PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:MeinungWucherpreise für Kranz, Kalender, SüßigkeitenWenn Weihnachten so teuer ist, dann will ich es nicht mehrVon Anja Francesca RichterVeröffentlicht am 22.12.2025Lesedauer: 4 MinutenDann bleiben die Kerzen eben ausQuelle: Getty Images/Christoph WagnerEin Adventskranz für 40 statt 30 Euro – oder gleich mehrere Hundert. Ein Schokoladenkalender, der 60 Euro kostet. Und für 200 Gramm gebrannte Mandeln verlangen Händler ein kleines Vermögen. Bei aller vorweihnachtlichen Konsumfreude – hier hört der Spaß auf.Nein, als Grinch möchte ich eigentlich nicht durch die Vorweihnachtszeit gehen. Schließlich lehne ich das Fest und alles, was dazugehört, nicht grundsätzlich ab – anders als die Strubbelhaar-Figur aus dem Dr.-Seuss-Klassiker. Aber wenn ich mir ansehe, was in diesen Wochen finanziell rund um die vermeintlich schönste Zeit des Jahres passiert, sinken meine Mundwinkel mindestens so tief wie die des knallgrünen Weihnachtsverweigerers. Das „Fest der Liebe“ lässt sich in diesem Jahr nämlich endgültig auch als „Fest des Abkassierens“ beschreiben. Wer nicht mindestens mit zweitem Vornamen Krösus heißt, verliert – so wie ich – schnell den Spaß am Dekorieren, Backen, Beschenken.Lesen Sie auchMein Super-GAU: die Kosten für Adventskränze. Im Hinblick auf journalistische Unabhängigkeit möglicherweise fragwürdig zu erwähnen, aber: Seit Jahren bin ich großer Fan von „Blumen Marsano“, und habe dort auch schon eingekauft (eine Vase). Die Sträuße, Gestecke und, ja, auch die Adventskränze des Berliner Ladens gefallen mir, weil sie mir in ihrer Aufmachung außergewöhnlich erscheinen.Aber wieso kostet ein Modell mit mehreren Dutzend gelb-goldener Samt- und Glitzerschleifen und vier Kerzen mit einer Brenndauer von 110 Stunden sagenhafte 559 Euro? Im letzten Foto der Bildergalerie zum Angebot schlüsselt das Team die einzelnen Komponenten auf, die den Preis rechtfertigen – oder zumindest erklären – sollen: die Kerzen 100 Euro, die Deko 250 Euro, die Arbeitszeit 175 Euro. Weitere, ähnlich dekorierte Adventskränze beginnen dort bei 246 Euro. Zum Vergleich: Auszubildende Floristen verdienen im ersten Lehrjahr zwischen 850 und 950 Euro.Ist das schon Kunst?Natürlich lässt sich argumentieren, dass niemand so viel Geld für Weihnachtsdekoration ausgeben muss, der es nicht möchte, eh klar. Und gutes Handwerk soll seinen Preis haben, keine Frage. Auch der Verweis auf „Freie Marktwirtschaft“ erwiese sich als absolut legitim. Nur: Geht die Rechnung auf? In der Liste der Branchen, die vom Weihnachtsgeschäft besonders profitieren, tauchen Floristen nicht auf – Spielwaren, Unterhaltungselektronik und Bücher bilden die Top drei.Denn seit wann ist es normal, 90 Euro für ein Gesteck aus einfachem Tannengrün, vier Kerzen, ein paar getrockneten Orangenscheiben und Plastikäpfelchen zu zahlen? Oder handelt es sich bei der Arbeit des Düsseldorfer Geschäfts Turkenburg um florale Kunst, die ich nicht verstehe? Die Anfrage beim Fachverband Deutscher Floristen, ob möglicherweise getrocknete Clematis vitalba, duftende Gewürznelken, Haselnüsse oder Zimtrinde (laut Verband Teil aktueller Weihnachtsdeko-Trends) die Preise treiben, blieb unbeantwortet. Schade.Lesen Sie auchAm Ende wird es wohl der Kranz aus dem Super- oder Baumarkt für rund 30 Euro, der sich bei Bedarf noch etwas aufhübschen lässt. Denn die Idee, den Adventskranz komplett selbst zu gestalten, funktioniert auch nicht mehr so recht. Eine Kollegin etwa bringt jedes Jahr denselben Strohkranz zum Floristen ihres Vertrauens, um ihn neu mit Tannengrün umbinden zu lassen. Dieses Jahr kostete der Service 40 Euro statt 30 wie noch in 2024.Für einen echten Weihnachtsbaum wollen sich laut Statista Consumer Insights dieses Jahr übrigens nur 44 Prozent entscheiden; 27 Prozent nehmen einen aus Plastik, 24 Prozent gar keinen. Warum wohl?Selbst der durchaus angemessen Frustverzehr fällt schwer. Drei Euro für eine Packung Dominosteine? 200 Gramm gebrannte Mandeln ohne „Veredelung“, mit Nutella oder Ähnlichem, für sieben Euro? Das verlangte gerade ein Händler auf einem mit 17 Buden eher überschaubaren Weihnachtsmarkt in einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. In einer Familie mit Mutter, Vater und zwei Kindern bekommt damit jeder, sagen wir, geschätzte fünfeinhalb Mandeln ab. Dafür muss ich nicht bei zwei Grad im Nieselregen stehen.Auch der Verzicht auf die eigentlich traditionell gegönnten Schokospieße – sechs Euro für fünf Erdbeeren – schmerzt, gelingt aber. Laut Statistischem Bundesamt zahlen wir aktuell im Schnitt 21,8 Prozent mehr für Schokolade als noch im Oktober dieses Jahres. Eine Tafel kostete gar ein Drittel mehr. „Obwohl die Rohstoffpreise für Kakao seit einem Jahr stetig sinken, wird Schokolade im Supermarkt immer teurer“, kritisierte die Verbraucherzentrale Hamburg zurecht. „Diese drastischen Preiserhöhungen treffen vor allem Menschen, die nicht so viel Geld haben.“Der Adventskalender der von mir ebenfalls geschätzten Berliner Manufaktur Sawade, der ältesten der Hauptstadt, kostet unterdessen 60 Euro. 24 Pralinen hinter einem von Illustratorin Clare Owen gestalteten Weihnachtsbaummotiv. Unmittelbar vor der Pandemie lag der Preis noch bei der Hälfte. Das ist mehr als fünf Jahre her – aber ein Anstieg um 50 Prozent? Come on. Zwei Varianten, mit und ohne Alkohol, sind laut Homepage bereits ausverkauft; es gibt also genügend Kunden, die bereit sind, so viel zu zahlen – was mich für das Unternehmen freut. Normal finde ich, da bin ich dann doch gern Grinch, die Preise trotzdem nicht.Dabei soll es in diesem Kommentar nicht darum gehen, die Arbeit von Floristen, Patissiers oder Verkäufern auf Weihnachtsmärkten herabzuwürdigen. Gute Arbeit verdient wie erwähnt einen angemessenen Preis; er drückt letztendlich Wertschätzung aus. Aber dass dieser wenigstens ansatzweise realistisch bleibt, ist doch nicht zu viel verlangt.