PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftOskar-Maria-Graf-StammtischBis zuletzt ein Stück Heimat in New York, so etwas wie ein LebenselixierVon Heidi FriedrichVeröffentlicht am 21.12.2025Lesedauer: 6 MinutenBertolt Brecht mit dem Schriftsteller Oskar Maria Graf, New York, 1943Quelle: Ruth Berlau/akg-imagesÜber 80 Jahre lang war der Oskar-Maria-Graf-Stammtisch in New York ein Stück Heimat für jüdische und politisch verfolgte Emigranten. Jetzt ist die letzte Teilnehmerin gestorben und eine Ära geht zu Ende. Ein Abschied.Als ich Lily Hull und ihrem Mann Herbert erzählte, dass ich noch nie mit Juden gesprochen hatte, fingen sie an zu lachen. „Na dann komm’ mal am Mittwoch zum Stammtisch“, sagten sie. „Da kannst du außer mit uns mit anderen Juden sprechen.“ Ich war 24 Jahre alt und studierte Neuere Geschichte in Tübingen. Ich hatte unzählige Dokumentationen über den Holocaust gesehen und Bücher darüber gelesen. Aber ich war tatsächlich noch nie wissentlich Juden begegnet. Das sollte sich nach dieser schicksalhaften Begegnung im Foyer des Museum of Modern Art in New York schnell ändern. Als ich 1994 zum Stammtisch kam, gehörte ich zu den ersten der jungen Generation, die daran teilnahmen. Davor trafen sich dort vor allem Holocaust-Überlebende und andere Emigranten, die es während des Dritten Reiches geschafft hatten, sich in die USA zu retten, oder später dort hingezogen waren. Der aus München stammende und von den Nationalsozialisten ausgebürgerte Schriftsteller Oskar Maria Graf hatte ihn 1943 gemeinsam mit seinem Freund Harry Asher aus Prag gegründet. Der Stammtisch ersetzte die FamilieErst traf sich der Kreis – neben Schriftstellern auch Journalisten und Künstler – in Gaststätten auf der Upper East Side im Dunstkreis des „German Broadway“ in Manhattan, schließlich lange Zeit in der „Kleinen Konditorei“. Man wollte sich in der Muttersprache austauschen, vertraut sein. So weit weg von der Heimat, allein in der Großstadt, waren viele zunächst einsam. Der Stammtisch ersetzte die Familie, die sie zurücklassen mussten oder die von den Nazis umgebracht worden war. Als die „Kleine Konditorei“ schloss, wanderte der Stammtisch in die Wohnung von Gaby Glückselig und ihrem Mann Friedrich, dem Lyriker und Kunsthändler alias Friedrich Bergammer. Auch nach dessen Tod blieb Gaby Glückselig Gastgeberin – bis zu ihrem 100. Lebensjahr.Dort, im Hinterhaus auf der 89. Straße zwischen York Avenue und East End Avenue, öffnete sich der Kreis nun auch für mich. „Grüß dich! Komm’ herein!“ Gaby Glückselig stand lächelnd an der Tür im fünften Stock. Ich staunte nicht schlecht, als ich nach und nach erfuhr, mit wem ich alles hier auf kleinstem Raum zusammen saß, was für Lebensgeschichten diese Menschen hatten: Natürlich traf ich Lily und Herbert Hull wieder. Lily, deren Familie in Wien einst gegenüber von Sigmund Freud gewohnt hatte („Wir haben den Freuds sonntags in den Suppentopf geschaut“, erzählte sie gern schmunzelnd). Herbert, der ebenfalls aus Wien stammte, aus einem Konzentrationslager entkommen konnte, in New York bei Tiffany’s Uhrmacher wurde und für eine gewisse Jacqueline „Jackie“ Bouvier eine Uhr zur Verlobung mit John F. Kennedy fertigte. Ich saß neben Wally Sabarsky, die mit dem Kunstsammler Serge Sabarsky verheiratet war und nach dessen Tod zeitweise sämtliche von ihm gesammelten Egon-Schiele-Bilder unversichert an den Wänden ihrer Wohnung hängen hatte (so hieß es). Zum Stammtisch gehörte Hilde Berger-Olsen, die Oskar Schindlers berühmte Liste getippt hatte und erst davon erzählte, als Steven Spielberg sie für seinen Film dazu befragte. Ihr Mann Alex Olsen war auch dabei. Der einstige Buchdrucker aus Berlin-Kreuzberg war 1938 nach Mexiko emigriert, wo er für Leo Trotzki übersetzte. Den Stammtisch besuchte auch Hannah Busoni, Tochter des Anwalts Alfred Apfel, der den Journalisten Carl von Ossietzky gegen Ende der Weimarer Republik im „Weltbühne“-Prozess verteidigt hatte, einem der spektakulärsten Strafverfahren gegen militärkritische Presseorgane. Mir gegenüber saß der Schwager von Gaby Glückselig, Leo Glückselig. Der „Time“-Illustrator und Karikaturist hatte während des Novemberpogroms 1938 einem Gestapo-Mann in einem Verhör- und Folterkeller in Wien ins Gesicht gesagt: „Sie können mich schlagen, aber berühren können sie mich nicht.“ War man einmal eingeladen, gehörte man dazuIn den Jahren darauf kam ich immer wieder zum Stammtisch, war oft Hausgast bei Lily und Herbert Hull. Regelmäßig wurde meine Anwesenheit am Mittwochabend, als ich ein paar Jahre in New York lebte. Mit der Zeit kamen immer mehr junge Menschen dazu, vor allem die Zivildienstleistenden von „Aktion Sühnezeichen“ und vom österreichischen Pendant „Gedenkdienst“. War man einmal eingeladen worden, gehörte man wie selbstverständlich dazu. Das einzige Initiationsritual: Gaby Glückselig klingelte mit ihrem Messingglöckchen, das meist griffbereit auf dem Tisch stand (manchmal aber auch verzweifelt zwischen Stapeln zahlloser Papiere, Prospekte und Zeitungen gesucht wurde). Als endlich alle still waren: „So, nun erzähl mal etwas von dir!“ Hatte man sich vorgestellt, durfte man sich in das Gästebuch einschreiben. Ab jetzt wusste man, wo man mittwochs um halb acht willkommen war. Nicht selten füllte sich das winzige Ein-Zimmer-Apartment mit weit über 20 Gästen. Irgendwie fand man schon Platz, zwischen vielen Bildern und noch mehr Büchern. Erst aß man und unterhielt sich über dies und das: Potluck – zu Deutsch: „Topfglück“ – jeder brachte etwas zum Essen und Trinken mit. Danach las jemand einen Artikel, einen Brief oder etwas selbst Verfasstes vor. Bis alle zuhörten, musste Gaby Glückselig allerdings lange mit ihrem Glöckchen läuten – man hatte sich seit letzter Woche eben viel zu erzählen. Im Laufe des Abends wurde es fast immer politisch. Klar, die US-Politik spielte eine Rolle, erhitzte die Gemüter. Aber mir schien es, dass eines noch wichtiger für die Emigranten war: Was ist los in Europa? Muss man wieder Angst haben? Die Jungen, die Europäer sollten erzählen, wie sie die Lage in Deutschland und Österreich einschätzten. „Jetzt riecht es nach Wien“Einmal im Monat wurde es kulinarisch: Arnold Greissle-Schönberg, Enkel des Komponisten Arnold Schönberg, buk mit Kurt Sonnenfeld zahllose Palatschinken und füllte sie mit Marillenmarmelade. Sonnenfeld, Sohn eines Sozialdemokraten, war als Kind mit seiner Familie nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland ausgewandert. Wenn ein Teller um den anderen, bestäubt mit Puderzucker, von der Küchenzeile nach vorn gereicht wurde, hörte man stets ein entzücktes: „Jetzt riecht es nach Wien.“ Nach Gabys Tod zog der Stammtisch noch einmal um, ein paar Straßen weiter in das Penthouse der Schmuckkünstlerin Trudy Jeremias. Als auch sie immer schwächer wurde, ersetzten virtuelle Meetings per Zoom zusehends die persönlichen Treffen. Der Vorteil: Man konnte auch aus der Ferne teilnehmen. Nun ist die letzte Teilnehmerin der alten Riege mit 102 Jahren verstorben. Die gebürtige Berlinerin Marion House konnte den Nazis einst mit einem Kindertransport nach Großbritannien entkommen. „Ich wurde vom Glück verfolgt“, war ihr Slogan. Der Stammtisch war für die Emigranten bis zuletzt ein Stück Heimat, ein Lebenselixier. „Ich warte immer auf den nächsten Mittwoch“, sagte Gaby Glückselig oft, wenn ich sie aus Deutschland anrief. Nun ist er zu Ende. Sein Vermächtnis lebt in mir weiter. Lily und Herbert, ich sehe euch zum Abschied winken: „Tschüss! Servus! Baba!“ Heidi Friedrich, 55, Journalistin und Bestsellerautorin, durfte seit Anfang der 90er-Jahre regelmäßig am Oskar-Maria-Graf-Stammtisch teilnehmen.Heidi Friedrich
Oskar-Maria-Graf-Stammtisch: Bis zuletzt ein Stück Heimat in New York, so etwas wie ein Lebenselixier - WELT
Über 80 Jahre lang war der Oskar-Maria-Graf-Stammtisch in New York ein Stück Heimat für jüdische und politisch verfolgte Emigranten. Jetzt ist die letzte Teilnehmerin gestorben und eine Ära geht zu Ende. Ein Abschied.








