PfadnavigationHomeICONISTTrendsMusical „The Last Ship“Der Working Class Hero nimmt Abschied – Sting und das letzte SchiffVon Martin ScholzRedakteur Titelthema Welt am SonntagVeröffentlicht am 04.02.2026Lesedauer: 6 MinutenSchiebermütze und Sicherheitsgeschirr: Sting als Vorarbeiter Jackie White im Carré Theater in AmsterdamQuelle: The Last Ship/Mark SeniorRückkehr in eine verlorene Welt: Sting spielt in einer Neufassung seines Musicals „The Last Ship“ in Amsterdam einen Helden der Arbeit, der gegen die Schließung einer Schiffswerft kämpft.Der Mann mit dem krassen Kurzhaarschnitt atmet schwer. In seinem abgenutzten Arbeiter-Overall liegt er da im Scheinwerferlicht, in den Armen seiner Frau. Es geht zu Ende mit ihm. Sting stirbt den Bühnentod in seiner Rolle als Vorarbeiter Jackie White. Trotz Krebserkrankung hat sich dieser Working Class Hero in einer neuen Fassung von Stings Musical „The Last Ship“, das jetzt im Carré Theater in Amsterdam zu sehen ist, lange gegen die drohende Schließung einer Schiffswerft in Wallsend nahe Newcastle gewehrt. Hat seine Leute singend motiviert, das Unvermeidliche nicht hinzunehmen: Haltung zeigen, Würde bewahren. Das Stück geht zurück auf das Sterben der Schiffsbauindustrie in Stings englischer Geburtsstadt Anfang der 80er-Jahre. Auf der Bühne wird mit Liedern gegen den drohenden Zusammenbruch dieser Arbeitswelt protestiert, mit traurigen Moritaten, Shantys sowie Folk- und Pop-Songs, die der englische Star eigens für dieses Stück geschrieben hat. Jackie White und seine Leute leisten auf ihre Weise Widerstand, sie wollen das letzte noch in Auftrag gegebene Schiff, die „Utopia“, fertig bauen. Doch den Stapellauf erlebt der todkranke Vorarbeiter nicht mehr. Auf dem Schoß seiner Frau liegend, rutscht Sting der Kopf zur Seite. Aus. Vorbei. Im Carré Theater hört man hier und da ein Schniefen.Die etwas Älteren werden sich erinnern, dass sich der 74-jährige Rockstar immer wieder auch als Schauspieler betätigte und in seinen Rollen schon öfter letzte Atemzüge darbot. In David Lynchs „Dune“-Verfilmung von 1984 wurde er als sadistischer Schurke Feyd Harkonnen in einem Messerduell getötet, 1989 starb er als Mackie Messer am Broadway in der „Dreigroschenoper“. Im Film „Stormy Monday“ (1988), der ebenfalls in Newcastle spielt, schafft er es dann, als Jazzclub-Besitzer, den Mordversuchen amerikanischer Investoren und Mafiosi zu trotzen, die das marode Hafenviertel der krisengeschüttelten Stadt an sich raffen wollen.In „The Last Ship“ hat er diese enge Bindung zu seiner Heimatstadt wieder aufgenommen und auch das Thema einer Gemeinschaft, die sich wehrt, von Umbrüchen überrollt zu werden. In Amsterdam führt er sein von persönlichen Erinnerungen geprägtes Musical in einer bearbeiteten Fassung auf. Lesen Sie auchDazu ist zuletzt eine um mehrere neue Songs erweiterte Fassung des Albums zu dem Musical erschienen, „The Last Ship. Expanded Edition“ (Universal Music). Und dieses Mal übernimmt er auf der Bühne – anders als bei vielen vorherigen Inszenierungen – selbst eine Hauptrolle. Als „The Last Ship“ 2014 in Chicago und dann in New York erstmals aufgeführt wurde, hatte es keinen schwungvollen Stapellauf. Was zum einen daran lag, dass sich das amerikanische Publikum für diese Geschichte über nordenglische Werftarbeiter nicht groß interessierte. Dass er selbst in den Aufführungen zunächst nicht mitspielte, machte es nicht leichter. Als er zeitweise, 2015 in New York und 2019 in Toronto, als Jackie White auftrat, waren die Säle auf einmal rappelvoll. Sting im vielleicht intimsten Auftritt seiner KarriereFür die Neuauflage gilt deshalb: Wo Sting draufsteht, ist auch Sting drin. Gleich mehrere Wochen spielt er in der niederländischen Metropole (noch bis 1. Februar), danach in Paris (18. Februar bis 7. März), Brisbane (9. April bis 3. Mai), New York (9. bis 14. Juni) – wegen der großen Nachfrage wurden in Amsterdam weitere Aufführungen vom 9. August bis 13. September angesetzt. Für seine Fans ist es eine rare Gelegenheit, ihn in einem so kleinen Rahmen zu erleben: Weltstar ganz nah. Es ist anders als sonst, auch deshalb, weil man ihn im Geordie-Akzent seiner nordenglischen Heimat reden und singen hört.Das Stück ist seit 2014 oft umgeschrieben worden. In der neuen Fassung wird die Story von Gideon, der als junger Mann aus Wallsend floh, zur See fuhr und 17 Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, zurückkommt, eingedimmt. Nach seiner Rückkehr erfährt er, dass er mit seiner Jugendliebe Meg eine Tochter, Ellen, hat, von der er nichts wusste. Neben Gideons Geschichte rückt der Kampf des Vorarbeiters Jackie stärker in den Vordergrund.Mit 74 kehrt der ehemalige Police-Sänger also noch einmal in die Straßen seiner Heimat zurück, aus deren Enge er als junger Mann einst ausriss – was er später auf Alben wie „The Soul Cages“ oder in seiner Autobiografie beschrieben hat. „Ich komme von Newcastle nicht los. Das ist mit paradoxen nostalgischen Gefühlen zu erklären, einer Sehnsucht nach dem, was mal war und nicht mehr da ist“, hat er WELT AM SONNTAG einmal gesagt, „ich denke dabei an die eigentümlichen urbanen Landschaften meiner Kindheit, Bilder von riesigen Schiffen, die in Werften hinter unseren Häusern gebaut wurden. Ich träume in diesen Landschaften.“Lesen Sie auchIm Theater am Ufer der Amstel werden die Traumlandschaften lebendig. Auf einem riesigen LED-Schirm sind ein gewaltiger Schiffsbug zu sehen, sprühende Funken und herabhängende Stahlseile. Ganz am Anfang schreitet Sting mit Schiebermütze und Sicherheitsgeschirr über ein Gerüst davor – es wirkt wie ein Mix aus Ernst Tollers expressionistischem Drama „Die Maschinenstürmer“ und der Feuer- und Metall-Ästhetik von Rammstein-Konzerten. Das Ensemble tanzt, klettert und singt dazu einen ungestümen Folksong: „What do we got? We got nowt else. / Was haben wir denn? Wir haben sonst nichts.“ Arbeit als Sinnstiftung. Die Frage, was es mit Menschen macht, wenn diese Stützkraft wegfällt, stellt Sting oft in seinen Songs. In Zeiten, da KI rasend schnell Jobs überflüssig macht, erscheint diese Frage heute drängender als vor zwölf Jahren bei der Premiere.Die deutlichste Parallele zu seiner eigenen Vita, seiner Flucht aus Newcastle nach London, ist in der Figur einer Frau verdichtet. Ellen, die 17-jährige Tochter von Gideon (wunderbar impulsiv von Hannah Richardson gespielt) will in London in einer Band spielen. Schon kurios, dass genau dort, in London, fast zeitgleich zur Premiere von „The Last Ship“, im High Court die Anwälte der Mitglieder von The Police stritten, jenem Rocktrio, das Sting zum Weltstar machte. Schlagzeuger Stewart Copeland und Gitarrist Andy Summers klagen auf Nachzahlung von Tantiemen, argumentieren, dass alte Vereinbarungen neu interpretiert werden müssten, um Gelder aus Downloads und Streaming-Einnahmen einzubeziehen. Wie die BBC berichtet, hat Sting seinen Ex-Kollegen bislang 870.000 US-Dollar nachbezahlt, was der Gegenseite nicht ausreicht. Der Prozess wird fortgesetzt. Der Streit um die Vergütung von millionenfachen Streams, er zeigt auch, wie populär die Musik des Trios fast 50 Jahre nach seiner Gründung nach wie vor ist.Zum Finale in Amsterdam erklingt kein Hit von Police, sondern der Titelsong „The Last Ship“. Dann steht er selbst noch einmal auf der Bühne, singt im Ensemble das Lied vom letzten Schiff, das die sterbende Werft verlässt, als letztes Zeugnis kollektiver Würde. Mit an Bord ist der Sarg von Jackie White. Die Geschichte vom alten Mann und dem Meer – neu erzählt von Sting.