Mit fragwürdigen Prognosen zu ungelösten Kriminalfällen beschäftigt ein selbst ernannter Seher seit Jahren Polizei und Öffentlichkeit. Nur: Manchmal hat Michael Schneider recht. Und viele Deutsche glauben an Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten.Die einen halten ihn für einen Scharlatan, für einen geltungssüchtigen Aufschneider. Andere glauben fest, dass er übersinnliche Kräfte besitzt, loben seine Erfolge. Die Rede ist von einem Mann, der sich „Hellseher“ nennt: Michael Schneider, 55 Jahre alt, wohnhaft in Siegburg bei Bonn. Ein Mann mit langen brünetten Haaren und dunklem Bart, der äußerlich an einen Spät-Hippie erinnert. Ein Mann, der ständig präsent ist, wenn es um die Aufarbeitung spektakulärer Verbrechen geht. Ob im Fall der verschwundenen kleinen Maddie in Portugal, ob im Vermisstenfall Rebecca Reusch aus Berlin oder im Fall des kürzlich tot aufgefundenen achtjährigen Fabian aus Güstrow – stets steht der selbst ernannte Seher mit Hinweisen parat.Kaum wird ein neues Verbrechen bekannt, meldet er sich zu Wort. Weist auf Orte hin, an denen er die Leichen der Opfer vergraben wähnt. Appelliert an die Polizei, seinen Eingebungen zu folgen, ruft Journalisten an, meldet sich bei Angehörigen, posaunt im Internet seine Vermutungen heraus. Gibt Fernseh-Interviews, sendet endlos lange Mails mit unzähligen Links, die seine Erfolge beweisen sollen. Lesen Sie auchEr redet ohne Punkt und Komma: aufgeregt, atemlos, unüberhörbar, laut. Nervt mit penetranter Hartnäckigkeit, gibt keine Ruhe. Dort müsse man suchen und da und bestimmt noch dort. Der Mann strotzt vor Sendungsbewusstsein, ist anstrengend, manchmal auch lästig. Und er erweckt den Eindruck, als würde er selbst felsenfest an seine Bestimmung glauben, Dinge zu erkennen, die den meisten anderen Menschen verborgen bleiben.Wenn Ermittler seine Hinweise ignorieren, ihn nicht ernst nehmen oder abwimmeln, reagiert Schneider verzweifelt und wütend. Vergleicht sich dann mit Don Quichotte, der wie er vergeblich gegen Windmühlen gekämpft habe. In Einzelfällen treffen seine Mutmaßungen tatsächlich zu, manchmal liegt er knapp, manchmal auch weit daneben, wobei er sich nicht auf eine Trefferquote festlegen will. Tatsache ist jedoch: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinerlei Beweise für seine Behauptungen. Danach ist es unmöglich, auf übernatürliche Weise Informationen über räumlich oder zeitlich entfernte Ereignisse zu erlangen.Das wollen viele Deutsche nicht wahrhaben. Während den christlichen Kirchen scharenweise die Schäfchen davonlaufen, Theologen und Philosophen den Rückgang des Glaubens beklagen, wenden sich zahlreiche Menschen dem Okkulten zu, Wissenschaft hin, Wissenschaft her. Knapp 30 Prozent der Bundesbürger sind laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Kantar von 2021 überzeugt, dass es Personen mit hellseherischen Fähigkeiten gibt, bei einer Untersuchung des Institutes Emnid von 2001 waren es sogar 57 Prozent. Hinter dem Phänomen verbirgt sich offenbar die Sehnsucht nach Gewissheit zu Fragen, auf die es keine verlässlichen Antworten gibt – ob es um einen Vermisstenfall, eine Krankheit oder so etwas Unvorhersehbares wie die eigene Zukunft geht.Lesen Sie auchPfiffige haben die Marktlücke längst erkannt. Schätzungsweise 6000 Hellseher, Wahrsager und Astrologen bieten bundesweit ihre Dienste an und betreiben ein Metier, das bis 1965 verboten war. Eine Ausbildung ist nicht erforderlich, ein Gewerbeschein, erhältlich für weniger als 100 Euro, genügt. Wer im Internet nach „Hellseher, Berlin“ sucht, stößt schnell auf das Portal „Questico“, laut Eigenwerbung „Deutschlands führende Plattform für spirituelle Beratung“. Dort bietet etwa Cindy per Telefon „hellsichtiges, liebevolles Kartenlegen“ an, und zwar „zu allen Bereichen sowie zum besseren Energiefluss“, zum Preis von 1,49 Euro pro Minute.Schneider arbeite „seriös“, nehme niemals GeldVon solchem Hokuspokus distanziert sich Hellseher Schneider ausdrücklich. Er arbeite stets seriös und ehrenamtlich, schwört er, nehme niemals Geld. Es gehe ihm nur darum, Verbrechen aufzuklären und den Angehörigen von Opfern zu helfen. Er sei finanziell unabhängig, wohne im Haus seiner Eltern, habe einiges geerbt und verdiene sein Geld mit Lebensberatung und als Heiler, ebenso wie seine Freundin, die als Heilerin unterwegs sei. Arme Klienten behandele er kostenlos.Während seines Studiums von Politik, neuer Geschichte und Psychologie will Schneider noch keine übersinnlichen Impulse gespürt haben. Erst als Reporter mehrerer privater Fernsehsender, für die er nach eigenen Angaben sieben Jahre lang über Mord und Totschlag berichtete, sei ihm plötzlich die Erleuchtung gekommen. Nachdem er bei der Flucht eines entlaufenen Schwerverbrechers eine plötzliche Eingebung hatte und dessen Versteck als Erster vorhergesagt hatte, „da wusste ich, dass ich magische Kräfte habe“. Woher die kommen? Womöglich von oben, sagt Schneider, er sei ein „gottgläubiger Mensch“. Auch sein Großvater väterlicherseits habe schon übersinnliche Fähigkeiten besessen.Er hat irgendeine Verbindung zum UniversumStolz listet er Fälle auf, bei denen er seiner Meinung nach richtig gelegen hat, manchmal sogar „auf den Meter genau“. Meist handelt es sich um düstere Prophezeiungen. Die Personen, deren Schicksal er zu kennen glaubt, sind meist tot wie Irmgard N. aus Zülpich in der Nordeifel, die Anfang Januar 2023 leblos am Rande eines Sees gefunden wurde. Die Frau, die Suizid begangen hatte, war eine Woche lang vergeblich gesucht worden, nachdem sie eine psychiatrische Klinik morgens nach dem Frühstück verlassen hatte. „Ohne Schneider wäre sie so schnell nicht aufgespürt worden“, vermutet Herbert Ehlen, ein enger Bekannter der Verstorbenen. Der Fundort sei nur rund 150 Meter von der Stelle entfernt, die der Seher angegeben habe, kaum zu glauben. „Wie so etwas möglich ist, kann ich mir nicht erklären.“Manfred Freitag indessen, ein Rettungshundeführer mit großer Erfahrung, glaubt fest, dass Schneider „irgendeine Verbindung zum Universum hat“. Der Hundeführer bat den Hellseher 2022 um Hilfe bei der Suche nach seinem verschwundenen besten Freund. Dessen Leiche wurde schließlich an einem schwer zugänglichen Ort im Wald bei Germersheim/Pfalz entdeckt, und zwar nahe eines von Schneider genannten Punkts. Die Polizei hatte zuvor woanders gesucht.Lesen Sie auchWomöglich erhielt der Seher tatkräftige Hilfe von Kommissar Zufall. Denn oft liegt Schneider auch daneben. Oder braucht mehrere Anläufe, bevor er einen Treffer landet. Bei der Suche nach einer vermissten Frau aus Padenstedt bei Neumünster etwa schickte er der Polizei und den Angehörigen gleich mehrere Hinweise zu anderen Standorten, bis er die Leiche der ermordeten Frau schließlich auf 235 Meter genau ortete. Und im Fall der dreijährigen Maddie, die aus einer Ferienhaussiedlung in Portugal spurlos verschwand, flog er mit einem Fernsehteam und viel Getöse zu einer rund 40 Kilometer von der Siedlung entfernten Schlucht an der Algarveküste, in der er die Leiche des Mädchens vermutete. Gefunden wurde dort nichts. Solche Fehlversuche erklärt Schneider mit natürlichen Formschwankungen: „Ich habe wie Fußballer auch eine Tagesverfassung.“Seine Vorgehensweise sei einfach, erklärt der selbst ernannte Prophet. Zunächst schaue er intensiv ein Foto der jeweils gesuchten Person an. Meist sage ihm dann eine innere Stimme: „Sie ist tot. Das ist ihr Schicksal.“ Danach lasse er seinen Zeigefinger auf einer Landkarte oder bei Google Maps über dem Gebiet kreisen, in dem die Zielperson zuletzt gesehen worden sei oder von ihm vermutet werde. Solange, bis er die entscheidende Eingebung habe. Dann markiere er die Stelle und sende die Koordinaten an seine Auftraggeber oder die Polizei. Die Prozedur gehe allerdings an die Substanz, Hellsehen sei „sehr kraftraubend“. Nach so einer Weissagung sei er oft „tagelang erschöpft“.Lesen Sie auchWenn es nach Michael Hoffmann ginge, dem damaligen Chefermittler in der Vermisstensache Rebecca Reusch aus Berlin-Neukölln, hätte er sich in diesem prominenten Fall seine Mühe sparen können. Die damals 15-Jährige war seit einem Februarmorgen 2019 plötzlich verschwunden, nachdem sie in der Wohnung ihres Schwagers und ihrer Schwester übernachtet hatte; bis heute ist ihr Schicksal ungeklärt. Schneider erklärte sie schnell für tot, rief mehrmals die Angehörigen an und behauptete zunächst, die Leiche des Mädchens liege bei Großziethen, später legte er sich auf ein Waldstück bei Briesen fest. Weil die Polizei woanders suchte, prophezeite er dem Chefermittler in einer Mail, „dass man Rebecca dort nicht finden wird“. Der wiederum, offenbar richtig angefressen, schrieb an den „Sehr geehrten Herrn Schneider“: „Ich habe festgestellt, dass auch ich ein Seher bin. Ich habe vorhergesehen, dass Sie trotz meiner Bitte keine Ruhe geben werden.“ Und weiter: „Jetzt noch einmal – die Polizei geht keinen Hinweisen von Sehern, Geisterkontaktlern, Pendelschwingern, Kaffeesatzlesern, Wahrträumern, Wünschelrutengängern usw. nach. Weitere Kontaktversuche, das sollten Sie eigentlich vorhersehen, sind somit für Sie nicht zielführend.“Doch wenn alle Spuren nirgendwohin führen, alle Indizien nichts taugen und alle Zeugen ergebnislos befragt worden sind, kann es vorkommen, dass selbst Ermittler, die Spökenkiekerei für absoluten Quatsch halten, Behauptungen von Menschen wie Schneider nachgehen, nach dem letzten Strohhalm greifen. „Aber da redet keiner gern drüber“, sagt ein Beamter, der nicht genannt werden möchte – Geheimnistuerei, die den Hellseher richtig wurmt. „Manche linken mich, verschweigen meinen Anteil“, kritisiert er. Sie würden sich stattdessen lieber selbst mit dem Erfolg schmücken.Dass Fahnder schon mal auf die Dienste von Hellsehern zurückgreifen, wenn sie nicht mehr weiterwissen, ist nicht neu. Schon in der Weimarer Republik gab es solche – auch damals umstrittene – Kontakte. Als Vorreiter bekannt wurde vor allem der Leipziger Polizeichef Ernst Engelbrecht, der bei Ermittlungen mit einem seinerzeit prominenten sogenannten Telepaten experimentierte. Daraufhin boten gleich reihenweise Wahrsager und Zauberer ihre Hilfe bei mysteriösen Fällen an. Manche wurden von ratlosen Kriminalisten sogar direkt engagiert, darunter offenbar auch Hermann Steinschneider, der unter seinem Künstlernamen „Hanussen“ die bekannteste Hellseher-Figur der 20er-Jahre war. Der übersinnliche Rummel nahm so überhand, dass sich das preußische Innenministerium Anfang 1929 gezwungen sah, seinen Kriminalern in einer Verfügung zu untersagen, „Hellseher und Telepaten und dergleichen zur Aufklärung strafbarer Handlungen heranzuziehen.“Seine Spur führt in ein MoorgebietAktuell will Seher Schneider die Hamburger Ermittlungsbehörden mit einer neuen Weissagung zum Fall der seit 1999 vermissten Hilal Ercan konfrontieren. Das damals zehnjährige türkischstämmige Mädchen war nach dem Besuch eines Einkaufszentrums am hellen Tag spurlos verschwunden, löste damit die größte Fahndungsaktion in der Hamburger Kriminalgeschichte aus. Obwohl die Ermittler Tausenden Hinweisen nachgingen, an mehreren Stellen nach der Leiche der Schülerin gruben, zwischenzeitlich auch einen Verdächtigen präsentierten, ist bis heute unklar, was mit dem Kind passierte. Schneider behauptete vor Jahren, das Mädchen liege tot in einer Kleingartensiedlung in Hamburg-Altona. Jetzt erklärt er, Hilals Leiche sei im Stadtteil Lurup vergraben, und zwar mitten im Flaßbargmoor, einem kleinen Naturschutzgebiet mit sumpfigen Feuchtwiesen, umgestürzten Bäumen und versteckten Tümpeln. Wie die Hamburger Fahnder darauf reagieren, ist offen.Oberstaatsanwältin Melina Traumann versicherte zwar auf eine Anfrage von WELT, grundsätzlich werde jeder Tipp genau geprüft. Um einem Hinweis konkret nachzugehen, bedürfe es jedoch „zumindest einer Anknüpfungstatsache beziehungsweise eines Anknüpfungssachverhalts“. Ob die Behörde bei Schneiders Prophezeiung einen solchen Bezug sieht, wird sich herausstellen.
Hellseher oder Scharlatan? Mann mischt sich mit „Visionen“ in spektakuläre Kriminalfälle ein - WELT
Mit fragwürdigen Prognosen zu ungelösten Kriminalfällen beschäftigt ein selbst ernannter Seher seit Jahren Polizei und Öffentlichkeit. Nur: Manchmal hat Michael Schneider recht. Und viele Deutsche glauben an Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten.







