PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungLiberalismus2026, das Schicksalsjahr der FDPVon Jürgen W. Falter, Eckhard JesseVeröffentlicht am 25.11.2025Lesedauer: 5 MinutenBisher blass: FDP-Chef Christian DürrQuelle: Uwe Anspach/dpaDas Totenglöcklein wurde für die FDP schon oft geläutet. Doch niemals stand ihre Existenz als politische Kraft so auf dem Spiel wie heute. Das kommende Jahr wird alles entscheiden.Die Idee des Liberalismus befindet sich in einer der größten und bedrohlichsten Krisen ihrer Geschichte. Allerorten wird nach „Vater Staat“ gerufen. Zeitgemäßer Liberalismus bedeutet, im Zweifel sich für die Freiheit zu entscheiden und zugleich zu erkennen: Freiheitsoptionen können bloß diejenigen wahrnehmen, deren wirtschaftliches, soziales und kulturelles Existenzminimum gesichert ist. Das aber heißt, sich von der Vorstellung der gleichsam automatisch wirkenden Selbstheilungskräfte des Marktes zu verabschieden und zu akzeptieren, dass nicht nur der Wirtschafts- und Finanzsektor eines klaren Ordnungsrahmens bedarf, damit das größtmögliche Wohlergehen aller gewährleistet ist. Dies impliziert eine Abkehr vom libertären Gedanken einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, von der Bildung über die Kultur und den Städtebau bis hin zum sozialen Zusammenleben. Selbstbestimmung und Wahlfreiheit als Leitmotive einer liberalen Grundhaltung setzen nicht den möglichst schwachen, sondern einen adäquat vorsorgenden Staat voraus, einen Staat, der möglichst vielen erlaubt, ihre Wahlfreiheit wahrzunehmen.Vorrang verdient die Einlösung des zentralen liberalen Programmsatzes von der Startchancengleichheit. Unvereinbar mit dem Streben nach Selbstbestimmung und Wahlfreiheit ist die von vielen Sozialdemokraten gehegte Maxime der Erfolgsgleichheit. Denn diese rechnet nicht mit der anthropologischen Grunderkenntnis von der naturgegebenen Ungleichheit der Menschen. Manche sind intelligenter, manche weniger intelligent; manche motivierter und zielstrebiger, andere sind es weniger; manche sind fleißiger, andere bequemer. Zwar spielt das Milieu, in dem man aufwächst, eine große Rolle, aber selbst bei ansonsten gleichen Umweltbedingungen lassen sich Unterschiede zwischen den Menschen durch kompensatorische Erziehung keineswegs vollständig beseitigen. Das Streben nach Erfolgsgleichheit führt zwangsläufig dazu, die Entfaltungsfreiheit der Einzelnen über Gebühr zu limitieren.Ungleichheit der Veranlagung und der Fähigkeiten bedeutet nicht ungleiche Rechte. Gleichheit vor dem Gesetz, eine der liberalen Grundforderungen, besagt umgekehrt nicht Gleichheit der Natur des Menschen. Gleichberechtigung läuft keineswegs auf Gleichstellung hinaus. Das eine ist von einem konsequent liberalen Standpunkt aus gesehen des anderen Feind. Diese liberale Sichtweise entspricht der an Platon und Aristoteles angelehnten Maxime „Jedem nach seinem Verdienst und seiner Leistung“. Insofern weist das Gesellschaftsideal des Liberalismus Züge einer sozial abgefederten Meritokratie auf, einer Gesellschaft, in der jeder nach seiner individuellen Leistung entlohnt wird, ohne Rücksicht auf Herkunft.Lesen Sie auchDie verschiedenen politischen Grundströmungen basieren auf unterschiedlichen Menschenbildern. Liegt den linken Strömungen ein optimistisches Menschenbild zugrunde, geht der Konservativismus im Gegensatz dazu von einem eher pessimistischen Menschenbild aus. Für das liberale Verständnis hingegen ist der Mensch an sich weder gut noch schlecht. Seine primäre Handlungsmotivation wird durch Eigeninteresse und das Streben geleitet, seinen Nutzen zu maximieren und Schaden von sich und seiner Familie abzuwenden. Damit das nicht in Anarchie und Sozialdarwinismus endet, muss der liberale Staat für das Leben miteinander einen klaren Ordnungsrahmen festlegen und auch durchsetzen, jedoch ohne über das Notwendige hinausgehende Vorschriften. Dagegen wird zwar in der politischen Praxis vielfach verstoßen, dennoch fehlt den liberalen Staats- und Gesellschaftsideen das bevormundende Element, d. h. die Anmaßung zu wissen, was für die anderen gut und schlecht sei.Mehr noch als die Idee des Liberalismus steckt der organisierte Liberalismus in Form der FDP in der Krise. Hierzulande ist sie staatlichen und gesellschaftlichen Übergriffigkeiten viel zu wenig entgegengetreten. Es wäre die wichtigste Aufgabe der FDP, illiberale Tendenzen etwa bei der bedrohlich zunehmenden Begrenzung der Meinungsäußerungsfreiheit zu bekämpfen. Ein weiteres zentrales, in jüngerer Zeit vernachlässigtes Betätigungsfeld für den organisierten Liberalismus besteht in der Rehabilitierung des – zugegebenermaßen schillernden – Begriffs der Leistung. Dieser basiert gerade nicht auf Geburt, Geld, Geschlecht, Gesinnung, Glaube, Glück und Gruppendenken, sondern auf naturgegebenen und erworbenen Fähigkeiten. Die FDP muss das oft negativ konnotierte Leistungsprinzip (im Sinne etwa von Leistungsdruck) nicht nur propagieren, sondern auch praktizieren. Das liberale Milieu verlangt das geradezu. Schließlich sollte die Partei entschiedener gegen moralische Überlegenheitsgefühle der paternalistischen Konkurrenz auftreten. Offenbar grassiert die Angst, sie selbst gerate in die Schusslinie einer sich auf eine höhere Moral berufenden Kritik, wenn etwa das eine oder andere problematische, vom Staat finanziell geförderte NGO-Projekt aufs Korn genommen wird.Konkurrenz von Petry und KemmerichNach dem Scheitern der FDP bei der Bundestagswahl steht diese wieder einmal vor dem Abgrund. Die Partei profitiert aufgrund ihrer schwachen öffentlichen Präsenz nicht vom misslichen Erscheinungsbild der Regierungsparteien, im Gegenteil – wie Meinungsumfragen einhellig belegen. Das beruht auch auf personellen Ursachen. Christian Lindner hat die Flinte ins Korn geworfen, der frühere Generalsekretär und Bundesverkehrsminister Volker Wissing die Partei gar verlassen, der stellvertretende Bundesvorsitzende Johannes Vogel wechselt zur Lufthansa. Dem bisher eher blassen FDP-Chef Christian Dürr, der nun für die „Partei der radikalen Mitte“ stehen will, fehlt es an Einfallsreichtum und an angemessener Selbstkritik. Zugkräftige Personen sind nicht in Sicht. Hinzu kommt: Mit dem „Team Freiheit“ um Frauke Petry und Thomas Kemmerich wurde eine Art liberale Anti-Parteien-Partei ins Leben gerufen, die – selber wohl eine Totgeburt – der FDP bei Wahlen schaden dürfte.2026 wird ein Schlüsseljahr für die FDP. Die Wahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt muss sie wohl abschreiben. Ihre Hoffnungen ruhen auf Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Doch was geschieht, falls die Partei selbst in der traditionellen Hochburg des Liberalismus nicht mehr ins Stuttgarter Parlament gelangen und in Mainz nicht mehr der Regierung angehören sollte?Gewiss, das Totenglöcklein wurde für die FDP oft schon geläutet, doch niemals stand ihre Existenz als politische Kraft so auf dem Spiel wie gegenwärtig. Sollte die Partei bei der nächsten Bundestagswahl erneut an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, fielen die stattlichen staatlichen Gelder für ihren Thinktank, die Friedrich-Naumann-Stiftung, weg. Christian Lindner, der 2017 maßgeblich für die Rückkehr ins Parlament sorgte, könnte dank seiner Rhetorik und Überzeugungskraft noch am ehesten einen Aufschwung der FDP herbeiführen. Das wäre heute allerdings weitaus schwieriger als damals, weil seine Person den Schlamassel diesmal selbst wesentlich mit verursacht hat. Und ob Lindner nach einiger Zeit ein politisches Comeback zu wagen gedenkt, ist ungewiss.Die Autoren lehrten zuletzt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und an der TU Chemnitz. Jürgen W. Falter war Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Eckhard Jesse Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft.