PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungMercosur nur der AnfangUm erfolgreich zu sein, müssen die Europäer aufhören, sich als Moralapostel aufzuspielenVeröffentlicht am 12.01.2026Lesedauer: 3 MinutenWELT-Chefökonomin Dorothea SiemsQuelle: Claudius Pflug/WELTMit dem Mercosur-Abkommen schaffen Europa und Südamerika die größte Freihandelszone der Welt. Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft ist das gut. Doch die EU muss jetzt schon die nächsten Schritte planen.Auf dieses Signal hat Deutschlands angeschlagene Exportwirtschaft lange gewartet: Die EU-Länder stimmten für das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten. Zusammen mit dem südamerikanischen Wirtschaftsblock – dem Schwergewichte wie Brasilien, Argentinien und bald womöglich wieder das seit 2016 suspendierte Venezuela angehören – entsteht die größte Freihandelszone der Welt. In diesen Zeiten, in denen der Protektionismus grassiert und Regelverstöße gegen das Welthandelssystem an der Tagesordnung sind, macht die Einigung in Brüssel Hoffnung. Denn die internationale Arbeitsteilung bringt allen Beteiligten Wohlstand, und es ist gut, dass die Europäer weiterhin auf Handelsliberalisierung setzen.Besonders das stark exportabhängige Deutschland profitiert von offenen Märkten. Zwar rangiert Mercosur als Absatzmarkt für Produkte „Made in Germany“ nur unter ferner liefen. Doch das Potenzial ist groß und ebenso die Not der hiesigen Unternehmen, die dringend neue Kundschaft brauchen. Die Geschäfte in den USA und in China sind eingebrochen und werden sich möglicherweise dauerhaft nicht erholen. Mehr noch: Weitere Verschärfungen der Handelsstreitigkeiten mit den beiden Großmächten sind jederzeit möglich. Für mehr Resilienz im Exportgeschäft müssen die Deutschen ihre Stellung auf anderen Märkten ausbauen. Freihandelsabkommen erleichtern gerade auch den mittelständischen Unternehmen die Diversifizierung.Lesen Sie auchDie Freude über das EU-Mercosur-Abkommen ist allerdings nicht ungetrübt. Denn der Verhandlungsprozess war überaus zäh. Nicht weil die Südamerikaner schwierige Partner wären, sondern weil einigen EU-Staaten nationale Partikularinteressen wichtiger waren als neue Wachstumschancen für den gesamten Wirtschaftsraum. Frankreich blieb bis zum Schluss bei seiner Ablehnung, weil Präsident Emmanuel Macron aus parteipolitischen Gründen die heimischen Landwirte nicht verprellen will. Zwar brachte er mit anderen Gegnern im EU-Rat keine Sperrminorität zusammen. Doch die notwendige Mehrheit stand erst, als Italien aufgrund weiterer Zugeständnisse für die Bauern den Widerstand aufgab.Wegen derartiger Rücksichtnahme auf eine Branche, die nur einen verschwindend geringen Teil zur EU-Wirtschaft beiträgt, stand das Handelsabkommen wochenlang auf der Kippe. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen musste ihre ursprünglich vor Weihnachten geplante Reise nach Südamerika absagen – ein peinliches Schauspiel. Nun aber reist sie zur feierlichen Unterzeichnung. Und wenn es bei der nötigen Ratifizierung durch die nationalen Parlamente hakt – womit zu rechnen ist –, könnte Brüssel mit Zustimmung des EU-Parlaments zumindest den wichtigen Handelsteil allein durchsetzen. Dieses pragmatische Vorgehen wählte die EU notgedrungen auch beim CETA-Abkommen mit Kanada.Von der Leyen muss jetzt mit aller Kraft weitere Freihandelsabkommen vorantreiben. Mit Indien, einem der wichtigsten Zukunftsmärkte der Welt, laufen die Verhandlungen, ebenso mit Indonesien, Australien und anderen Ländern in der asiatisch-pazifischen Wachstumsregion. Um erfolgreich zu sein, müssen die Europäer allerdings aufhören, sich als Moralapostel aufzuspielen und den Verhandlungspartnern die eigenen Sozial- und Umweltstandards aufzudrängen. Diese viel zu lange gepflegte Attitüde der Europäer lässt sich heute niemand mehr gefallen.
Mercosur nur der Anfang: Um erfolgreich zu sein, müssen die Europäer aufhören, sich als Moralapostel aufzuspielen - WELT
Mit dem Mercosur-Abkommen schaffen Europa und Südamerika die größte Freihandelszone der Welt. Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft ist das gut. Doch die EU muss jetzt schon die nächsten Schritte planen.










