PfadnavigationHomePolitikAuslandECFR-StudieDer Erfolg der Neuen Rechten in Europa – und was gegen sie wirktVon Till HennigesVeröffentlicht am 05.02.2026Lesedauer: 6 MinutenUngarns Premier Viktor OrbánQuelle: Nicolas Economou/NurPhoto/picture allianceIn Europa ziehen rechtsnationale mit etablierten Parteien gleich. Laut einer neuen Studie basiert das Erfolgsrezept moderner rechter Parteien auf vier Säulen. Die Studie zeigt jedoch auch, mit welchen Maßnahmen sie wieder zurückgedrängt werden könnten.Rechtsnationale Parteien gewinnen in Europa an Zuspruch. Im Februar 2025 verzeichnete die Parteienfamilie in Europa einen durchschnittlichen Wahlerfolg von 24 Prozent – und zog erstmals seit 1920 mit Konservativen und Sozialdemokraten gleich. In Ungarn oder Italien sind ihre Vertreter an der Macht. In Frankreich oder Deutschland bringen sie sich in Stellung. Ihre Parteienfamilie nennt sich Neue Rechte, die sich Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre als politische Strömung formierte und von der sogenannten alten Rechten unterscheidet. „Unser anfänglicher Kampf richtete sich gegen das ‚Syndikat der alten Rechten‘, das pro Globalisierung, pro EU und auf die neoliberale Agenda ausgerichtet war“, erklärt eine anonyme Quelle aus der Neuen Rechten, die der European Council on Foreign Relations (ECFR) in seiner jüngsten Studie zitiert. Inzwischen sind ihre Forderungen deutlich ehrgeiziger und radikaler. „The New Right: Anatomy of a Global Political Revolution“ heißt die Studie von ECFR-Chef Mark Leonard, die WELT und den Partnermedien der Leading European Newspaper Alliance (Lena) exklusiv vorliegt. Mit ihrem Erscheinen startet der ECFR eine neue Forschungsreihe, die den Status quo europäischer Politik analysiert. Die Studie ergründet, was die Neue Rechte ausmacht, und zeigt Wege, wie man ihr begegnen kann. Lesen Sie auchDie Neue Rechte ist nach Leonard eine „hypermoderne“ politische Kraft, die sich an die Bedingungen der 2020er-Jahre angepasst habe. Trotz nationaler Unterschiede folgen alle Parteien demselben Gerüst mit vier in sich verzahnten Säulen, verbunden durch einen gemeinsamen Gegner – den Liberalismus. Als erste Säule nennt Leonard eine gemeinsame Krisendiagnose, die die Neue Rechte verbindet. Demnach ist die Gegenwart eine „Polykrise“, die unter anderem aus Migration, Krieg oder Pandemie besteht. Dafür macht die Neue Rechte die liberale Ordnung und Globalisierung verantwortlich. Der Liberalismus hat eine Welt voller gegenseitiger Abhängigkeiten geschaffen, die politisch kaum zu kontrollieren sind und Gesellschaften aushöhlen. Die Parteifamilie der Neuen Rechten verkauft sich hier als Retter in der Not: Sie verspricht Ordnung, indem sie bestehende Regeln, Institutionen und Tabus offen angreift. „Zerstören ist der eigentliche Punkt“, lässt Leonard eine weitere Person aus dem Umfeld der Bewegung zu Wort kommen. Ein „neuer Klassenkrieg“Die zweite Säule ist der Aufbau einer neuen Klassenkoalition. Anders als die alte Rechte grenzt sich die Neue Rechte nicht nur nach links ab, sondern auch vom neoliberalen Establishment, auf dem die alte Rechte einst fußte. Die Neue Rechte präsentiert sich als politische Heimat jener Gruppen, die sich als Verlierer der Globalisierung und liberaler Politik empfinden – dazu gehören Arbeiter, Nichtakademiker oder Bewohner strukturschwacher Regionen. Von dort aus will sie ihre Wählerschaft sukzessive und nachhaltig ausbauen. Diese Strategie gilt als „neuer Klassenkrieg“, der sich gegen urbane Eliten, Bürokratien oder Konzerne richtet. Leonard zeigt, dass die Neue Rechte verspricht, kulturellen Konservatismus mit schützender Sozialpolitik zu verbinden – unabhängig davon, wie belastbar dieses Versprechen politisch tatsächlich ist. Drittens verfügt die Neue Rechte laut der Studie über eine kohärente politische Agenda, mit der sie nationale Kulturen erhalten will. Sie konzentriert sich auf vier Politikfelder: Migration (Abschottung), Wirtschaft (ökonomischer Nationalismus und Reindustrialisierung), Außenpolitik (Souveränität) und Staat (Abbau).Die Kommunikationsstrategie identifiziert die Studie als vierte Säule. Die Neue Rechte nutzt die Fragmentierung der Öffentlichkeit. Sie dominiert soziale Medien und mobilisiert ihre Anhänger über Emotionen und Identität. „Es geht nicht mehr nur darum, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, sondern darum, unterschiedliche Fakten zu haben.“ Der Verweis auf Meinungsfreiheit dient dabei als Hebel gegen Medien, Wissenschaft und Regulierung.Lesen Sie auchWolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, stimmt den Erkenntnissen der Studie grundsätzlich zu. Die Rechtsaußenbewegung vereine ihre übergreifenden Kräfte zu einem gemeinsamen Überbau, sagt er im Gespräch mit WELT. Laut Schroeder bieten die Ergebnisse eine Grundlage für weitere Analysen, sind aber nicht als Blaupause für das Vorgehen aller Parteien der Neuen Rechten zu verstehen. Sie „agieren nicht in einem luftleeren Raum. Sie unterscheiden sich entlang der jeweiligen nationalen politischen Kultur und des nationalen Parteiensystems“, sagt er.Alle vier Säulen könne man in der AfD wiederfinden, sagt Schroeder. Die individuelle Ausprägung der AfD, sich inhaltlich radikal und rhetorisch pointiert auszuleben, spiegele sich in den inneren Kräfteverhältnissen der AfD und ihrer Verknüpfung mit den Vorfeldorganisationen wider. Hinzu komme ihre quasi monopolistische Stellung im Rechtsaußen-Lager. „Wenn eine Partei der monopolistische Akteur im rechten Lager ist, dann ist die Interpretation der gesellschaftlichen Ausgestaltung anders, als wenn sie sich in einem harten Wettbewerb zwischen verschiedenen Gruppen platzieren muss“, erklärt Schroeder. Das mache es aber auch so schwer vorherzusehen, wie sich die AfD entwickeln werde. Rechte Parteien, berichtet Schroeder, verfolgten im parlamentarischen Kontext zuweilen eine Verharmlosungsstrategie, um sich eine Macht- und Koalitionsoption zu ermöglichen. Weder kopieren noch moralisch belehrenLeonard widmet sich in seiner Studie auch der Frage, wie die politische Mitte der Neuen Rechten begegnen kann. Er plädiert dafür, die Neue Rechte weder zu kopieren noch moralisch zu belehren. Man müsse ihr mit „Neugier auf ihre Ideen und Respekt für ihre Wähler“ begegnen, sagt die Studie. Daraus resultieren für Leonard drei strategische Empfehlungen. Erstens müssen demokratische Parteien eigenes politisches Terrain besetzen, von dem aus sie glaubwürdig sprechen können. Ihre Sprache muss die Unsicherheit und Realität anerkennen, statt sie technokratisch abzumoderieren. Lesen Sie auchZweitens müssen Mainstream-Parteien so regieren, dass sie Arbeiter und verletzliche Gruppen nicht zurücklassen. Die Politik der vergangenen Jahrzehnte hat Vertrauen zerstört. Vielmehr ist eine Politik notwendig, die Verlierern wieder Anschluss ermöglicht. Drittens plädiert die Studie für eine neue kollektive Identität, die weder „ethnonationalistisch“ noch zu „woke“ ist. Die Neue Rechte bietet ein emotionales Mehrheitsnarrativ von Nation, Kultur und Zugehörigkeit. Dem muss der demokratische Mainstream etwas ebenso Verbindendes entgegensetzen.Den Handlungsempfehlungen pflichtet Schroeder auch bei. Er befürwortet es ebenfalls, dass die demokratische Mitte eine inklusive gesellschaftliche Strategie verfolge. Diese müsse aber authentisch für und mit der Mitte kommuniziert werden. „Das heißt nicht, von der Minderheitsposition her zu denken, sondern so, dass die Mehrheit sich angesprochen und ernstgenommen fühlt.“ Das könne die Wir-Konstruktion der Gesellschaft stärken; zugleich könne es auch selbstkritisch bedeuten, dass man vom Habitus einer avantgardistischen Position Abstand nimmt. Die AfD werde vermutlich ein dauerhafter Akteur bleiben, mit dem man lernen müsse, zu leben, glaubt Schroeder. Für einen erfolgreichen Kampf gegen die AfD „braucht es am Ende auch ‚Deliverism‘“. Das heißt, dass die Politik nicht nur versprechen, sondern auch liefern müsse.Till Henniges ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism and Technology.
ECFR-Studie: Der Erfolg der Neuen Rechten in Europa – und was gegen sie wirkt - WELT
In Europa ziehen rechtsnationale mit etablierten Parteien gleich. Laut einer neuen Studie basiert das Erfolgsrezept moderner rechter Parteien auf vier Säulen. Die Studie zeigt jedoch auch, mit welchen Maßnahmen sie wieder zurückgedrängt werden könnten.






