PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftÜberlebende vom 7. OktoberErinnern, aushalten, weiterlebenVeröffentlicht am 03.01.2026Lesedauer: 5 MinutenMutter Addi Cherry und ihr Sohn Guy haben den Angriff der Hamas-Terroristen überlebtQuelle: Eran ZanoDer brutale Terror der Hamas am 7. Oktober hat Leben ausgelöscht und Israel tief verwundet. Zerstörte Orte, verbrannte Häuser und Gedenktafeln erzählen von den Ermordeten. Für viele Überlebende endet der Terror nicht: Bis heute schlagen ihnen Delegitimierung und Boykott entgegen.Der Kibbuz Nahal Oz wirkt an diesem Morgen leer. Die Gebäude stehen da, unbewohnbar. Zerstörte Häuser, verbrannte Hütten und Ruinen. Am 7. Oktober 2023 wurden allein hier 75 Menschen auf barbarischste Weise von der Terrororganisation Hamas ermordet. Im Sand liegen noch immer leere Patronenhülsen, große Ameisen krabbeln drumherum. Man achtet penibel darauf, keine von ihnen zu zertreten. Der feine Staub macht die Landschaft unscharf. Fotos wirken wie durch einen Filter aufgenommen.Addi Cherry holt ihr Smartphone hervor. Sie zeigt den Teilnehmern einer Delegationsreise, initiiert von der israelischen Botschaft in Deutschland, Aufnahmen ihres Hauses vom Abend des 7. Oktober. Morgens befand sich die dreifache Mutter mit ihren Kindern und dem Ehemann im Haus. Als die ersten Schüsse fielen, schlossen sie den Schutzraum. Er ist für Raketenangriffe konzipiert und kann von außen geöffnet werden. Die Hamas hatte den Kibbuz zu diesem Zeitpunkt bereits systematisch umstellt. Die Terroristen rückten Haus für Haus vor. Sie löschten Familien aus, töteten Soldaten, Nachbarn. Als sie das Haus der Familie Cherry erreichten, rüttelten sie an Türen und Fenstern, drangen ein. „Sie waren fanatisch, außer sich“, sagt Addi Cherry. „Ich flüsterte: Wenn sie hier reinkommen, sind wir verloren.“Ihr Sohn Guy war dreizehn. Er schob einen schweren Schrank vor die Tür und stemmte sich dagegen. Er hoffte, seine Familie schützen zu können. Elf Stunden saßen sie in Todesangst in einem Raum ohne Luft, fünf Menschen. Immer wieder fallen sie in Ohnmacht. Sie überlebten, weil zwei Sicherheitsbeauftragte aus dem Kibbuz und sechs israelische Soldaten, – selbst unter Beschuss – versuchten, sie zu retten. Deren Leichname im Haus beschützten die Familie: Offenbar hielten nachrückende Hamas-Terroristen das Gebäude für „abgearbeitet“ und zogen weiter.Während die Familie noch im Schutzraum verharrte, hörten sie schwere Schritte. Draußen zogen Palästinenser am Haus vorbei. Unter ihnen Frauen und Kinder. „Die Frauen schrien, ihre Söhne sollten Märtyrer werden, Shahids“, sagt Addi Cherry. „Für mich war das unerträglich. Während ich nur daran dachte, meine Kinder zu retten, hörte ich Mütter, die ihre Kinder in den Tod schickten.“Guy Cherry steht heute neben seiner Mutter. Der Fünfzehnjährige trägt ein weißes T-Shirt, kurze Jeans, Sneaker. Dass Überlebende wie er und seine Mutter heute über das zutiefst traumatische Erlebnis sprechen, ist alles andere als selbstverständlich. Die meisten Überlebenden befinden sich in psychologischer Behandlung. Einige haben sich das Leben genommen.Cherry berichtet von Anschuldigungen im Internet, die Berichte der Überlebenden seien KI-generiert. Hinzu kommen die Narrative und Propaganda der Hamas, die in den sozialen Medien unreflektiert übernommen und verbreitet werden. Für viele Überlebende bedeutet das neben dem unerträglichen Schmerz, ihr eigenes Überleben auch noch legitimieren zu müssen. Der Boykott gegen eine Überlebende des MassakersJüdisches Leben ist heute überall auf der Welt wieder bedroht. Zuletzt wurden an Chanukka im Dezember 2025 Jüdinnen und Juden, die am Bondi Beach in Sydney feierten, erneut Ziel eines islamistisch antisemitisch motivierten Anschlags. Anderswo werden Israelis ausgegrenzt und boykottiert.So wie im Fall von Yuval Raphael, die bei einer Auftaktveranstaltung der Delegationsreise spricht. Die israelische Sängerin überlebte den Terrorangriff der Hamas auf dem Nova-Festival am 7. Oktober. Zwei Jahre später sollte sie Israel beim Eurovision Song Contest mit dem Song „New Day Will Rise“ vertreten. Begleitet von massiven antisemitischen Protesten gewann sie zwar den Publikumspreis, die Jury boykottierte allerdings den Sieg. Weil Raphael Israel repräsentiert. Der Boykott richtete sich gegen eine Überlebende eines Massakers. In Momenten wie diesen zeigt sich aber auch die beeindruckende Resilienz der Israelis, die sie aus der Erfahrung permanenter Bedrohung heraus entwickelt haben. „Als sie mich ausbuhten, dachte ich mir: Würde ich genauso reagieren, wie sie auf mich reagieren, würde ich die Unterschiede zwischen uns aufheben“, sagt Raphael. „Wir gehen mit Liebe und Anstand an die Dinge heran. Und genau das unterscheidet uns.“Zwanzig Minuten Autofahrt vom Kibbuz Nahal Oz entfernt befindet sich das Gelände vom Nova Festival, wo am 7. Oktober allein 378 Menschen das Leben genommen wurde. Auf dem Weg dorthin fährt man die „Straße des Todes“, die Regionalstraße 232 entlang, auf der Dutzende Fliehende versuchten der Hamas zu entkommen. Die Terroristen schossen auf die Autos, brachten sie zum Stehen und töteten dann aus direkter Nähe, während sie nach Zeugenberichten den Menschen noch in die Augen blickten. Sie verschleppten die Geiseln auf der Ablagefläche ihrer Wagen, misshandelten, verstümmelten, quälten und vergewaltigten Frauen, filmten dabei.Auf dem Sandplatz, wo die jungen Menschen an jenem Tag noch zum Sonnenaufgang tanzten, sind heute Gedenktafeln aufgestellt. Ein Foto begleitet von einem kurzen Text, der versucht, den Menschen zu beschreiben, den es nicht mehr gibt. Wie Eden Naftali, geboren 2000. Sie hatte gerade ihren Armeedienst beendet und wollte zu einer Reise durch Amerika aufbrechen. Im Sommer war sie mit ihrem Freund Idan zusammengekommen.Lesen Sie auchWer derzeit in Israel unterwegs ist, erlebt, wie ungewohnt leer der Yehuda-Markt in Jerusalem wirkt, sonst ein dicht gedrängter Ort voller Stimmen, Farben und Aromen. In der Altstadt kommt es vor, dass Israelis sich an der Klagemauer bei Touristen bedanken, schlicht dafür, dass sie da sind. Dass Israel in der öffentlichen Wahrnehmung vieler Europäer, trotz höchster Sicherheitsstandards, als nicht sicher gilt, ist eine direkte Folge des Hamas‑Terrors.Nur einen Meter entfernt von der Gedenktafel der ermordeten Eden Naftali steht die von ihrem Freund Idan Herman, 26. „Er war ein neugieriges, lebhaftes Kind“, wird Idan beschrieben, „stets umgeben von Freunden, mit einem großartigen Sinn für Humor und Augen so blau wie das Meer.“ Augen, die später das Abgründigste sehen mussten.
Überlebende vom 7. Oktober: Erinnern, aushalten, weiterleben - WELT
Der brutale Terror der Hamas am 7. Oktober hat Leben ausgelöscht und Israel tief verwundet. Zerstörte Orte, verbrannte Häuser und Gedenktafeln erzählen von den Ermordeten. Für viele Überlebende endet der Terror nicht: Bis heute schlagen ihnen Delegitimierung und Boykott entgegen.






