PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungBilanz zur ZuwanderungWir können einiges lernen von den SyrerinnenVeröffentlicht am 17.01.2026Lesedauer: 6 MinutenIn der Tendenz bejahen syrische Frauen Familie, Kinder und damit Zukunft offenbar stärker als Alteingesessene. Ist das etwa ein Grund, sie als rückständig zu ächten?Quelle: picture alliance/Jochen TackEin übles Urteil schimmert durch die Bilanzen syrischer Zuwanderung: Syrerinnen seien zu rückständig, um dem Arbeitsmarkt zu nutzen. Dahinter verbirgt sich ein verkümmerter Sinn für Familie und die Lust an unfreundlicher Schwarz-Weiß-Zeichnung.Ein Feindbild wird dieser Tage belebt: das der kulturfremden Syrerin. Es taucht oft auf, wo die Bilanz eines Jahrzehnts syrischer Zuwanderung gezogen wird. Wie gut haben sie sich in den Arbeitsmarkt integriert? So wird gefragt. Wandert fast eine Million Menschen innerhalb eines Jahrzehnts ein, darf man selbstredend eine Bilanz ziehen. Nur muss man sich dabei schon Mühe geben. Und daran hapert es. Allzu viele begnügen sich aktuell mit einem Ruckzuck-Urteil: Syrer seien seltener in Arbeit, was an ihren Frauen liege. Die seien in ihren traditionellen Rollenbildern völlig verfangen. Ergo: Zuwanderung kulturfremder Menschen bringe nichts.Solch ein Verdikt ist gegenüber syrischen Müttern arg leichtfertig. Es zeugt von verkümmertem Sinn für Familie und Elternschaft. Es beweist Ignoranz gegenüber dem nicht so ganz trivialen Umstand, dass Menschen Kinder brauchen, um eine Zukunft zu besitzen. Und: Es wirft die Frage auf, ob „Kulturfremdheit“ im Deutschland des Jahres 2026 zum Ehrentitel mutiert ist.Lesen Sie auchJa, die Zahlen sind eindeutig: Laut IAB-Untersuchung von 2024 sind bundesweit 61 Prozent aller hiesigen Syrer erwerbstätig – Männer zu 73, Frauen zu 29 Prozent. Syrische Männer sind damit bald so oft erwerbstätig wie der Durchschnitt aller Männer (80 Prozent). Die Quote syrischer Frauen jedoch liegt weit hinter der aller Frauen (74 Prozent). Von wegen „kulturinkompatibel“Wer daraus aber ableitet, Syrer mit ihrem traditionellen Rollenbild seien kulturinkompatibel, ignoriert die Gemeinsamkeiten der allermeisten Familien hierzulande. Denn: Bald drei Viertel aller Mütter im Land arbeiten weniger oder vorübergehend gar nicht, um sich ihren Kindern zu widmen. 70 Prozent schuften deshalb in Teilzeit. 60 Prozent aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren sind überhaupt nicht erwerbstätig. Gewiss, die Distanz zum Arbeitsmarkt ist bei Syrerinnen ausgeprägter, die Tendenz aber ist überall gleich. Dass Frauen in Zeiten der Mutterschaft beruflich zurücktreten, und zwar stärker als Männer, ist nicht spezifisch syrisch. Diese Tendenz verbindet die Kulturen.Zum Teil erklärt sich die niedrige Beschäftigungsquote der Syrerinnen zudem durch einen simplen Umstand: Sie bekommen öfter und mehr Kinder. Folglich sind sie länger als Mütter gefordert. Daten nur für Syrerinnen veröffentlicht das Statistische Bundesamt zwar nicht gesondert. Dennoch deuten etliche Indizien auf eine höhere Geburtenrate bei ihnen hin – wie NRW, das Bundesland mit den meisten Syrern, zeigt. So ist der durchschnittliche Syrer-Haushalt in NRW anderthalb mal so groß wie der Durchschnitt aller Haushalte im Land. Lesen Sie auchAuch die Zahl syrischer Familien mit vielen Kindern ist gemäß Stichproben klar überdurchschnittlich. Das belegen WELT-Recherchen in Essen. In keiner anderen NRW-Stadt leben mehr Syrer. Dort haben 30,6 Prozent der Syrer-Haushalte ein Kind (bei allen Haushalten in Deutschland sind es etwa 50 Prozent). 32 Prozent der Syrer haben zwei Kinder (bei allen Haushalten 37 Prozent). 21,6 Prozent der Syrer-Haushalte zählen drei Kinder. Und beeindruckende 15,7 Prozent der Syrer-Haushalte haben vier oder mehr Kinder (in der deutschlandweiten Statistik werden Haushalte mit drei, vier oder mehr Kindern erst gar nicht getrennt aufgelistet. Sie machen alle zusammen nur zwölf Prozent aus). Syrer haben demnach weit seltener als der Durchschnitt nur ein Kind und mindestens dreimal so oft drei, vier oder mehr Sprösslinge. Überlebensfähigkeit ist nicht rückständigZudem sind syrische Familien im Durchschnitt jünger, das heißt: Ihre Kinder sind pflegebedürftiger. Wer aber mehr und jüngere Kinder hat, bei dem schlägt nun mal verstärkt eine Tendenz durch, die bei Müttern aller Nationalitäten wirkt: Je mehr Kind, desto weniger Beruf. Aber das erklärt nur einen Teil der niedrigeren Erwerbstätigenquote. Es bleibt eine Diskrepanz.Lesen Sie auchDiese verbleibende Restdiskrepanz könnte uns zweierlei lehren. Zum einen neigt die aktuelle Debatte dazu, ein Verhalten als rückständig zu etikettieren, das zwingend erforderlich ist, damit wir Menschen leben können: die Bereitschaft, Kinder zu bekommen. Offenbar liegt die Geburtenrate syrischer Frauen näher an dem statistischen Wert von 2,1 Kindern pro Frau. Von dem hängt bekanntlich ab, ob eine Bevölkerung in unseren Breiten sich aus eigener Kraft erhalten kann. Was ist rückständig daran, überlebensfähig zu bleiben? Was ist verachtenswert daran, dem Leben eine Zukunft zu verschaffen und Familien mit mehr als einem Kind zu bejahen? Sollte das kulturfremd sein, kann man das Fremde nur loben und das Eigene nur tadeln.Unser Glaube ans Arbeit-Kleinfamilie-Kita-System wird erschüttertZum anderen sind Syrerinnen, wie Migrantinnen allgemein, tendenziell etwas zurückhaltender bei der Frage, ob und wie früh ein Kind in eine Kita gehört. Trotz damit oft verbundener finanzieller Einbußen. Unser Kinder-Betreuungssystem, dessen Nutzung wir wie selbstverständlich von Eingewanderten erwarten, wirkt aktuell offenkundig nicht unwiderstehlich auf sie. Gleichwohl fällt manchem Kommentator derzeit nur ein Vorschlag ein: Kinderreiche Syrerinnen sollten ihre Kinder in die Kita bringen, um zu arbeiten. Und um sie zu integrieren. Das klingt verständlich. Integration ist ein hohes Gut. Lesen Sie auchAber: Was muten wir diesen Frauen da zu? Erstens werden noch immer viel weniger Kita-Plätze angeboten als nachgefragt (siehe hier und hier). Nicht selten muss deshalb stundenlange Fahrzeiten einplanen, wer sein Kind in die Kita bringen will. Zweitens sind Kitas aufgrund des Personalmangels so unzuverlässig, dass Eltern schon bei einem Kind Beruf und Familie manchmal kaum solide vereinbaren können. Man denke an die 34.000 Kita-Personalausfälle in NRW binnen eines Jahres, die zu partiellen oder vollständigen Schließungen führten. Oder an die 60 Prozent aller Eltern, die beklagen, unter kurzfristigen Kita-Schließungen zu leiden.Drittens ist die Kita-Betreuungsqualität selbst bei vollzählig anwesendem Personal nur ausreichend. Nirgends in Deutschland erfüllt sie die von Experten der EU-Kommission formulierten Mindeststandards, damit Kinder dort wirklich gut aufgehoben sind. Nicht wenige Eltern können ihre Kinder solchen Kitas kaum mit gutem Gewissen anvertrauen. Von den syrischen Müttern lernen?Viertens erleben Mütter mit drei, vier oder mehr kleinen Kindern zwischen Beruf, Haushalt, schlechten Kitas und abwesendem Mann oft ein Hamsterrad des Grauens, das sie auch gesundheitlich gefährdet. Der „Großteil der unbezahlten Care-Arbeit“ nimmt trotz der real-existierenden Kitas „mit der Zahl der Kinder erheblich zu“, warnt der Verband Kinderreicher Familien Deutschlands (KRFD) gegenüber dieser Zeitung. Deswegen lasse sich nicht einmal „pauschal beantworten“, „ob Erwerbsarbeit unter diesen Bedingungen“ noch „zumutbar“ sei.In dieses System wollen wir alle syrischen Mütter nun hineindrängen? Bei Strafe der Abschiebung? Denn genau das geschieht ja, bedenkt man den Kontext, in den die Arbeitsmarkt-Bilanzen syrischer Einwanderinnen derzeit gestellt werden: Damit wird begründet, warum eine Abschiebeoffensive für Syrer sinnvoll wäre. Die Botschaft lautet: Die sollen ganz schnell in unser anstrengendes Hamsterrad einsteigen – oder wir schieben sie ab. Nun könnte man einwenden, wir Deutschen muteten uns dieses Hamsterrad doch auch zu. Warum dann nicht den Eingewanderten? Aber genau das ist ja die Frage: Wollen wir uns das noch länger zumuten – oder von den syrischen Müttern etwas lernen?