PfadnavigationHomekmpktSex und KopfkinoWarum Frauen häufiger über das eigene Geschlecht fantasieren als MännerVeröffentlicht am 22.01.2026Lesedauer: 4 MinutenErotische Fantasien bei Frauen sind laut Studie vielseitiger – und richten sich nicht nur an ein GeschlechtQuelle: Getty Images/Westend61Sie gelten als neugieriger, offener, weniger festgelegt: Frauen ticken offenbar anders als Männer. Eine breit angelegte Studie mit mehr als 50.000 Teilnehmern offenbart überraschende Unterschiede – und wirft einen neuen Blick auf Lust und Begehren.Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig: Heterosexuelle Männer begehren vor allem Frauen, heterosexuelle Frauen begehren vor allem Männer. Homosexuelle fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen, Bisexuelle zu beiden. Doch so klar sind diese Kategorien bei sexuellen Fantasien offenbar nicht – zumindest nicht bei Frauen. Das zeigt eine aktuelle Studie mit mehr als 50.000 Teilnehmern, die im Fachmagazin „The Journal of Sex Research“ veröffentlicht wurde. Ein israelisches Forschungsteam aus Psychologen der Universität Tel Aviv untersuchte, ob und wie sich Männer und Frauen in sexueller Anziehung und ihren erotischen Fantasien unterscheiden. Dafür werteten die Wissenschaftler Vorlieben, Einstellungen, Liebesbeziehungen und Wünsche von heterosexuellen ebenso wie von queeren Personen aus mehreren Ländern aus. Das zentrale Ergebnis: Männer empfinden sexuelle Anziehung meist sehr eindeutig gegenüber einem Geschlecht. Frauen dagegen reagieren weniger strikt geschlechtsspezifisch.Doch bevor es um die Gründe geht, zunächst die Frage an dich:Sexuelle Erregung ist messbar Dass Frauen auf sexuelle Reize anders reagieren als Männer, ist keine neue Erkenntnis. Bereits 2004 haben kanadische Sexologen herausgefunden, dass weibliche Genitalien geschlechtsunabhängiger auf sexuelle Reize reagieren. Damals lag der Fokus allerdings ausschließlich auf körperlichen Reaktionen – etwa auf geweiteten Pupillen, Erektionen oder vaginaler Feuchtigkeit. Attraktivität entsteht jedoch nicht nur durch körperliche Reize, sondern auch im Kopf. Genau hier setzt die aktuelle Studie an. Das israelische Team analysierte drei große, bereits bestehende Datensätze mit Angaben zur Geschlechtsidentität und Sexualität von mehr als 50.000 Personen.Lesen Sie auchDie Teilnehmer bewerteten auf Skalen ihre Anziehung zu Männern und Frauen und gaben an, wie häufig sie erotische Fantasien mit beiden Geschlechtern haben. Ergänzend setzten die Forscher auf indirekte kognitive Tests. Dabei mussten die Probanden Begriffe und Bilder möglichst schnell Kategorien zuordnen: „Männer“, „Frauen“ sowie „Ich fühle mich sexuell angezogen“ oder „Ich fühle mich nicht sexuell angezogen“.Die Reaktionsgeschwindigkeit gilt als Hinweis auf automatische erotische Assoziationen. Je schneller die Zuordnung, desto stärker die mentale Verbindung. Zusätzlich wurden weitere Selbstauskünfte zur sexuellen Identität erhoben.Erotisches Kopfkino: Männer klar, Frauen beweglicherDas Ergebnis ist eindeutig: Männer denken auch sexuell deutlich klarer. Heterosexuelle Männer fantasieren fast ausschließlich über Frauen, homosexuelle Männer über Männer – und das nicht nur in ihrem realen Liebesleben, sondern auch im Kopfkino. Fantasien über das nicht bevorzugte Geschlecht spielen für sie kaum eine Rolle. Frauen hingegen zeigen sich beweglicher. Sie geben deutlich häufiger an, auch Fantasien mit dem jeweils nicht bevorzugten Geschlecht zu haben. Die Forscher sehen darin ein Zeichen größerer psychologischer Offenheit gegenüber sexueller Anziehung jenseits der primären Orientierung. Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch Grenzen dieser Flexibilität. Heterosexuelle Frauen bevorzugen Männer – in Selbstauskünften ebenso wie in indirekten Messungen. Diese Präferenz ist lediglich weniger strikt ausgeprägt als bei Männern. Anders bei lesbischen Frauen: Sie zeigen eine ähnlich klare geschlechtliche Exklusivität wie Männer.Fantasien jenseits der Orientierung – warum gerade Frauen?Warum also fantasieren viele heterosexuelle Frauen auch über andere Frauen? Darauf gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Die Forscher sehen jedoch mehrere mögliche Erklärungen. Eine davon: gesellschaftliche Normen. Heterosexuelle Männlichkeit ist in vielen Gesellschaften besonders streng definiert. Abweichungen werden stärker sanktioniert – sozial, kulturell, teils sogar rechtlich. Das könnte dazu führen, dass Männer ihre sexuelle Ausrichtung klarer abgrenzen.Frauen hingegen sind seltener mit Stigmatisierung konfrontiert. Zudem verweisen die Forscher auf den Einfluss sexueller Objektivierung. In westlichen Kulturen wird der weibliche Körper in Medien, Kunst und Werbung stark sexualisiert. Männer wie Frauen lernen früh, ihn als erotischen Reiz wahrzunehmen – unabhängig von der eigenen sexuellen Orientierung. „Das Muster geschlechtsspezifischer Unterschiede deutet auf ein Zusammenspiel mehrerer soziokultureller Faktoren hin“, schreiben die Autoren. Dazu zählen die Objektivierung von Frauen, eine geringere sexuelle Befriedigung heterosexueller Frauen sowie die große Bedeutung von Sexualtrieb und Heteronormativität für männliche Sexualität.Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, plädieren die Forscher für weitere interkulturelle Studien zu Sexualität, Vorlieben und Fantasien.Sabine Winkler berichtet als freie Autorin für WELT regelmäßig über Familienthemen, Reisen und Popkultur. Jeden Montag erscheint ihr Newsletter „Läuft bei uns – der Familien-Newsletter“ in dem sie über ihr Leben als Mama schreibt.