PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungTierschutzWir könn(t)en das Leid lindernVeröffentlicht am 19.12.2025Lesedauer: 5 MinutenIn Ställen, Schlachthöfen, bei Transporten ließe sich viel Elend verhindernQuelle: Friso Gentsch/picture alliance/dpaImmer neue Fälle von Tierquälerei in Ställen und Schlachthöfen werden enthüllt. Stets erschüttern sie die Öffentlichkeit. Dabei könnten wir dieses Leid mit KI, Messtechnik und Kameras massiv reduzieren.Es war kein außerordentliches, eher ganz gewöhnliches Tierleid, das Aktivisten der Tierschutzgruppe „Aninova“ nun aufdeckten. Heimlich filmten sie in einer Schweinehaltung im märkischen Kreis. Viele Schweine waren in enge Metallkäfige und Buchten voll Ungeziefer gequetscht. Hinlegen konnten die Tiere sich kaum, das dokumentieren die Aufnahmen. Tote Ferkel, blutende, verletzte und extrem ausgehungerte Schweine sind zu sehen. Dabei waren Kontrollen der Veterinäre dort zuvor unauffällig verlaufen. Sogar ein namhaftes Prüfsiegel war dem Betrieb verliehen worden (inzwischen wurde es aberkannt). Doch all die Inspektionen verhinderten das Elend nicht. Das Ausmaß des Leids in deutschen Ställen ist enorm und bisweilen weit schlimmer als im jüngsten Fall. Nur wird es leider nicht systematisch erfasst. Wenn dies in einer Kommune oder einem Land aber doch probiert wird, zeichnen sich erschreckende Dimensionen ab. Als das NRW-Umweltministerium zum Beispiel 2021 einmalig 400 Kontrollen in Schweinehaltungen überprüfte, stellte sich heraus: 59 Prozent der Betriebe verstießen gegen das Tierschutzgesetz. Sie bezahlen mit Leid unsere Schnitzel-LustBleibt das Kontrollsystem unverändert, werden hungernde, blutende, eingequetschte Tiere wohl weiter den Preis unserer Lust an Schnitzeln, Würstchen und Filets zahlen müssen – obwohl Öffentlichkeit und Politik dieses Elend doch unablässig beklagen. Und nach Auswegen aus diesem Leid tolerierenden System suchen.Unsere bisherige Art, Qualen der Nutztierhaltung zu debattieren, ist offenbar unergiebig. Lange galt „Mehr Kontrolleure!“ als Schlachtruf vieler Tierfreunde. Denn unbestritten gibt es zu wenige Kontrolleure. Die Tierschutzgruppe „Vier Pfoten“ errechnete, dass nur 7,8 Prozent der Tierhaltungen pro Jahr bundesweit überprüft werden. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz waren es immerhin 19 Prozent der kontrollpflichtigen Nutztierbetriebe. Ob sieben oder 19 – es reicht nicht. „Mehr Kontrolleure“ – das ist nicht die LösungDieser Mangel wird sich durch mehr Kontrolleure aber nicht beheben lassen. Wenn mit dem bisherigen Personal, ganz grob gerundet, auch nur zehn Prozent der Haltungen effektiv überprüft werden könnten, bräuchten wir für wirklich gründliche Überwachung zehnmal mehr Kontrolleure, also zehnmal mehr Tiermediziner, Ausbildungsplätze, Bürokratie. Die wird es niemals geben. Kein Berufsstand wird mal eben auf ein Vielfaches seiner Personalgröße aufgeblasen. Und wenn doch, dann nicht der der Veterinäre.Natürlich, man könnte, wie SPD-Tierschutzexperte René Schneider vorschlägt, wenigstens alle Kontrollen ausdrücklich unangekündigt durchführen. Bislang sollen Hofbesuche in den meisten Ländern unangemeldet erfolgen, laut SPD-Vorschlag müssten sie es auch faktisch zwingend. Das wäre wünschenswert, aber noch kein großer Wurf, wie auch Schneider sagt. Aber was dann? CDU, Grüne und SPD haben im Grundsatz bereits erkannt, was Abhilfe schaffen könnte und als wahrer „Game changer“ in der Nutztierhaltung taugt: ein umfassendes digitales Frühwarn- und Monitoringsystem. Technik fürs TierEin solches will zum Beispiel Schwarz-Grün in NRW, aber auch manch anderes Bundesland einführen. Jedenfalls irgendwann. Und irgendwie. Mithilfe künstlicher Intelligenz sollen umfassend Daten über alle Nutztiere ausgewertet werden. So könnten Anzeichen für gefährdetes Tierwohl schnell erkannt und überprüft werden. Nur: Dazu müssten Daten zum Zustand aller Tiere erst einmal umfassend erhoben werden – durch flächendeckend in Ställen eingesetzte Kameras, Temperatur- oder Feuchtigkeitsmessgeräte und Bewegungssensoren zum Beispiel. Diese Technik, das ist unstrittig, wäre ein wahrer Dienst am Tier. SPD-Mann Schneider schlägt deshalb vor, „schnellstmöglich Pilotprojekte zu starten mit voll ausgerüsteten Tierhaltungen, um keine Zeit mehr zu verlieren“. Lesen Sie auchIn der Tat. Die Zeit drängt. Jeder Tag, den Regierungen in Bund und Ländern untätig verstreichen lassen, bedeutet mehr Leid in den grob über 115.000 Rinder- und Schweinehaltungen der Republik (zu den Zahlen hier und hier). Und: Es gilt noch etliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die Messtechnik wird weiteres Geld kosten, Konflikte mit Landwirten sind zu erwarten. Auch müsste der Datenschutz eingeschränkt werden. Aber ein massiv ausgebautes Kontrolleurs-Heer wäre allemal teurer, schwerer heranzubilden und ebenfalls ein Eingriff in die Privatsphäre der Züchter. Ob Schlachtfeld oder Schlachthof: Verrohung drohtWie nötig Tempo beim Tierschutz wäre, zeigen auch so einige der vielen hundert Schlachthöfe im Land. Dort wollen die Bundestierschutzbeauftragte und mehrere Bundesländer lückenlos Kameras installieren, um Schlachtern über die Schulter zu schauen (hier und hier). Durch digitale Aufsicht soll dafür gesorgt werden, dass Tiere endlich so schonend wie eben möglich geschlachtet werden. Sehr gut. Wie grauenhaft manche Schlachter zu Werke gehen, wird leider immer wieder aufgedeckt – und zwar fast ausnahmslos durch Tierschützer, die heimlich auf Höfen filmen. Das ist übrigens kein Generalverdacht gegen Schlachter. Es gibt viele, die mit Respekt vor dem Tier ihrer Arbeit nachgehen. Dennoch bleibt es ein kaum zu bestreitender Erfahrungswert, dass Menschen dort eher zu verrohen drohen, wo sie tagtäglich andere Lebewesen töten – ob auf dem Schlachtfeld oder dem Schlachthof. Kürzlich wurde etwa von einem Hof in Hürth bekannt, wie Schlachter seelenruhig Schafen die Kehle aufschnitten, sie häuteten und zum Ausbluten an Ketten hochzogen – während die Tiere noch wach waren und sich heftig wehrten. Übrigens war auch dieser Schlachthof von Veterinären besucht worden, ohne dass Verstöße aufgefallen waren. Wie gesagt: Das bisherige Kontrollsystem taugt offenkundig nicht genug.Landesvater aller Lebewesen?Doch die Initiativen für Schlachthofüberwachung wurden im Bund oder in NRW noch nicht einmal gestartet. Und das Monitoringsystem steckt vielerorts noch ganz in den Anfängen. Da muss Tempo rein – auf allen politischen Ebenen. In seiner Neujahrsansprache sollte zum Beispiel NRW-Ministerpräsident Wüst nicht nur tatkräftige Politik für die 18 Millionen Bürger seines Landes ankündigen, sondern auch für gut 45 Millionen Hühner, etwa 5,8 Millionen Schweine und rund 1,2 Millionen Rinder in NRW – für die er, sozusagen als Landesvater aller Lebewesen, ebenfalls Verantwortung trägt.