PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungProteste im IranReza Pahlavi – der Moderator des ÜbergangsVon Sineb El MasrarVeröffentlicht am 03.02.2026Lesedauer: 5 MinutenDemonstration in Köln mit einem Bildnis des Schah-Sohnes Reza PahlaviQuelle: picture alliance/Panama Pictures/Christoph HardtBei den Protesten gegen die Mullahs im Iran erfährt der Schah-Sohn Reza Pahlavi zunehmend Unterstützung. Er könnte eine Rolle spielen wie einst ein König in Europa, schreibt die Schriftstellerin Sineb El Masrar in einem Gastbeitrag.Der Mut des iranischen Volkes, die Demonstrationen und die damit verbundenen Opfer müssen jedem Beobachter den größten Respekt abverlangen. Ob und wie es einen Übergang zu einem neuen Iran geben kann, dazu kursieren verschiedene Szenarien. Ich möchte sie um eine Perspektive aus Marokko ergänzen, jenem Land, welches dem Schah und seiner Familie 1979 ein temporäres Exil bot. Von dort aus blicke ich regelmäßig auf das wenige Kilometer entfernte Spanien. Und ich wünsche mir, dass dem iranischen Volk gelingt, was Spanien vor 50 Jahren gelang.Seit Jahren erfährt der Kronprinz Reza Pahlavi im Iran zunehmende Unterstützung bei der Bevölkerung. Dennoch fällt die Berichterstattung darüber in Deutschland erstaunlich verhalten aus. Seine Bedeutung für die Menschen im Iran und im Exil wird häufig heruntergespielt. Kommentare und Einordnungen verweisen fast ausschließlich auf die autoritäre Herrschaft seines Vaters und den mangelnden Zuspruch der Menschen vor Ort. Lediglich Verzweiflung würde den Ruf nach ihm begründen. Solche Ausführungen klingen mehr als befremdlich, denn sie ignorieren die politische Gegenwart des Iran und verweisen auf westliche – insbesondere linke – blinde Flecken.Als das iranische Volk Ende vergangenen Jahres begann, sich gegen die islamistischen Machthaber zu erheben, jährte sich der Tod des spanischen Diktators Francisco Franco zum 50. Mal. Spanien erinnerte sich daran, wie dessen jahrzehntelange Herrschaft endete und ein Übergang begann. Warum fällt es in Deutschland so schwer, historische Parallelen zu erkennen, wenn es um den Iran und Reza Pahlavi geht?Spanien war 1975 tief gespalten. Als Juan Carlos nach Francos Tod König wurde, misstraute vor allem die Linke ihm. Sozialisten, Kommunisten und Republikaner sahen in ihm keinen Hoffnungsträger, sondern jemanden, der Diktatur und Unterdrückung fortsetzen würde. Dieses Misstrauen war berechtigt: Juan Carlos war von Franco als Nachfolger ausgewählt und politisch ausgebildet worden.Gerade deshalb ist seine spätere Entwicklung bemerkenswert. Als Juan Carlos I. nutzte er seine Position nicht zur Machtsicherung, sondern er begrenzte seine Macht. Er legalisierte Kommunisten und Sozialisten, akzeptierte freie Wahlen und stellte sich hinter eine Verfassung, die seine eigene Rolle einschränkte. Die Linke blieb kritisch, aber sie erkannte, dass ein geordneter Übergang wichtiger war als Ideologie.Lesen Sie auchDer Iran steht heute vor einer ähnlichen Zerreißprobe. Allerdings unterscheidet sich die Rolle der Linken. Iranische Linke – moralisch gestützt von marxistischen und antiimperialistischen Genossen aus dem Westen – spielten eine entscheidende Rolle bei der Machtübernahme der Mullahs. Viele von ihnen erkannten nicht den reaktionären Kern der religiösen Bewegung. Die jahrzehntelange Sowjet-Propaganda hatte den Verstand der marxistischen Aktivisten dermaßen vernebelt, dass sie zu dem Schluss kamen, Islamisten seien potenzielle Verbündete. So weit ging nicht einmal die Sowjetunion. Viele linke Akteure kämpften gegen den Schah, wurden dann aber von den neuen Machthabern verfolgt oder eliminiert.Heute verfolgt ein Teil der europäischen Linken ähnliche Strategien. Man plädiert für einen Dialog mit islamistischen Akteuren. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung empfiehlt in „Materialien 17 – Dialog mit dem politischen Islam II“ explizit, „kritisch mit Islamisten zu reden“. Sie gelten als legitime Akteure sozialer Politik – ihre autoritären, antipluralistischen Strukturen werden ausgeblendet.Hinzu kommt der Mythos von der entscheidenden Rolle des Westens und insbesondere der USA beim Sturz des iranischen Premiers Mohammad Mossadegh im Jahr 1953. Dass die CIA und britische Dienste daran beteiligt waren, den Schah zurück an die Macht zu bringen, ist historisch belegt. Doch daraus zu schließen, der Westen habe die Demokratie im Iran „entfernt“ und die Islamische Republik herbeigeführt, ist eine Vereinfachung. Diese Lesart diente lange dazu, die autoritäre islamische Herrschaft zu relativieren.Lesen Sie auchWer Reza Pahlavi ablehnt, übersieht: Islamisten können keinen demokratischen Übergang ermöglichen. Ihr Machtanspruch ist absolut, religiös legitimiert und unvereinbar mit Pluralismus. Reformen werden immer nur behauptet, aber nie vollzogen. Das zeigt die Geschichte des Iran seit der Revolution von 1979. Auch die sogenannten „Reformer“ innerhalb des Systems stellen keine Alternative dar. Sie verfügen weder über Macht noch über den Willen, das System zu verändern. Dennoch wurden sie uns medial und politisch jahrelang als Hoffnungsträger verkauft.Reza Pahlavi steht außerhalb dieses Systems. Er könnte einen Übergang moderieren, weil seine Legitimation politisch verhandelbar ist. Islamisten müssten ihre Macht infrage stellen, etwas, was sie strukturell nicht können. Wer diese Asymmetrie ignoriert oder aus Antimonarchismus verwirft, verkennt die politische Realität des Iran.Juan Carlos wurde von einem Diktator erzogen, um das autoritäre System fortzuführen – und entschied sich schließlich anders. Durch sein Handeln wurde er zum Demokraten. Reza Pahlavi steht heute vor einer ähnlichen Bewährungsprobe. Nur hat er keine institutionelle Macht, keine Armee und keinen Staat. Sein Angebot ist Vermittlung, nicht Restauration. Und genau das macht ihn relevant.Lesen Sie auch50 Jahre nach Francos Tod zeigt sich: Demokratien entstehen nicht in moralischer Makellosigkeit, sondern durch schwierige Kompromisse. Die spanische Linke akzeptierte einen Monarchen aus der Zeit der Diktatur, um die Demokratie zu gewinnen. Die iranische Linke – im Land selbst wie im Exil – steht heute vor der Aufgabe, sich ihrer Geschichte und ihrer Beziehung zum Islamismus zu stellen. Der Blick auf das Beispiel Spanien zeigt: Ein Kronprinz kann Teil der Lösung sein, und eine Linke, die Verantwortung übernimmt, kann zum Motor der Demokratie werden. Entscheidend ist nicht, ob die Iraner das Beispiel Spanien kopieren können, sondern ob sie aus der Geschichte lernen. Ob die Berichterstattung im Westen endlich die Stimmen und Erfahrungen der Menschen ernst nimmt, statt sie zu belehren. Wer das schafft, gibt dem iranischen Volk die Chance, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.Sineb El Masrar ist eine deutsch-marokkanische Autorin. Von ihr erschien u.a. „Heult leise, Habibis" (Eichborn).