PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungRentenstreitDas ist unser Agenda-MomentVon Manuel HagelVeröffentlicht am 19.11.2025Lesedauer: 5 Minuten„Viele von uns sind Eltern oder Großeltern“: Manuel Hagel, CDU-Fraktionschef in Baden-WürttembergQuelle: Marijan Murat/dpaSelbst die beste Rentenformel hilft wenig, wenn unsere wirtschaftliche Basis bröckelt – sagt Gastautor Manuel Hagel und fordert die Bundesregierung zum Handeln auf. Das Vorbild? Gerhard Schröder.Die Rentenfrage berührt das Herz unseres sozialen Zusammenhalts. Die Rente ist nicht irgendeine Zahl im Haushalt, sie ist der Kern unseres Gesellschaftsvertrags. Sie ist ein Versprechen an die Älteren, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, aber auch ein Versprechen an die Jüngeren, dass ihre Zukunft nicht von einer erdrückenden Last überschattet wird. Doch dieses Versprechen ist in Gefahr. Die demografische Entwicklung, die wirtschaftlichen Herausforderungen, die sich wandelnden Lebensrealitäten – ja, letztlich viele ungelöste Probleme, die aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden, kulminieren in dieser Debatte. Daraus müssen wir den politischen Auftrag formulieren, anzupacken. Das ist unser Agenda-Moment. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Während die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den Ruhestand gehen, schrumpft die Zahl der Erwerbstätigen, die das Rentensystem finanzieren. Eine Rentenreform anzugehen, ist deshalb eine Frage der Generationengerechtigkeit – und eine Frage der Solidarität der Generationen untereinander. Viele von uns sind Eltern oder Großeltern. Viele sagen mir, dass genau diese Frage sie umtreibt. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder und Enkelkinder eines Tages vor den Trümmern eines überlasteten Rentensystems stehen. Wir alle haben deshalb den Anspruch, unser Rentensystem nachhaltig, solidarisch und auf festem Fundament aufzustellen.Die repräsentative Demokratie der Bundesrepublik lebt von stabilen Mehrheiten durch Kompromisse – das hat sich bewährt. Deshalb müssen Demokraten miteinander sprechen. Die Diskussion mit einem vermeintlichen „Basta“ zu vermeiden, wie es die SPD derzeit versucht, ist darum kontraproduktiv und der politischen Mitte unangemessen. Die Grundlage auch der aktuellen Debatte muss ein gemeinsames und ehrliches Verständnis der Ausgangslage sein: Niemand fordert Rentenkürzungen. Und jeder, der in dieser Debatte insinuiert, es stünden Rentenkürzungen im Raum, handelt schlicht unredlich. Denn die Rentengarantie ist gesetzlich im SGB VI in der sogenannten „Schutzklausel“ festgeschrieben. Eine Absenkung des nominalen Rentenwertes ist damit ausgeschlossen.Lesen Sie auchIm Koalitionsvertrag wurde in der Sache bereits ein Kompromiss vereinbart, nämlich das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent festzuschreiben. Der dem Bundestag jetzt vorliegende Gesetzesentwurf geht jedoch auf Drängen der Sozialdemokraten darüber hinaus und führt zu Folgekosten von rund 120 Milliarden Euro. Dass die Junge Gruppe der Union diese Folgekosten bemängelt, ist ihre Aufgabe. Mindestens so wichtig wie die Kosten ist aber die politische Wirkung des Vorhabens: Denn jede Vorfestlegung, die in der Rente heute getroffen wird, verbaut Reformoptionen und Kompromisse über eine notwendige große Rentenreform, die so dringend benötigt wird.Union und SPD haben im Koalitionsvertrag die Reformbedürftigkeit unserer Systeme erkannt und deshalb vereinbart, eine Rentenkommission einzusetzen. Diese Kommission braucht jetzt aber Führung und einen klaren politischen Auftrag, den die Spitzen der Koalition zur Chefsache machen müssen – zu einer großen Nationalen Generationenkommission. Denn an ihrem Ende müssen nicht nur Empfehlungen, es müssen politische Mehrheiten stehen. Und das bis spätestens zum Frühsommer 2026, denn die Zeit drängt. Die Aufgabe könnte kaum größer sein. Denn im Kern geht es um einen neuen Generationenvertrag. Es geht um den gegenseitigen Respekt der Generationen. Die Älteren haben Anspruch auf Verlässlichkeit, die Jüngeren auf Planbarkeit und künftige Gestaltungsspielräume. Dass das gelingen kann, setzt Ehrlichkeit gegenüber den Menschen voraus. Und es setzt voraus, dass wir das Leistungsprinzip auch weiterhin fördern. Denn Leistung muss sich lohnen – auch in der Rente. Nach einem Leben in Vollzeitarbeit muss der Abstand zur Grundsicherung groß genug sein. Ohne starke Wirtschaft keine starken RentenDoch machen wir uns nichts vor: Selbst die beste Rentenformel hilft wenig, wenn unsere wirtschaftliche Basis bröckelt. Ohne eine starke Wirtschaft gibt es keine starken Renten. Nur wenn gegründet, investiert und innoviert wird, wenn gute Jobs entstehen und Löhne steigen, wächst die Lohnsumme, aus der die Rente finanziert wird. Darum gehört zu jeder ehrlichen Rentenreform eine wirkliche Wachstumsagenda und Staatsmodernisierung: weniger Fesseln für Mittelstand und Industrie, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, bessere Bedingungen für Investitionen in Energie, Digitalisierung und Forschung. In Baden-Württemberg arbeite ich gerade mit einer Agenda der Zuversicht daran, dass wir genau mit diesem Geist wieder vorangehen. Notwendige Reformen angehen, Ballast abwerfen, Freiräume schaffen und unsere starken Kräfte wieder entfesseln. Die hohe Exportquote, die Innovationskraft in Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Biotech, Medizintechnik, Robotik sowie der Automobil- und Maschinenbau machen unser Land zu einem starken Teil der deutschen Wirtschaft. Wir haben in diesem Jahrhundert schon einmal bewiesen, dass wir als Bundesrepublik in der Lage sind, große Herausforderungen zu meistern, wenn wir mutig handeln. Die Agenda 2010 von Gerhard Schröder und der SPD war eine Reform, die Deutschland in einer wirtschaftlichen Krise wieder auf Kurs gebracht hat. Sie hat damals von der politischen Mitte Entschlossenheit abverlangt. Sie wurde in der Folge aber mangels politischer Geschlossenheit wieder teilweise rückabgewickelt. Jetzt braucht die politische Mitte wieder Entschlossenheit – und die Geschlossenheit, es über die Generationen auch durchzuhalten, um langfristig Stabilität, Wohlstand und Gerechtigkeit zu sichern. Reformen sind nie Selbstzweck, sondern der Ernstfall unserer Verantwortung für die Zukunft. Legen wir deshalb jetzt als demokratische Mitte all unsere Kraft und unseren Reformwillen in die Nationale Generationenkommission und arbeiten gemeinsam für unseren neuen Generationenvertrag.Manuel Hagel ist CDU-Fraktionschef von Baden-Württemberg und kandidiert bei der Landtagswahl im März 2026 für das Amt des Ministerpräsidenten.