PfadnavigationHomeICONISTModeMichelle Obamas StilSie konnte mit Kleidung einiges steuern oder zumindest beeinflussenVeröffentlicht am 26.11.2025Lesedauer: 7 MinutenIn Signalrot, einer Farbe, die Aufmerksamkeit garantiert: die frühere First Lady Michelle Obama im Jahr 2018Quelle: Owen Sweeney/Invision/AP Photo/picture alliance/OSMichelle Obama zeigt in ihrem Buch „The Look“ wie viel politische Wirkung in der Wahl eines Outfits steckt. Acht Jahre lang prägte sie mit ihrer Mode das Image der Regierung – und entdeckte erst nach dem Abschied aus dem Weißen Haus ihre Freiheit in goldenen Balenciaga-Stiefeln.Bei welcher Gelegenheit trägt man golden glitzernde Overknee-Stiefel? Michelle Obama stellte sich diese Frage im Jahr 2018, als ihre Stylistin Meredith Koop ihr ein eben solches Paar Schuhe von Balenciaga vor die Nase hielt: unendlich langer Schaft, eng anliegend wie eine Strumpfhose, spitz wie ein Vogelschnabel. Obama war damals keine First-Lady mehr und tourte durch die USA, um ihre Memoiren „Becoming“ zu bewerben. Für ein Event in New York, das von der Schauspielerin Sarah Jessica Parker moderiert werden sollte, passten die Stiefel perfekt. Ihre Stylistin sei „geschockt“ gewesen, dass sie den Vorschlag angenommen hätte, erinnert sich Michelle Obama Anfang November in einem TV-Interview mit der US-amerikanischen Moderatorin Robin Roberts für den Sender ABC. Aber nach acht Jahren voller Shiftkleider, knielanger Röcke, Perlenketten und Strickjacken hatte Obama Lust auf etwas Neues. Auf mehr Hosen zum Beispiel. Oder eben goldene Stiefel bis zu den Oberschenkeln.Denn eines hatte sie im Laufe der acht Jahre als First Lady über Mode gelernt, wie sie nun in ihrem neuen Buch „The Look“ schreibt, das sie gemeinsam mit ihrer Stylistin Meredith Koop verfasst hat. Sie konnte mit Kleidung einiges steuern oder zumindest beeinflussen: die Aufmerksamkeit des Publikums, die Berichterstattung der Medien, in erster Linie jedoch ihr eigenes Wohlbefinden und ihr Gefühl, für jede Situation gewappnet zu sein – ob beim Umarmen zahlreicher Menschen fremder Lippenstift auf ihrem Kragen gelandet war oder ob eine Gala von einer Tragödie an einem anderen Ort im Land unterbrochen wurde und sie dafür kurzfristig in die Air Force One steigen musste.Lesen Sie auchIn „The Look“ beschreibt Obama ihre persönliche Entwicklung von der Anwältin und Mutter hin zur First Lady und schließlich zur Autorin, Podcasterin und Speakerin, die sich neu erfinden durfte – alles aus der Perspektive ihrer modischen Entscheidungen und Schlüsselmomente.Damit kratzt sie nicht nur an der Oberfläche, sondern bewirkt das genaue Gegenteil: Selten erhält man so tiefe Einblicke in und konkrete Erklärungen für die Beweggründe hinter der Wahl eines Looks. Oder Beschreibungen, wie sich die First Lady vor einem wichtigen Empfang im Weißen Haus vorbereitet, dass sie mit ihrem, intern als „Trifecta“ bezeichneten Team aus Modestylistin, Haare- und Make-up-Artist schon mal eine Flasche Champagner öffnete und der US-Präsident jede Robe mit der Erkenntnis, dass sie „wunderschön“ aussehe, bewunderte. Das ist auch für Mode-Neulinge interessant, weil Michelle Obama der ultimative Beweis dafür ist, wie eine First-Lady auch dank ihrer Kleiderwahl das Image einer Regierung positiv prägen konnte. Klar, Kritiker gab es immer, aber die meiste Zeit gelang Obama mithilfe von Mode genau das, was sie wollte: Sie wurde als offen, sympathisch und zugänglich wahrgenommen, sie unterstützte US-Designer unterschiedlichster Hautfarben und kultureller Hintergründe, wie Jason Wu, Isabel Toledo oder Naeem Khan. Sie trug mal unbekannte Nachwuchslabels wie Tracy Reese, mal Mainstream-Marken wie J. Crew. Sie achtete darauf, in Krisenmomenten nichts zu tragen, was die Aufmerksamkeit von der Sache ablenken könnte.Lesen Sie auchDas fällt heute umso mehr auf, als ihre Nachfolgerin Melania Trump in der ersten Amtszeit ihres Mannes oft verblüffend wenig Gespür für die Feinheiten der modischen Kommunikation bewies, auch wenn sie einen guten Geschmack hat. Mrs. Trump sieht dabei immer schick aus, aber nicht unbedingt gut: High Heels beim Besuch von Hurrikan-Opfern oder eine Jacke mit der provokanten Aufschrift „I really don‘t care. Do U?“, mit der sie im Jahr 2018 von ihren Eltern getrennte Kinder an der texanischen Grenze besuchte. Jede First Lady, so schreibt Obama in „Look“, brachte ihren Stil mit ins Weiße Haus (die aktuelle Präsidentengattin wird an keiner Stelle erwähnt). Jackie Kennedy schätzte pastellfarbene Kostüme, Nancy Reagan französische Haute Couture, Laura Bush konservative Taftröcke, Hillary Clinton Haarreife und Hosenanzüge. Und Barbara Bush interessierte sich so wenig für Mode, dass sie zum Ball zur Amtseinführung ihres Mannes George H.W. Bush falsche Perlen und 29-Dollar-Schuhe trug.Sie alle mussten damit leben – wie Michelle Obama auch – dass über ihr Aussehen mehr berichtet wurde als über das, was sie zu sagen hatten. Doch parallel zur Obama-Präsidentschaft veränderten das Internet und Social Media die Art und Weise, wie Menschen Bilder und Nachrichten konsumieren. Jeder Handshake, jeder Blick und eben auch jedes Outfit wurde gesehen, analysiert, bewertet. Für die heute 61-Jährige zeigte sich das am eindringlichsten im Jahr 2009, ausgerechnet im Familienurlaub im Grand Canyon, als sie bei knapp 40 Grad aus der Air Force One stieg, um mit ihrer Familie auf eine Wanderung zu gehen. Sie trug dabei das, was wohl jeder normale Mensch in so einer Situation anziehen würde – Shorts. „Too casual“ schimpften empörte Kritiker, eine frisch gebackene First Lady an Bord des Präsidentenjets hatte eben nicht wie ein normaler Mensch auszusehen.Lesen Sie auchMode ist keine Nischenbeschäftigung für eine kleine Gruppe mehr, sie ist Teil der Popkultur, Entertainmentprogramm für Milliarden von TikTok- und Instagram-Usern. Michelle Obama selbst hat fast 60 Millionen Follower auf Instagram. Vor diesem Hintergrund fühlt sich fast jeder dazu berufen, über Mode zu urteilen – und damit auch über den Look der First Lady, deren Entscheidungen aufgrund ihrer Stellung ohnehin zusätzliches Gewicht tragen. Im Buch wird klar, dass Obama als First Lady mit Mode vieles erreichen, aber nicht provozieren, irritieren oder aufwühlen wollte. Und sie wusste, dass sie als schwarze Frau noch kritischer beobachtet wurde. Die Naturkrause, so hatte sie es als junge Frau in der Southside von Chicago wie zahlreiche andere schwarze Frauen ihrer Generation und denen vor ihr gelernt, musste mithilfe von schmerzvollen und langwierigen Behandlungen mit heißen Kämmen und später mit chemischen Mitteln namens Relaxer geglättet werden, um so dem weißen Schönheitsideal zu entsprechen. Obama und ihre Haarstylisten Yene Damtew und Johnny Wright beschreiben in dem Buch, wie sie irgendwann Haar-Extensions und Perücken für ihre Frisuren einsetzten, damit sich Obamas Kopfhaut und Haare erholen und gesund nachwachsen konnten.Während der Präsidentschaft wagte es Obama nie, Flechtfrisuren zu tragen, die sie als junge Studentin in Princeton bevorzugt hatte. „Ich wusste, dass sich die First Lady auf gar keinen Fall mit Zöpfchen zeigen durfte“, schreibt sie. Ein wichtiger Teil von ihr musste angepasst, gezähmt werden, um diese Rolle zu erfüllen. Andere Kriterien bezüglich ihrer Kleiderwahl waren aber auch oft praktischer Natur: In welchen Mustern würden Flecken nicht so auffallen? Konnte man in diesem Outfit mit Kindern auf dem Rasen des Weißen Hauses herumtollen? Oft würde Obama in einem neuen Look die Arme O-förmig vor sich ausbreiten, ein Test, ob man darin gut Menschen umarmen konnte. Lesen Sie auchAls junge Anwältin hatte Obama wenige Tage vor der Ernennung ihres Ehemanns zum US-Senator in Chicago im Jahr 2004 mit Schrecken festgestellt, dass sie für die Veranstaltung nichts zum Anziehen hatte und in der Mittagspause im Kaufhaus ein Kostüm besorgt. Im Laufe der folgenden Jahre lernte sie, wie viel Planung, Zeit, Mühe aber auch Kreativität in die Wahl der Garderobe einer First-Lady im 21. Jahrhundert fließen musste. Obama erfüllte diese Aufgabe mit Bravour und praktisch skandalfrei, aber es ist fast schade, dass ihre Kleidung heute weniger besprochen wird als früher. Nun, da sie kein Land und keine Regierung mehr repräsentieren muss, spielt sie freier und unbekümmerter mit Mode als zuvor.Die Buchtour zu „Becoming“ markierte in der Hinsicht ein neues Kapitel: Das Publikum bekam eine neue Michelle Obama zu sehen, eine Frau, die glitzernde Overknees von Balenciaga trug, wenn sie darauf Lust hatte. Je nach Lebensphase habe ihr Kleidung geholfen, jede ihrer neuen Rollen zu definieren, schreibt Obama. Eins habe sich nie geändert: Sie müsse sich in Kleidung wohlfühlen, damit sie sie gut tragen könne. Diesen Eindruck hat man bis heute.