PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungOrganisierte KriminalitätEs gibt kaum syrische Clan-Kriminelle? Dann wehret den Anfängen!Veröffentlicht am 18.11.2025Lesedauer: 5 MinutenSollte nun für die Abschiebung syrischer Straftäter kämpfen, die kriminelle Clan-Strukturen bilden könnten: Herbert Reul, NRW-Innenminister, bei einer Razzia gegen Clan-KriminelleQuelle: Christoph Reichwein/dpa/picture allianceSyrische Clan-Kriminelle existieren nahezu nicht – das besagt eine Studie, die NRW-Innenminister Reul nun vorstellte. Wie schön. Damit widerspricht Reul allerdings dem Anschein, den seine eigenen Fachleute bislang erweckt haben.Sobald wie möglich schieben wir sie ab: die Gefährder, schweren Straftäter und Clan-Kriminellen aus Syrien. Das verheißen Innenpolitiker der Union seit zwei Jahren. Spätestens nach den Massenschlägereien zwischen Syrern und Libanesen im Ruhrgebiet 2023 war für sie klar: Auch Clan-Kriminelle aus Syrien sollten möglichst bald im Abschiebeflieger sitzen. Auch in einem Positionspapier drängten die Unions-Innenexperten darauf, bei Clan-Kriminellen ohne deutschen Pass alle „Maßnahmen mit dem Ziel der Ausweisung und Abschiebung anzuwenden“ – sobald die Situation in den Herkunftsländern dies eben zulasse.Die Situation in Syrien lässt inzwischen einiges zu. Der generelle Abschiebestopp wurde nach dem Sturz des Assad-Regimes aufgehoben. Mehrere deutsche Gerichte haben entschieden, Rückführungen in Teile Syriens seien zulässig. Und der Bund arbeitet an einem Rückführungsabkommen mit der syrischen Regierung. Wie, wann und in welchem Umfang Abschiebungen stattfinden sollen, wird in der Union zwar seit Wochen debattiert, aber unstrittig ist: Kriminelle, gerade die aus den Clans, sollen mit als erste an Bord gehen.Erst Erwartungen wecken, dann einkassieren, sobald es ernst wird?Nun aber goss NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) den Freunden forcierten Abschiebens Wasser in den Wein. Auf syrische Clan-Kriminelle werden sie bei ihrer Rückführungsoffensive weitgehend verzichten müssen – so lautete seine Botschaft. Denn die existierten nur in winzigen Mengen. Das habe eine umfassende Studie seines LKAs in Zusammenarbeit mit anderen Polizeieinheiten und ausgewiesenen Experten herausgefunden (genannt „Projekt Euphrat“). Mit dieser Intervention riskiert ausgerechnet Reul, der anerkannte Clan-Kämpfer, einen verhängnisvollen Eindruck: dass die Union in Sachen Abschiebung erst große Erwartungen wecke, um sie wieder einzukassieren, sobald sich eine Umsetzungs-Chance auftut.Diese Wahrnehmung mag ungerecht sein. Wenn Reuls Experten jetzt zu dem Ergebnis kommen, es gebe kaum syrische Clan-Kriminelle, ist das nicht nur sehr erfreulich, sondern muss natürlich auch publik gemacht werden. Aber solch eine Neuakzentuierung, um nicht zu sagen: Solch eine Wende muss auch offen als solche benannt und transparent erklärt werden, wenn sie kein Misstrauen erregen soll. Das aber geschah kaum. Und deshalb droht Reuls partielle Entwarnung das Gefühl auszulösen, sie kollidiere mit dem bislang verkündeten Kenntnisstand – ohne dass dies zugegeben werde.Vor zwei Jahren waren noch über 17 Prozent der Clan-Verdächtigen Syrer Zur Erinnerung: Schon 2018 warnte der Bericht „Kriminalität und Einsatzbrennpunkte geprägt durch ethnisch abgeschottete Subkulturen“ (KEEAS) aus Reuls LKA vor syrischen Clan-Strukturen und vor Kämpfen zwischen diesen und den libanesisch-kurdischen Clans. Einer der führenden Feldforscher auf dem Gebiet, Mahmoud Jaraba von der Universität Erlangen, der auch Reul schon beriet, sagte 2024 im Landtag NRW: „Während meiner Feldforschung habe ich in den letzten Jahren einen zunehmenden Trend krimineller Aktivitäten in sogenannten ‚neuen Clans‘, insbesondere in syrischen Gemeinschaften, beobachtet“. Es bestehe „kein Zweifel, dass der Aufstieg verschiedener krimineller Gruppen in der syrischen Gemeinschaft derzeit eine erhebliche Herausforderung für die innere Sicherheit in Deutschland darstellt, insbesondere in NRW“. Lesen Sie auchUnd er beobachtete, „sowohl bei libanesischen als auch bei syrischen ‚Clans‘ existieren stark hierarchische und gut organisierte Netzwerke“. Dazu passend ermittelte das BKA 2023, dass sieben von 44 Gruppen der organisierten Clan-Kriminalität „syrisch dominiert“ seien. Der Anteil habe sich seit 2018 mehr als verdoppelt. Das LKA zählte 2023 unter 4213 Tatverdächtigen im Clan-Bereich allein in NRW sogar 770 Syrer – über 17 Prozent.Alles nicht so wild wie behauptet?Nun aber kommt Reuls Studie zu dem Ergebnis, Clankriminalität sei „in Bezug auf syrische Tatverdächtige derzeit nur punktuell belegt“, „Merkmale von Clankriminalität in Bezug auf syrische Tatverdächtige konnten bislang nur in Einzelfällen festgestellt werden“, was sowohl für den Organisationsgrad als auch für die Hierarchisierung gelte. Syrer seien in diesem Kriminalitätsbereich „nur Nebendarsteller“, ihr Tatverdächtigen-Anteil liege „bei etwa zwei Prozent“.Plötzlich heißt es also: Alles nicht so wild wie seit Jahren suggeriert. Wenn dem so ist, dann haben Reuls Sicherheitsbehörden, um das Mindeste zu sagen, arg unglücklich kommuniziert. Das gilt auch für die Umstände, unter denen die Studie präsentiert wurde: Der Öffentlichkeit händigte Reul nicht etwa den vollständigen Abschlussbericht aus. Den behält er unter Verschluss. Was Medien und Opposition zu sehen bekamen, war stattdessen eine auf sieben Seiten zusammengekürzte „Managementfassung“. Aber es wird noch ärger: Auch auf Nachfrage mochten Reul & Co. nicht verraten, welche externen Fachleute an der Studie mitgewirkt haben. Auf wessen nicht überprüfbares Urteil soll die Öffentlichkeit sich da eigentlich verlassen?Abschieben für ein wehrhaftes Zuwanderungsland!So erregt man Misstrauen. Und das ist nicht nur grundsätzlich schlecht, sondern auch in der aktuellen Lage fahrlässig – angesichts einer Konkurrenz von rechts, die sich so erfolgreich als abschiebepolitische Alternative empfiehlt. Wenn Reul das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Union schützen will, sollten er und seine Behörden nun vor allem ein Ziel verfolgen: dass von den 770 syrischen Clan-Kriminellen, die das LKA noch 2023 in NRW zählte, möglichst viele rasch auf der Warteliste für Abschiebeflieger landen. Denn auch wenn sie nun nicht mehr alle als Clan-Kriminelle gelten, bleiben sie doch nach Syrien abschiebbare Kriminelle. Zudem warnt Reuls Studie ja, dass in diesem Straftäter-Milieu „ein Potenzial“ für die zukünftige Entwicklung clankrimineller Strukturen liege. Auch beobachtet Reul steigende Gewaltbereitschaft unter Syrischstämmigen. 2015 wurden demnach knapp 3400 Tatverdächtige unter 84.000 Syrern in NRW gezählt. 2024 waren es etwa 17.000 von knapp 288.000 Syrern (das heißt übrigens auch: Die überwältigende Mehrheit von 94 Prozent der hiesigen Syrer ist nicht kriminell). Es gibt also durchaus noch Grund und Gelegenheit, Tatkraft zu beweisen. Was der Minister schleunigst starten sollte, ist eine Wehret-den-Anfängen-Kampagne für ein wehrhaftes Zuwanderungsland – durch Abschiebung. Bis dahin sollten wir uns darüber freuen, dass die syrische Minderheit offenbar – zumindest noch – nicht so organisiert-kriminell ist, wie uns bisher bedeutet wurde.