PfadnavigationHomePolitikNach DrohungenWarum Constantin Schreibers Late-Night-Show unter starken Sicherheitsvorkehrungen stattfindetVon Sergen KayaVolontär an der Axel Springer AcademyVeröffentlicht am 29.01.2026Lesedauer: 5 MinutenHass, Hetze und Drohungen auf Social Media sind alltäglich – vor allem wenn es ums Thema Israel gehtQuelle: Sergen Kaya, Constantin Schreiber/X; Montage: Infografik WELT/Claudia WeidnerHass trifft in Deutschland zunehmend Menschen, die jüdisch sind oder sich öffentlich zu Israel bekennen. Auch Axel Springer Global Reporter Constantin Schreiber ist davon betroffen. Er bekommt zahlreiche Drohungen.Wer sich derzeit öffentlich zu Israel äußert oder Veranstaltungen zu dem Thema organisiert, sieht sich zunehmend Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Das muss auch der Journalist und Axel Springer Global Reporter Constantin Schreiber erfahren. Seit Wochen erhält er massive Beschimpfungen und Gewaltandrohungen. Darunter Nachrichten wie „Dich muss man ausschalten“, „Du hässlicher Nuttensohn mit deinen Hasenzähnen, komm nach Hamburg, und das war dein letzter Akt“ oder „Schreiber sollte nicht versehentlich in unsere geballte Faust laufen“. Entsprechende Screenshots liegen WELT vor. Doch es bleibt nicht nur bei wüsten Beschimpfungen. Constantin Schreiber berichtet von einer Situation, als er am Gleis eines Bahnhofs stand und unbemerkt von einer unbekannten Person fotografiert wurde. Wenige Minuten später erscheint das Bild auf seinem Smartphone als Direktnachricht auf Instagram. Dazu der Satz: „Nächstes mal habe ich ein Messer dabei“. „Seitdem bewege ich mich im öffentlichen Raum anders“, sagt Schreiber im Gespräch. Er achte darauf, freie Sicht nach hinten zu haben, schaue sich häufiger um und vermeide Situationen, in denen er überrascht werden könnte. Draußen fühle er sich seither nicht mehr ganz so sicher.Schreiber erstattete bislang nur in einem Fall Strafanzeige. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena wurde er 2023 bei einer Lesung mit einer Torte beschmiert. Ein bislang unbekannter Mann rieb ihm die Torte ins Gesicht, das Programm musste daraufhin unterbrochen werden. Bereits vor der Lesung hatten Protestierende Schreiber als „rassistisch und islamfeindlich“ bezeichnet und Flugblätter verteilt, in denen er als Rechtspopulist beschimpft wurde.Lesen Sie auchSchreiber berichtet seit Jahren aus Tel Aviv. Nach seinem Abschied von der „Tagesschau“ im Frühjahr 2025 hat er ein neues Veranstaltungsformat entwickelt. Seine Late-Night-Reihe „HaTikva“, hebräisch für „Die Hoffnung“, ist als Zeichen gedacht und als Einladung zum Gespräch in Zeiten verhärteter Fronten. Diesen Donnerstag findet 20 Uhr seine Veranstaltung in der Urania in Berlin auch unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Am Einlass gibt es Taschen- und Körperkontrollen, zusätzlich ist Sicherheitspersonal während der gesamten Veranstaltung im Einsatz. Hintergrund ist eine Gefährdungseinschätzung, bei der eine Gefahr nicht ausgeschlossen werden kann. Auf Nachfrage bestätigt die Polizei Berlin gegenüber WELT, dass sie „im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Lage im Kontext des Nahostkonflikts insgesamt ein erhöhtes Fallaufkommen bei Sachverhalten mit Bezug zu israelbezogenen Veranstaltungen“ feststellt. Es werde fortlaufend ein polizeiliches Lagebild erstellt und regelmäßig an die zuständigen Dienststellen übermittelt. Am Fall von Constantin Schreiber zeigt sich jedoch, wie komplex der Umgang mit Bedrohungen geworden ist. Gefährdungsanalysen für Einzelpersonen werden jeweils von dem Landeskriminalamt erstellt, das für den Wohnort zuständig ist. Da Schreiber in Israel lebt, müssen zunächst die dortigen Behörden eine Einschätzung vornehmen, bevor diese an deutsche Stellen weitergegeben wird. Wie schnell Anfeindungen in Gewalt kippen können, zeigte der Fall des jüdischen Studenten Lahav Shapira. Im Februar 2024 entfernte er bei einer Hörsaalbesetzung an der Freien Universität Berlin israelfeindliche Plakate. Vor dem Gebäude wurde er von einem Kommilitonen abgepasst, bedrängt und angegriffen. Shapira wurde schwer verletzt. Der Täter wurde später wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Für Shapira war der Angriff ein Einschnitt. Er berichtete von antisemitischen Parolen auf dem Campus, von Gewaltaufrufen und davon, dass er sich nur noch in Gruppen oder mit Security über das Gelände bewege. In der Polizeilichen Kriminalstatistik existiert indes kein eigener Schlüssel für antisemitische Straftaten. Die Taten verteilen sich auf verschiedene Delikte: Volksverhetzung, Beleidigung, Sachbeschädigung, Beschimpfung von Religionsgemeinschaften. Wer das tatsächliche Ausmaß verstehen will, muss zusätzlich die Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität heranziehen. Wie der Tagesspiegel berichtete, ist die Zahl der antisemitisch motivierter Straftaten allein in Berlin 2025 erneut gestiegen – von 1823 im Jahr 2024 auf 2112 im vergangenen Jahr. Das sei der höchste Wert in Berlin seit mindestens 30 Jahren, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Sicherheitskreise.Lesen Sie auchAuch der aktuelle Verfassungsschutzbericht schlägt Alarm. Antisemitismus gilt darin als eine der zentralen Herausforderungen für die innere Sicherheit, heißt es darin. Als Auslöser einer deutlichen Verschärfung benennt der Bericht den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. In der Folge seien antisemitische Straftaten in nahezu allen extremistischen Phänomenbereichen angestiegen. Besonders deutlich fiel der Zuwachs im auslandsbezogenen Extremismus sowie im islamistischen und linksextremistischen Spektrum aus. Der Verfassungsschutz beschreibt Antisemitismus und Israelfeindschaft zudem als verbindendes Narrativ. Ideologisch eigentlich getrennte Milieus finden hier eine gemeinsame Klammer. Propagandistische Vereinfachungen und Verschwörungserzählungen würden gezielt über soziale Netzwerke verbreitet. Der Kriminologe Dirk Baier erklärt diese Eskalation mit gesellschaftlicher Polarisierung. Wo sich Lager unversöhnlich gegenüberstehen, würden soziale Medien Konflikte besonders laut sichtbar machen. Beim Thema Israel träfen scharfe Kritik an der israelischen Politik und Engagement gegen Antisemitismus aufeinander. Das seien wiederum zwei Positionen, die im digitalen Raum kaum noch nebeneinander existierten. Strafbar werde digitale Kommunikation dort, wo ganze Gruppen herabgewürdigt, zu Hass oder Gewalt aufgerufen oder konkrete Drohungen gegen Einzelpersonen formuliert würden. „Je mehr sich der Eindruck verfestigt, dass Hass und Hetze Online erlaubt sind, umso offener tut man dies dann auch“, sagt Beier. Und weiter: „Wenn andere hassen, dann darf auch ich hassen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Plattformen bestimmten Content moderieren und auch löschen.“Gleichzeitig bleibe vieles folgenlos, weil Drohungen nicht angezeigt würden. Das schwäche die abschreckende Wirkung von Strafverfolgung. Baier sieht zudem eine starke Gruppendynamik. Täter rechtfertigten ihr Verhalten mit vermeintlicher Provokation oder moralischer Legitimation. Journalisten und öffentliche Personen gerieten so besonders ins Visier, weil Medien, Politik und Wissenschaft zunehmend als feindliche Institutionen markiert würden.Die Folgen für Betroffene seien erheblich. Wer dauerhaft angegriffen werde, ziehe sich aus der öffentlichen Debatte schneller zurück. Zurück blieben die Lauten und die Aggressiven. Der digitale Raum wirke dabei wie ein Verstärker.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).