wir allerdings alle einen stattlichen Preis zahlen müssen. Feiern, geh’n und steh’n – ganz nach PlanDas wollen wir uns mal etwas näher anschauen am Beispiel von Deutschlands Karnevalsmetropole Nummer eins – von Köln: Seit Dezember tagen dort ebenso wie in Düsseldorf, Bonn und anderswo Planungsstäbe von Stadt, Polizei, Jugendamt, Bahn, Müllabfuhr, Feuerwehr und vielen anderen (in der Karnevalswoche sogar rund um die Uhr). Dort werden Konzepte etwa zur „Personenlenkung“ erstellt. Die legen fest, wo Karnevalisten feiern, gehen, stehen und sich bewegen dürfen. Dafür hat Köln das Unternehmen MasterLogistics engagiert – für vier Jahre und 7,3 Millionen Euro brutto. Um die Massen nach Plan zu steuern, wurden nun etliche Straßen gesperrt oder verengt, Wege geschlossen und andere eröffnet. Bis zu 50 Mitarbeiter der Stadt haben damit schon Wochen vor Karneval begonnen. Wobei dieser Aufwand in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat.Wenn Sturzbetrunkene die Notaufnahme flutenWährend sich Karnevalisten Bier, Schnaps und Likörchen in den Schlund schütten, wacht ihr großer städtischer Bruder auch darüber, dass die gesundheitlichen Folgen nicht allzu dramatisch ausfallen. 2025 wurden in NRW immerhin 4300 medizinische Hilfsleistungen für Karnevalisten gezählt, überwiegend wegen „Alkoholintoxikation“. Seit Jahren beklagen Krankenhäuser und Notaufnahmen, an Karneval würden sie mit Sturzbetrunkenen derart geflutet, dass sie oft nur stark zeitverzögert helfen könnten, worunter auch nichtkarnevalistische Patienten leiden müssten. Um diese Krankenhäuser etwas zu entlasten, hat die Stadt ein Notlazarett errichtet – mit rund 50 Betreuungsplätzen, bestausgerüstet für Intensivbehandlung. Kosten pro Tag: 10.000 Euro. Die meisten Notpatienten sind junge Erwachsene oder Minderjährige. Durch ihre schnelle Versorgung im Lazarett bleiben ihnen langfristige oder lebensgefährliche Schädigungen meist erspart. Der fürsorgliche Staat sucht nach jungen ZechernViele Dutzend Streetworker sowie Mitarbeiter von Ordnungs- und Jugendamt ziehen an Karneval auch durch die einschlägigen Party-Areale, um Lazarettbedürftige rasch zu entdecken, wie eine Stadt-Sprecherin WELT sagte. Offensiv sprechen sie die schwankenden Gestalten an, geleiten diese zu den Zelten der Rettungsdienste, verteilen an tausende junge Zecher Wasser, Schokoriegel und dergleichen, drängen sie zu einer Trinkpause oder organisieren die Abholung durch Eltern. Ordnungsamtler überprüfen zudem, ob Kioske und andere Geschäfte beim Alkoholverkauf den Jugendschutz beachten. Mithilfe von instruierten Jugendlichen testen sie, ob Kioske & Co. Hochprozentiges an Minderjährige verkaufen. Falls ja, setzt es bis zu 500 Euro oder vorübergehende Geschäftsschließung (so geschehen vergangenes Jahr in Köln).Die kaum vorhandene EkelzoneLieße man die Karnevalisten wirklich wild und frei feiern, müssten sie auch schon bald durch eine infektiöse Ekelzone aus Urinbächen, retournierten Mageninhalten und meterhohen Müllbergen waten. Dem ist aber nicht so – weil Vater Staat sie erneut umsorgt. 1000 mobile Toiletten und 750 riesige Extra-Mülltonnen stellt er allein in Kölns Feiervierteln auf (von Jahr zu Jahr mehr). Auch dass in Händen und Füßen tausender Karnevalisten Scherben stecken, weiß die Stadt zu verhindern – durch ein strikt kontrolliertes Glasverbot und hunderte Glascontainer (ebenso in Düsseldorf oder Bonn). Lesen Sie auchNun möchte auch der wildeste Karnevalist irgendwann in sein Bett. Ließe man die wilde Horde unkontrolliert vor sich hin feiern, wären dieses Bett oft kaum erreichbar. Dann steckten die Narren nämlich fest, weil Taxen, Busse und Bahnen durch weite Teile Kölns schwerlich hindurchfahren könnten. Deshalb werden Bus, Bahn und Autoverkehr vielerorts aufwendig umgeleitet. Sogar die Gleise der Stadtbahnen werden von Sicherheitskräften bewacht und freigehalten. Zudem ackern Reinigungskräfte im Akkord und rund um die Uhr, um Müll-Hügel von den Straßen zügig abzutragen.Deutschlands Sicherheitsapparat wird aktivUnd dann gibt es natürlich die Gefährdung der Karnevalisten durch Kriminelle. Allein im Kölner Polizeibereich wurden 2025 im Karneval 2259 Straftaten registriert, wobei die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte, wie ein Polizeisprecher WELT bestätigte. Aber auch da legt sich Vater Staat krumm. Um seine Bürger zu schützen, lässt er allein in Köln gut 2000 Polizisten an den Hauptfeiertagen aufmarschieren (zusätzlich zum Personal auf den Wachen). Plus Drohnen, mobile Kameras und anderes Gerät.Schon zuvor erstellt das BKA für die Karnevalshochburgen eigene Terror-Gefahreneinschätzungen. Auch der Staatsschutz nimmt Gefährder vor Karneval genauer unter die Lupe und führt (hoffentlich abschreckende) Gefährderansprachen durch. Obendrein reisen Experten für Taschendiebstahl aus ganz Deutschland an und mischen sich als Zivilfahnder unters Volk, weil auch Taschendiebe aus ganz Deutschland zum Karneval das Rheinland besuchen. Ein Haken: Was dabei an Überstunden anfällt, wird anschließend meist abgeglichen mit dienstfreien Tagen – also mit Tagen, an denen weit weniger Polizisten zur Verfügung stehen, um die Bevölkerung zu schützen.Millionenschwere SicherheitWas das alles den Steuerzahler kostet, ist kaum zu beziffern. 2000 Polizisten in einer einzigen Stadt an einem einzigen Tag kosten mindestens 1,1 Millionen Euro – ohne Fahrzeuge, Gerät, Verpflegung. Schon damit wäre Karneval für die Polizei weit teurer als jedes Hochrisikospiel in der Bundesliga. Hinzu kommen aber tausende Reinigungskräfte, Feuerwehrleute, Ordnungs- und Jugendamtler, tausende private Security-Mitarbeiter in Diensten der Städte und sonstige Betriebs- und Materialausgaben. Aber eins ist klar: Es wird ein gewaltiger Apparat aufgebaut, damit Karnevalisten sich wild, anarchisch und frei wähnen – ganz nach Plan.
Betreutes Feiern: Die Illusion vom freien wilden Karneval - WELT
Ab sofort strömen die Jecken wieder durch die Karnevalshochburgen und fühlen sich anarchisch. Aber weit gefehlt. In Wirklichkeit lenkt und steuert, umsorgt und behütet Vater Staat sie rund um die Uhr mit einem gewaltigen Fürsorge-Apparat. Der Sozialstaat hat den Karneval erobert.











