PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungWetter-AlarmismusDie deutsche Liebe zum AusnahmezustandVon Fatina KeilaniRedakteurin im Ressort MeinungsfreiheitVeröffentlicht am 13.01.2026Lesedauer: 3 MinutenAlarmstufe Winter? Hamburg bei Nebel und Tauwetter, Januar 2026Quelle: Daniel Bockwoldt/dpaStürzen schon ein paar Tage mit Minusgraden das ganze Land in Lebensgefahr? Schulen schließen, Züge fallen aus – und ein Hauch von Corona weht durchs Land. Auffällig ist, wie schnell in Deutschland aus Vorsicht Alarm wird und aus Alarm Stillstand.Es stimmt ja: Glatteis ist gefährlich. Verkehrsunfälle sind keine Einbildung. Und der Deutsche Wetterdienst warnt nicht aus Jux. Aber Lebensgefahr – allein schon deshalb, weil man im Januar vor die Tür tritt und Minustemperaturen herrschen? Auffällig ist, wie schnell in Deutschland aus Vorsicht Alarm wird und aus Alarm Stillstand.Wegen dieser vermeintlichen Lebensgefahr durften Berliner Schüler am vergangenen Freitag zu Hause bleiben. Die Entscheidung wurde am Donnerstagnachmittag bekannt gegeben. Viele Eltern wunderten sich am Freitagvormittag wohl über den Appell. Denn tatsächlich trat in der Hauptstadt keine Extremwetterlage ein, es war ein normaler Wintertag. Wer aber selbst zur Arbeit musste, hatte plötzlich ein reales Problem: Kinderbetreuung.Am Montag ging es weiter. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen blieben die Schulen wegen „Glättegefahr“ geschlossen, auch in Hessen, Bayern und anderen Bundesländern fiel vielerorts der reguläre Unterricht aus. Die Realität war dann halb so schlimm.Ein Hauch von Corona wehte in den letzten Tagen durchs Land. Gefühlt machte Deutschland dicht – aus Angst. Zwar sind die Dimensionen nicht vergleichbar. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Was hat sich seitdem eigentlich verbessert? Sechs Jahre nach der Pandemie müsste eigentlich gelten: Wenn die Schule zu bleibt, findet der Unterricht nahtlos digital statt. Per Videokonferenz, wobei alle Schüler die Kamera anhaben, mit klaren Stundenplänen, geteilten Bildschirmen, hochgeladenen Materialien. So wie es in anderen Ländern längst Normalität ist.Lesen Sie auchDer Winteralarm fühlt sich dagegen eher wie kollektive Resignation an. Klaglos stehen Tausende frierend auf Bahnsteigen, während reihenweise Züge ausfallen. Ist halt so. Ach so, die Schulen sind geschlossen? Na gut. So ist es dann eben. Der deutsche Alarmismus kompensiert strukturelle Schwäche mit rhetorischer Dramatik. Einerseits steckt der reguläre Schulbetrieb schon lange in der Krise, andererseits wird jeder äußere Anlass für dramatische Absagen genutzt – im Sommer wegen Hitze, im Winter wegen Kälte, im Zweifel wegen Lehrerfortbildung.Die Infrastruktur braucht ResilienzStatt alarmistischen Appellen braucht Deutschland Strukturen, die es erlauben, trotz Risiken handlungsfähig zu bleiben. Das hat sich auch beim mehrtägigen Stromausfall im Berliner Südwesten gezeigt. Laut TÜV-Baurechtsreport 2025 haben drei von vier Notstromanlagen in kritischen Gebäuden wie Kliniken oder Pflegeheimen sicherheitsrelevante Mängel. Der TÜV-Verband veröffentlichte am Donnerstag anlässlich des Berliner Stromausfalls eine Erklärung. Darin kommt er zu dem Schluss: Deutschlands Infrastruktur braucht mehr Resilienz.Bei den Schulen sieht es ähnlich aus. Der Jahresbericht der Kultusministerkonferenz zeigt, dass Deutschland zwar Fortschritte gemacht hat, aber noch lange nicht dort ist, wo es hin muss, um in einer sich rasant entwickelnden Welt auch nur annähernd mitzuhalten. Von der sicherheitspolitischen „Zeitenwende“ wollen wir hier erst gar nicht reden. Alarm ersetzt keine Struktur. Und Warnungen machen ein Land nicht widerstandsfähig. Der deutsche Alarmismus ist vor allem ein Mangel an Robustheit. Wer keinen Plan B hat, für den wird die ganze Welt zur Gefahrenzone. Das Land muss lernen, Risiken zu managen, statt jedes Mal den Ausnahmezustand auszurufen.
Wetter-Alarmismus: Die deutsche Liebe zum Ausnahmezustand - WELT
Stürzen schon ein paar Tage mit Minusgraden das ganze Land in Lebensgefahr? Schulen schließen, Züge fallen aus – und ein Hauch von Corona weht durchs Land. Auffällig ist, wie schnell in Deutschland aus Vorsicht Alarm wird und aus Alarm Stillstand.








