PfadnavigationHomeICONISTModeBobby KoladeEr war ein Mode-Wonderboy, aber schaffte nicht den Sprung in die ProfitabilitätVeröffentlicht am 17.03.2026Lesedauer: 7 MinutenBobby Kolade und Models bei der Show seines Labels Buzigahill in Berlin Quelle: FINNEGAN KOICHI GODENSCHWEGERDer Designer Bobby Kolade ist der Sohn eines Deutschen und einer Nigerianerin und entwirft in Uganda Mode aus Altkleidern. Dafür ist ihm keine Technik zu aufwendig. Zumindest in Japan hat man ihn verstanden.In der dunklen, dystopischen Halle, einem ehemaligen Elektrizitätswerk in Berlin-Kreuzberg, ist am Montagvormittag um 11.30 Uhr das Hupen größerer und kleinerer Autos zu hören, aufgenommen in den Straßen von Kampala. Dann eine knisternde Aufnahme von Milton Obote, dem ersten Ministerpräsidenten des Landes, als er 1962 die Unabhängigkeit Ugandas erklärte. Die Show des Modedesigners Bobby Kolade und seiner Marke Buzigahill während der Berliner Fashion Week konnte vielleicht nicht anders beginnen. „Das wichtigste Thema meiner Arbeit ist Heimat“, sagt Kolade, 38, im Interview, und in den Shownotes schreibt er: „Wenn Ostafrikaner aus der Millennial-Generation die Fotos ihrer Großeltern in ihrer Jugend betrachten, die auf dem Parkett tanzen, vor einem Citroën oder VW Käfer posieren, der neben einem blühenden Bougainvillea-Busch geparkt ist, warum werden dann unsere Augen weich vor Nostalgie?“ Er wolle mit seiner Kollektion dem Versprechen nachspüren, das in den 60er- und 70er-Jahren in Uganda oder Kenia in der Luft gelegen habe. Kolade ist der Sohn eines Deutschen und einer Nigerianerin, aufgewachsen ist er zwischen Lagos und Kampala. Nachdem er 13 Jahre nicht in Afrika gewesen war, zog er 2018 wieder zurück. Dort gründete er seine Marke, die nach einem Stadtteil der Hauptstadt Ugandas benannt ist, und die er jetzt in der zweiten Saison in Berlin zeigt. Tim Blanks von „Business of Fashion“ ist da, Designer und Modelegende Edward Buchanan bekennt sich als „such a fan“, ein Londoner Einkäufer sagt, dass Kolade – neben der Marke GmbH – in Berlin eine herausragende Rolle spiele. Kolade ist kein Unbekannter in der Stadt. Von 2013 bis 2016 entwarf er hier unter seinem eigenen Namen dekonstruierte, intelligente – und wenn es in der Mode nicht so ein Unwort wäre, könnte man sagen: witzige Klamotten. Er war ein Mode-Wonderboy, aber er schaffte nicht den Sprung in die Profitabilität. Nach Neustartversuchen, Therapie und Zeit zum Nachdenken ging er zurück in das Land, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte.Reste einer globalen VerschwendungsindustrieAnfang des 20. Jahrhunderts war Uganda ein wichtiger Baumwollfabrikant. Von der Industrie jedoch ist, wie Kolade feststellen musste, wenig übrig geblieben. „Die Menschen kaufen Billigstmode aus China. Oder Secondhand“, sagt er. Was in Europa in die Altkleidersammlung gegeben werde, werde in riesigen Lagerhallen in Europa oder den Arabischen Emiraten sortiert. Was gut genug ist, bleibt in oder geht zurück nach Europa in die Vintage-Stores. Der Rest wird in Ballen nach Afrika verkauft und landet nach einigen Zwischenschritten auf den Märkten der Großstädte.Aus Kleidungsstücken, die sein Team auf dem Owino-Markt in Kampala oder auf dem Gikomba-Markt in Nairobi findet, schneidert es die Buzigahill-Kollektionen, die den Untertitel „Return To Sender“ tragen. Es sind die Reste einer globalen Verschwendungs- und Verwertungsindustrie, das Verfahren nennt sich Upcycling. Es ist nicht neu, und Kolade nicht der Einzige, der so arbeitet. Doch wie sich am Montag dieser Woche zeigt: Es kommt nicht nur auf gute Absichten und die richtige Botschaft an. Sondern auf eine unbeirrbare Kreativität.Lesen Sie auch„Unsere Stoffe wurden getragen, gewaschen, in die Sonne gehängt. Die fühlen sich anders an als etwas von Bottega oder auch Acne“, sagt Kolade. So tüftelte er daran, aus unterschiedlichsten Klamotten stimmige Looks zu machen. Sämtliche Objekte sind Einzelstücke, und doch müssen sie wiedererkennbar und im weiteren Sinne reproduzierbar sein. Der Designer lässt T-Shirts in dünne Fäden schneiden, die er zu langfransigen Schals zusammenknotet. Er schneidet bei Dutzenden Jeans die Gürtelbünde ab, um sie wieder zu Jacken zusammenzusetzen, an die Hosen setzt er den Abschluss von Jogginghosen. Daraus entsteht dann ein Hybrid, wie man ihn an Motorradfahrern sieht, in Kampala Boda Bodas genannt: Sie tragen über ihren Sportklamotten noch eine andere Hose, um sich vor Kälte und Dreck zu schützen. Auch die individuellen Slogans auf den kleinen Privatbussen in Uganda dienen ihm als Vorbild. Mal war es „Try Jesus“, in dieser Kollektion ist es die mehrdeutige Frage „Who’s to blame?“, die selbstverständlich auch darauf bezogen werden kann, warum die gewaltigen, energiefressenden Klamottenberge, aus denen er sich bedient, überhaupt erst entstehen. Kolade ist klug genug, diese Frage nicht eindeutig zu beantworten, als er nach seiner Modenschau danach gefragt wird. Aber es sei kein Zufall, dass ein weißes Model dieses Hemd getragen haben.In den letzten Jahren wurde Buzigahill vor allem als geschneiderter Aktivismus wahrgenommen. Kolade wurde zu Ausstellungen eingeladen und sprach auf Konferenzen. „‚Die CEOs von Fast-Fashion-Companies müssten erschossen werden‘, war mein schlimmstes Statement“, erinnert er sich. „Man darf mich einfach nicht auf eine Bühne setzen. Ich werde bei dem Thema emotional.“ Was wohl heißt: Im Atelier ist er besser aufgehoben. Im Sommer 2025 zeigte er seine Mode zum ersten Mal wieder in Berlin, er war einer von vier eingeladenen afrikanischen Designern und erhielt den Hauptförderpreis. Für Buzigahill war das der Anfang eines Strategiewechsels.„Wir haben drei Stimmen: Mode, Kunst und Politik. In den letzten Jahren waren wir sehr politisch unterwegs. Es war nicht immer klar, wofür Buzigahill steht. Ich muss meinen Platz in der Mode wiederfinden“, sagt Kolade, ein beweglicher Mann, der lieber lacht als predigt. Als er 2018 nach Kampala kam, war er noch weit davon entfernt. „Ich war desillusioniert und sauer, ich wollte mit Mode nichts mehr zu tun haben.“ Er arbeitete für eine der wenigen verbliebenen Baumwollfabrikanten, aber die Idee einer Neupositionierung versandete. Kolade zog in ein kleines Haus in Buzigahill. „Damals wohnten alle meine Freunde dort. Es ist sehr ruhig und grün, mit Blick auf den See. Die Häuser sind aus den 50ern und 60ern, das ist in Uganda alt. Damals spürte ich eine Art Nostalgie, die Zäune waren noch Hecken – und keine Mauern. Ich entdeckte meine Liebe zum Gärtnern.“Lesen Sie auchIn diesem Häuschen sei ihm während des Covid-Lockdowns die entscheidende Idee gekommen. „Ich habe beschlossen, dass ich mache, was alle in Uganda tun: Sie kaufen keine Kleidung aus lokaler Baumwolle, sie kaufen Secondhand.“ Die Anfänge waren bescheiden: Er kaufte sich eine Nähmaschine und begann. Für ihn war das wie eine Rückkehr zu seinen Anfängen. In seiner Teenagerzeit war Kolade Moderator bei einer Kindersendung in Uganda. „Ich ging in die Schulen, führte Interviews und fühlte mich wie Oprah Winfrey“, erzählt er. Weil es kein Budget für Styling gab, zerschnitt er alte Sweatshirts und T-Shirts, steckte sie neu zusammen und brachte sie zum Schneider. Später studierte Kolade Modedesign in Berlin, arbeitete kurz für Balenciaga und Margiela, doch seine ersten Designs waren wie eine Vorahnung dessen, was er heute macht. Er hat seinen ganz eigenen Sinn für ExzentrikTrotzdem musste er sich erst herantasten. „Ich habe zuerst ein Jackett gekauft und es auseinandergenommen. Das erwies sich als wahnsinnig kompliziert“, erzählt er von seinen ersten Schritten. „Ich liebe Jacken, Mäntel, Innenfutter, aufwendig konstruierte Kleidung. Ich habe schnell festgestellt, dass ich mich mit T-Shirts beschäftigen muss. Weil wir nicht die Infrastruktur und das Handwerk hatten. Die Leute brauchen mindestens ein Jahr, um zu verstehen, auf welchem Niveau wir arbeiten müssen. Die Schneider haben noch nie hochwertige Klamotten gesehen. Woher sollen sie wissen, wie sich ein Margiela-Mantel anfühlt?“Die Mühe lohnt sich. Kolades Entwürfe sind nicht vordergründig provokant, sondern intelligent und, ja, auch elegant. Blusen werden mit übergroßen Schleifen versehen und aus unterschiedlichen Stoffen komponiert. Das Ergebnis erinnert zuweilen an Junya Watanabe, einen Wegbegleiter der Comme-des-Garçons-Gründerin Rei Kawakubo, der mit Streetwearbrands und klassischen Hemden- und Anzugstoffen arbeitet, die er virtuos umdeutet und zusammensetzt. Doch der Mann aus Uganda hat seinen ganz eigenen Sinn für Exzentrik: Mal verwendet er ein blaues T-Shirt der Fachhochschule Jena, mal einen flatternden dunklen Stoff, auf den ein Schwarm Haie gedruckt ist. Dass er in keinem einzigen deutschen Concept-Store verkauft wird, ist streng genommen ein Skandal.