PfadnavigationHomeWirtschaftGeopolitikIn Taiwan zeigt sich, wie Deutschlands Wirtschaft zum Spielball der Weltmächte wirdVeröffentlicht am 15.01.2026Lesedauer: 6 MinutenSoldat in Taiwan bei einer ÜbungQuelle: Daniel Ceng/Anadolu/picture allianceSeit der Intervention der USA in Venezuela wächst die Angst vor einer Invasion Chinas in Taiwan. Rund 300 deutsche Unternehmen sind dort tätig. Die Folgen für Deutschlands Wirtschaft wären verheerend: Sie ist auf einen Konflikt mit der Volksrepublik kaum vorbereitet.Die Weltkarte aus Sicht von Donald Trump soll eigentlich eine Satire sein. Sie ist mit dicken roten Wachsmalstift-Strichen in drei Zonen aufgeteilt, „Me – Putin – Xi“ prangt in fetten Buchstaben auf den Feldern jener Karte, die seit einiger Zeit im Internet die Runde macht. Seit dem Einsatz des US-Militärs in Venezuela, der Festnahme des Diktators Nicolás Maduro und den verschärften Drohungen Trumps gegen Grönland bleibt vielen das Lachen aber im Halse stecken.Mit dem Vorgehen setzt der US-Präsident die Kernidee seiner neuen nationalen Sicherheitsstrategie um. In dieser teilt die US-Regierung die Welt in exklusive Einflusszonen – und erklärt Nord- und Lateinamerika de facto zu der Region, in der allein die USA die Regeln bestimmen. Diese Weltsicht kann für Deutschlands Wirtschaft verheerende Folgen haben – vor allem dann, wenn China der Logik folgt und seinen selbst formulierten Machtanspruch auf Taiwan mit Waffen durchsetzt.Ein zumindest vorübergehender Zusammenbruch der Wirtschaftsbeziehungen mit China wäre die Folge – je nachdem, wie scharf die USA auf einen Taiwan-Überfall reagieren würden. Die Europäer müssten dieser Entwicklung weitgehend machtlos zusehen. Entsprechend wächst die Angst in Wirtschaft und Politik. „Die Verhaftung von Maduro durch die USA trägt zur Chaotisierung der weltpolitischen Lage bei. Ich gehe davon aus, dass das Taiwan-Problem nun zeitnah relevant wird“, sagt Sebastian Roloff, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag. „Darauf scheinen wir in Deutschland leider kaum vorbereitet zu sein.“Gerade die Manager großer deutscher Konzerne haben das China-Risiko lange kleingeredet. Im vergangenen Jahr aber hat Peking gezeigt, dass es die hiesige Wirtschaft hart treffen kann, wenn es will. Erst blockierte die Volksrepublik die Ausfuhr von Permanentmagneten und einigen Seltenen Erden, dann unterbrach es die Lieferkette des Chipherstellers Nexperia im Streit mit der Regierung der Niederlande. In beiden Fällen drohten in Deutschland Fabriken stillzustehen, die Autoindustrie schlug Alarm. Manch ein Mittelständler hat bis heute noch keine Lizenz für den Magnet-Export aus China erhalten. Lesen Sie auchVerglichen mit den Folgen einer möglichen Taiwan-Blockade sind diese Schwierigkeiten verschwindend gering. Derzeit sind in Taiwan rund 300 deutsche Unternehmen tätig, das Land ist der mit Abstand wichtigste Lieferant für Chips, die in fast jedem modernen Industrieprodukt eingebaut sind. Anbieter aus Japan, Malaysia oder eigene Chipfabriken in der EU können diese Lieferkette nicht ansatzweise ersetzen. Deutsche Firmen bleiben in Taiwan„Wir brauchen die Halbleiter aus Taiwan. Bislang finden nur acht Prozent der weltweiten Halbleiterproduktion in Europa statt“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Der Blick auf die geopolitischen Risiken habe sich verändert, berichtet er. Im vergangenen Sommer bezeichneten 41 Prozent der deutschen Unternehmen in Taiwan in einer Umfrage die Beziehung zu China als eines der wesentlichen Risiken. Die aktuelle Weltlage dürfte die Sorgen nicht verringert haben. Bisher verlassen die deutschen Firmen die Insel aber nicht. „Für die Unternehmen geht es um eine Abwägung, wie wichtig der Markt für sie ist – im Vergleich zum politischen Risiko“, sagt Treier. Lesen Sie auchWährend die USA unter Donald Trump ihre wirtschaftlichen Verbindungen zu China mit brachialen Methoden reduzieren, wirkt Europa unbeholfen im Umgang mit dem Risiko. „Es bestehen Abhängigkeiten in zentralen Bereichen gegenüber China. Bei Rohstoffen, vor allem den Seltenen Erden, weiß man das seit 2010, als China einen ersten Warnschuss gegen Japan abgegeben hat. Aber seitdem haben die Europäer die Abhängigkeiten sogar noch vertieft“, sagt Thorsten Benner, Co-Gründer des Global Public Policy Institute in Berlin. In Japan arbeitet die Regierung seit 15 Jahren daran, die Rohstoff-Lieferketten unabhängiger von China zu machen. Auslöser waren damals Exportbeschränkungen der Volksrepublik für Seltene Erden. Inzwischen bezieht das Land nicht mehr 90 Prozent dieser Rohstoffe aus China, sondern nur noch 60 Prozent. In Europa beträgt der China-Anteil bei einzelnen Rohstoffen nahezu 100 Prozent. Es brauche politischen Willen, um die Abhängigkeit zu reduzieren, meint Benner.Exporte gehen zurückDoch der besteht in Berlin allenfalls auf dem Papier. Schon unter der Ampel-Regierung hatte man die Idee einer kompletten Abkoppelung verworfen. „Wir werden uns mit China bis zu einem gewissen Maß arrangieren müssen“, meint SPD-Mann Roloff. „Zum Beispiel im Bereich der Elektromobilität, wo wir dringend schneller und noch besser werden müssen, gibt es mit Blick auf Know-how und Rohstoffe großen chinesischen Einfluss.“ Die Chinesen dominierten schlicht die Batterietechnik.Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Strategie, die China knallhart durchzieht. Das Land hat auf dem Weltmarkt Deutschlands frühere Position als Exportweltmeister übernommen – angeheizt durch staatliche Subventionen für die Industrie und eine unterbewertete Währung. Dass deutsche Firmen ihre Standorte nach China verlagern, entspricht der Strategie der kommunistischen Wirtschaftsplaner, sich selbst weniger abhängig vom Westen zu machen. In der Folge sind die deutschen Exporte in das Land gefallen, im vergangenen Jahr auf den tiefsten Stand seit mindestens sieben Jahren. Die Importe sind dagegen in den ersten drei Quartalen 2025 kräftig gestiegen, wie eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für WELT AM SONNTAG zeigt. Im Saldo hat das deutsche Handelsbilanzdefizit gegenüber China damit einen Rekord erreicht. „Es besteht kaum Hoffnung, dass die Exporte nach China wieder über eine längere Zeit steigen könnten“, meint IW-Handelsexperte Jürgen Matthes. Er plädiert dafür, dass die EU die bedrohte Produktion auf dem heimischen Markt und ihre Exporte konsequenter und umfassender schützt, „um die chinesischen Wettbewerbsverzerrungen auszugleichen“.Dazu müsste die Bundesregierung aber die Fakten besser kennen. Ein kleines Team von Experten im Kanzleramt oder im Wirtschaftsministerium könnte die Abhängigkeiten genau analysieren, schlägt Matthes vor. In Großbritannien hat die Regierung so eine Gruppe schon eingesetzt. Die EU-Kommission hat immerhin eine Liste mit Produkten und Firmen angelegt, bei denen die Marktmacht aufseiten der EU liegt. Die Liste ist geheim, aber klar ist, dass etwa der für die Halbleiterproduktion essenzielle niederländische Chipmaschinenhersteller ASML dazugehört. Würde man ihm Exporte in ein chinesisch besetztes Taiwan verbieten, dann stünden dort die Fabriken still.In Deutschland ist man von solchen Plänen noch ein Stück weit entfernt. Ihre für das vergangene Jahr angekündigte Rohstoffsicherheitsstrategie hat die Bundesregierung bisher nicht vorgelegt. Das Wirtschaftsministerium habe im Bereich Rohstoffsicherung und Resilienz bisher zu wenig getan, kritisiert Treier – „gerade mit Blick auf eine finanzielle Unterstützung“. Zudem fehle eine breite Diskussion darüber, „welche gesellschaftlichen Kosten wir in Kauf nehmen und worauf wir verzichten würden, um unabhängiger zu werden“. Im Bundestag dürfte diese Diskussion schon bald geführt werden: Das Parlament hat eine Expertenkommission eingesetzt „zur Überprüfung der sicherheitsrelevanten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China“. Mit dabei sind Experten wie Matthes und Treier, die seit Langem vor den Verschiebungen der wirtschaftlichen Gleichgewichte zwischen Ost und West warnen. Dass sich die quälend langsamen politischen Prozesse durch die Diskussion beschleunigen werden, ist kaum zu erwarten. „Deutschland fehlt es an Dringlichkeit und an Tempo in diesen Fragen“, kritisiert Benner. „Das wäre eine Aufgabe für Katherina Reiche: Sie sollte zur Wirtschaftssicherheitsministerin werden.“Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.