PfadnavigationHomeGeschichteArtikeltyp:MeinungUkraineWarum der „Friedensplan“ die Fehler von 1938 wiederholtVeröffentlicht am 26.11.2025Lesedauer: 5 MinutenSeptember 1938: Adolf Hitler zwischen Edouard Daladier (Frankreich, l.) und Benito Mussolini (Italien)Quelle: picture alliance/dpa/dpaDer Plan von Trump und Putin für die Ukraine zeigt alarmierende Parallelen zum Münchner Abkommen von 1938. Schon drei Wochen nach der Unterzeichnung tat Hitler etwas, das heute eine Warnung sein sollte.Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen. Deshalb galt gute Kenntnis der Geschichte lange Zeit als eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Diplomatie. Tempi passati! Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Das zeigt leider der aus 28 Punkten bestehende „Friedensplan“, den Donald Trump und Wladimir Putin für die Ukraine ausgehandelt haben. Schon die äußeren Umstände ähneln dem Tiefstpunkt der Außenpolitik: dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 über die Tschechoslowakische Republik. Seinerzeit gab es mit Hitler-Deutschland eine hochaggressive Diktatur, die offensiv bestehende Grenzen mit Drohungen infrage stellte. Eingeschüchtert von Dynamik und Skrupellosigkeit des Gegenübers, wollte die einzige wirkliche Großmacht in Europa, Großbritannien, die Situation um jeden Preis entschärfen. Die Parallelen zum aktuellen Plan für die Ukraine sind unübersehbar: Die Vereinigten Staaten als westliche Vormacht haben die 28 Punkte mit einem Vertrauten des russischen Machthabers klandestin verhandelt. Der Aggressor Putin, dessen Angriffskrieg bislang mindestens eine halbe Million Menschen auf beiden Seiten, Soldaten und Zivilisten, das Leben gekostet hat, wird belohnt, das Opfer bestraft: Sollte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den 28 Punkten nicht zustimmen, dürfte sein Land die Unterstützung der USA verlieren, des bisher wichtigsten Partners im Überlebenskampf. 1938 war der Leidtragende die damalige CSR, über deren Kopf hinweg die beiden Verhandlungspartner ein Abkommen schlossen (Frankreichs schwacher Premier Daladier und Italiens Diktator Mussolini spielten faktisch keine Rolle). Das Abkommen erlegte der Tschechoslowakei erstens weitgehende Gebietsabtretungen auf. Zweitens zerstörten die Bedingungen die Verteidigungsfähigkeit des verbleibenden Reststaates. Drittens enthielt es windelweiche Zusagen des Dritten Reiches zum Beispiel über einen „Internationalen Ausschuss“ zur Klärung von Streitfragen, der keinerlei Einfluss hatte. Lesen Sie auchGanz ähnlich die 28 Punkte des aktuellen Plans: Russland soll nicht nur die mit ungeheuren Gewaltorgien eroberten Gebiete behalten dürfen, sondern weitere bekommen, die der Kreml ohne jede Rechtsgrundlage verlangt (Punkt 21). Da die dort in den vergangenen Kriegsjahren angelegten Befestigungen kampflos geräumt werden müssten, wäre die Ukraine wie 1938 die CSR weiteren Angriffen wehrlos ausgeliefert. Die geforderte Verkleinerung der ukrainischen Armee (Punkt 6) kommt hinzu – hier geht der Vorschlag sogar über das Münchner Abkommen hinaus. Lesen Sie auchGleichzeitig enthält das Abkommen in den Punkten 10 und 22 zwei Sollbruchstellen, die Putin eine Wiederaufnahme seiner Aggression geradezu nahelegen: Bei Verstößen sollen alle Sicherheitsgarantien wegfallen. Vermutlich bereiten die russischen Geheimdienste FSB und GRU schon bald eine Aktion nach dem Vorbild des „Überfalls auf den Sender Gleiwitz“ am 31. August 1939 vor, des inszenierten „Grundes“ für den deutschen Überfall auf Polen. SS-Kommandos in polnischen Uniformen überfielen damals eine deutsche Radiostation. Ohnehin sind die Zusagen Russlands das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben werden. „Es wird erwartet, dass Russland keine Nachbarländer angreift und die Nato sich nicht weiter ausdehnt“, lautet Punkt 3. Und Punkt 4 verspricht einen „Dialog“ zwischen Russland und der Nato „mit dem Ziel, die globale Sicherheit zu gewährleisten“.Lesen Sie auchMinimales zeitgeschichtliches Wissen genügt, um dabei an die Deutsch-britische Erklärung zu denken, die Premierminister Neville Chamberlain Hitler am Vormittag des 30. September 1938 noch abgerungen hatte: „Wir sind entschlossen, dass der Weg der Beratungen derjenige sein soll, mit dem jegliche weiteren Fragen, die unsere beiden Länder betreffen, gelöst werden sollen, und wir beschließen, unsere Bemühungen, mögliche Ursachen für Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, fortzusetzen und insofern zur Friedenssicherung in Europa beizutragen.“ Ob Chamberlain das selbst glaubte oder insgesamt zumindest ahnte, dass Hitler sich nie daran halten wollte, ist unter Historikern umstritten. Es spielt aber auch keine Rolle: Das Dritte Reich hatte schon zuvor jede völkerrechtliche Regelung gebrochen, wenn es dem Regime vorteilhaft erschien. Ebenso Putin: Unter seiner Regierung hat Russland gegen das Prinzip der Unverletzlichkeit der Grenzen in Europa, festgelegt 1975 in der KSZE-Grundakte und seither mehrfach bekräftigt, gegen das Budapester Memorandum von 1994 und gegen die beiden Minsker Abkommen von 2014/15 verstoßen. Außerdem gegen weitere Vereinbarungen, die völkerrechtlich gültig sind – und nicht nur imaginiert wie die vermeintliche Zusage von 1990, die Nato nicht nach Osten zu erweitern.Hitler hatte niemals vor, sich an die Regeln des Münchner Abkommens zu halten – nur drei Wochen nach den Unterschriften wies er am 21. Oktober 1938 die Wehrmacht per „Geheimer Kommandosache“ an, die „Erledigung der Rest-Tschechei“ vorzubereiten. Sie erfolgte am 15. März 1939; den Anlass hatte Hitler selbst geschaffen, indem er den slowakischen Landesteil der CSR gegen die Regierung in Prag ausspielte und sich so einen angeblichen Grund zum Einmarsch schuf. Putin wird einen Vorwand für weitere Aggressionen findenEs gehört nicht viel Fantasie dazu, sich Putins nächste Schritte nach Umsetzung des Trump-Plans auszumalen: Konflikte am Rande der neuen, der Ukraine aufgezwungenen Grenze im Osten und Südosten könnten ihm den Vorwand liefern, die Sicherheitsgarantien aufzukündigen. Oder echte Anschläge enttäuschter ukrainischer Soldaten, die es mit großer Wahrscheinlichkeit nach einem Waffenstillstand geben dürfte; falls wider Erwarten nicht, hat der Kreml bekanntlich mit inszenierten Zwischenfällen à la Gleiwitz 1939 Erfahrung – man erinnere sich an die Bombenanschläge auf Wohnblöcke unter anderem in Moskau im September 1999, die zum Vorwand des zweiten Tschetschenien-Kriegs wurden. Eine wesentliche Regelung des Ukraine-Plans hat kein Vorbild im Münchner Abkommen und den begleitenden Vereinbarungen: Punkt 14 legt fest, dass den USA die Hälfte des Gewinns aus Wiederaufbauprojekten in der Ukraine zustehen soll. Das ist Außenpolitik in Zeiten des Dealmakers im Weißen Haus: Stabilität und Verlässlichkeit werden bedenkenlos selbst vagen Profitversprechen geopfert. Das ist eine neue Qualität selbst für Donald Trump. Der „Friedensplan“ könnte ein Brandbeschleuniger auf dem Weg in einen kommenden Krieg sein. Ob die russische Gewalt zuerst in Moldawien, Aserbaidschan, dem Baltikum oder doch Finnland einschlagen wird, kann man gegenwärtig nur raten. Ziemlich sicher ist jedoch, dass der Ukraine-Plan – eine neue Form des überwunden geglaubten Appeasements im 21. Jahrhundert – keine lange Lebensdauer haben dürfte. Schlechte, also ahistorisch betriebene Außenpolitik erreicht das Gegenteil ihres eigentlichen Ziels.
Ukraine: Warum der „Friedensplan“ die Fehler von 1938 wiederholt - WELT
Der Plan von Trump und Putin für die Ukraine zeigt alarmierende Parallelen zum Münchner Abkommen von 1938. Schon drei Wochen nach der Unterzeichnung tat Hitler etwas, das heute eine Warnung sein sollte.










