PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:Meinung150. GeburtstagWas sagt uns das Ultrakonservative an Adenauer?Veröffentlicht am 10.01.2026Lesedauer: 6 MinutenHat nicht ausgedient im zeitgeschichtlichen Diskurs: Konrad Adenauer, erster Kanzler der Republik, Garant der Westbindung, Vater der Christdemokratie, partiell ultrakonservativQuelle: Kurt Rohwedder/dpa/picture-alliance/mk dhaWestbindung, Marktwirtschaft, Demokratie – dafür steht Adenauer. Das wird dieser Tage wieder laut besungen. Doch Adenauer steht auch für ultrakonservative Familienpolitik, Strafe bei Ehebruch und beinharte Heteronormativität – was aktuell für kaum jemanden ein Thema ist. Das könnte sich ändern.Adenauer ist uns nah. Geografisch gilt das vor allem für Rheinländer, Nordrhein-Westfalen, Westdeutsche. Schließlich liegt er in Rhöndorf bei Bonn begraben. Dorthin pilgerten am 5. Januar etliche CDU-Granden. Sie läuteten die Feiern zu seinem 150. Geburtstag ein. Adenauer ist uns zudem inhaltlich nah – das beschworen an seinem Grab und später im alten Bonner Plenarsaal viele Redner. Westbindung, soziale Marktwirtschaft, Föderalismus, gewaltenteilender Rechtsstaat ohnehin: Wir leben heute auf den Fundamenten, die er gelegt hat. Alles wahr. Und alles altbekannt. Hat Adenauer uns also nichts Neues mehr zu sagen?Zugleich steht Adenauer unserer Zeit aber auch fern – wenn es um Frauenrechte, Ehe, Homosexualität, Scheidung, Abtreibung geht. Was macht man mit dieser aus heutiger Sicht ultrakonservativen Seite des Alten von Rhöndorf? Wegwischen mit dem nichtssagenden Das-waren-halt-andere-Zeiten-Ausspruch? Das wäre voreilig, weil man auch diesen unzeitgemäßen Adenauer nutzbar machen kann. Für die einen als Mahnung vor einem reaktionären Rückfall, für die anderen als Grund zur Hoffnung auf eine stramm konservative Wende. Es ließe sich also eine neue Botschaft aus ihm herauskitzeln. Aber zunächst zum Befund.Gleichberechtigung von Mann und Frau? Besser nicht!Für Adenauer war die Welt geordnet – in einer für viele Gegenwartsliberale fast obszönen Weise: Primär der Mann ist Ernährer und Entscheider, primär die Frau Kinderbetreuerin und Haushälterin. In diesem Geist bekämpfte der erste Kanzler der Republik lange Zeit den Vorschlag, die Gleichberechtigung von Mann und Frau verfassungsmäßig abzusichern. Noch 1948 weigerte sich die CDU im Parlamentarischen Rat, den Passus „Mann und Frau sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz aufzunehmen. Zwar hatte Adenauer zuvor einmal eingeräumt, das „Recht der Frau auf freie Betätigung“ müsse gewährleistet sein. Aber die ausdrückliche Gleichberechtigung lehnte seine Union ab – mit Verweis auf viele Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) von 1900. Die wolle man nicht „sprengen“. Welche Regelungen wollten Adenauer & Co. da schützen? Wir müssen heute konstatieren: Es ging um die fortgesetzte Entwürdigung der Ehefrau. Bis dahin galt laut BGB: Heiratet die Frau, darf fortan ihr Gatte entscheiden, wie sie ihr Geld ausgibt, ob sie arbeitet, ein Konto führt und wie sie Kinder erzieht. In all diesen Fragen war die Frau dem Manne zu Gehorsam verpflichtet.Vornehmste Aufgabe der Frau als Herz der FamilieNur eine massive öffentliche Kampagne ließ Adenauers Widerstand gegen die verfassungsmäßige Gleichberechtigung schwinden. Doch erst 1957 strich die Adenauer-Regierung besagten Gehorsamsparagrafen ersatzlos und führte ein Gleichberechtigungsgesetz ein. Im Vorwort zu diesem Gesetz stand indes noch 1958: „Die vornehmste Aufgabe der Frau ist es, das Herz der Familie zu sein.“ Man brauche sozusagen eine(n) Hauptverantwortliche(n) für die Familie. Und weiter hinten: Die Frau „ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie zu vereinbaren ist“. Wie ginge der Verfassungsschutz anno 2026 wohl mit einem Politiker um, der Frauen nur dann arbeiten lassen wollte, wenn sie ihre „Pflichten in Ehe und Familie“ erfüllt haben? Lesen Sie auchÄhnlich könnte man auch bei Adenauers Homosexuellen-Politik fragen. Der Kanzler hielt am „Homosexuellenparagrafen“ 175 fest – in der durch die Nazis verschärften Fassung (1969 wurde diese reformiert). Kernsatz: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft.“ Das galt auch für einvernehmlichen Sex erwachsener Männer. Auf Basis dieses gnadenlos-heteronormativen Paragrafen wurde 1950/51 zum Beispiel bei den sogenannten Frankfurter Homosexuellenprozessen gegen 200 Männer ermittelt. Knapp 100 wurden verhaftet. Genitalamputationen und das Millionenheer der SinglesAber man kann das Fragespiel auch umdrehen: Was hätte Adenauer wohl dazu gesagt, dass viele Christdemokraten 2017 für die Homo-Ehe, also das Ende jedweder Heteronormativität stritten und 2026 das Recht auf Geschlechtswechsel bejahen? Wie empört wäre er, wenn er von jungen Menschen hörte, die ihre primären Geschlechtsmerkmale amputieren durften, um dies bald womöglich bitter zu bereuen? Wie viel Mitleid würde ihn packen, wenn er wüsste, dass heutzutage rund 17 Millionen Menschen als Singles leben?Auch im Scheidungsrecht setzte „der Alte“ auf familienpolitischen Konservatismus. Er bestritt Paaren ein Recht auf Scheidung und garantierte das Schuldprinzip, wonach eine Scheidung nur bei schwerem Fehlverhalten eines Partners erlaubt war. Etwa bei Ehebruch. In solchen Fällen wurde der Schuldige vom Staat abgestraft – durch Nachteile bei Sorgerecht, Unterhalt, Vermögensaufteilung. Adenauers Staat mischte also munter in den Ehebetten mit und verhängte de facto Strafen für Ehebrecher. Erst 1976 wurde das Schuldprinzip aufgegeben. Seitdem reicht die Zerrüttung einer Ehe aus, um sie zu scheiden. Unbestreitbar: Die Deutschen haben nach Adenauer gewaltig an Selbstbestimmtheit in ihrer Lebensgestaltung gewonnen. Allerdings: Was würde er seinen heutigen Parteifreunden wohl unter die Nase reiben, wenn er wüsste, dass jedes vierte hiesige Kind bis zum Jugendalter die Trennung seiner Eltern erlebt?Auch der ferne Adenauer ist uns nahUnd schließlich: das Abtreibungsrecht. Adenauer verhinderte jede Reform des Paragrafen 218. Der verbot Abtreibung weitgehend und sah Gefängnis bis zu fünf Jahren für Mutter und Arzt vor (Ausnahme: bei Lebensgefahr für die Mutter). Auch da liegen Welten zwischen Christdemokraten von einst und solchen von heute. Weshalb das alles vielen Zeitgenossen so verstaubt wie definitiv vergangen erscheinen dürfte. Aber historisch betrachtet erliegen sie damit einer Täuschung. Auch der inhaltlich ferne Adenauer ist uns zeitlich nah. Heutige 85-Jährige waren am Ende der Ära Adenauer 23 Jahre alt. Es liegen maximal zwei Generationen zwischen uns und ihm. Was kann uns das lehren? Natürlich hängt das vom politischen Standpunkt ab. Zumindest aber lässt uns diese zeitliche Nähe erahnen, warum manche Schwulen, Lesben, Frauenrechtlerinnen und Abtreibungsfreunde arg schnell arg kämpferisch klingen – weil sie Geschichtsbewusstsein besitzen. Sie wissen: Heutige Standards gelten nicht für die Ewigkeit. Historisch betrachtet liegt ein Wimpernschlag zwischen der juristischen Entmündigung der Frau und ihrer heutigen Freiheit, zwischen Gefängnis für Homosexuelle und ihrer heute (manchmal so dröhnend) gefeierten Gleichberechtigung. Was einmal war, kann wieder werdenUmgekehrt könnten sich diesen Befund auch Lebensschützer zunutze machen: Sie könnten Hoffnung daraus schöpfen, dass ungeborenes Leben noch vor relativ Kurzem strafrechtlich geschützt wurde. Denn was einmal war, kann wieder werden. Auch stramme Traditionalisten könnten sich dadurch ermutigt fühlen, dass der CDU-Übervater und Streiter für die unveräußerliche Menschenwürde noch 1958 darauf beharrte, vornehmste Aufgabe der Frau sei es, als Herz der Familie zu wirken. Moderat Konservative könnten zumindest eine allzu schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnung ablehnen und kritisch hinterfragen, ob Familien- und Gesellschaftspolitik im Geiste Adenauers denn wirklich nur inhuman war – und ob wir nicht in unsere eigenen Inhumanitäten hineinmarschiert sind beim Versuch, bloß nicht den miefigen 50er-Jahren zu ähneln. Und wer weiß? Auch vom Verfassungsschutz beobachtete Muslime könnten fragen: Ihr wagt es, uns als Islamisten zu bezeichnen, weil unsere ideologischen Vorväter gelehrt haben, was in der Bundesrepublik noch in den 1950ern geltendes Recht war? Es könnten uns noch spannende Debatten bevorstehen. Nein, mit Adenauer sind wir wohl noch nicht fertig.
150. Geburtstag Adenauers: Was sagt uns das Ultrakonservative an Adenauer? - WELT
Westbindung, Marktwirtschaft, Demokratie – dafür steht Adenauer. Das wird dieser Tage wieder laut besungen. Doch Adenauer steht auch für ultrakonservative Familienpolitik, Strafe bei Ehebruch und beinharte Heteronormativität – was aktuell für kaum jemanden ein Thema ist. Das könnte sich ändern.







