PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftFünf Gründe, ihn zu mögenNovember – Oder wie Rainald Götz sagen würde: „Don’t cry – work!“Von Frank LorentzVeröffentlicht am 11.11.2025Lesedauer: 5 MinutenNebel sorgt auch für schöne FotosQuelle: Getty Images/Baac3nesKönnte man, wie bei einer Castingshow, einen Monat aus dem Jahr rauswählen – es träfe den November. Schließlich sorgt er für schlechte Laune und macht müde, oder? Fünf Gründe – von Pastinaken bis Produktivität – ihn allen Vorteilen zum Trotz zu mögen.Hurra, der November ist da! Schon klar, der Monat ist unbeliebt. Im März erwacht die Natur. Der Mai gilt als Wonnemonat. Der August: ein Fest aus Wärme und Licht. Der Oktober verspricht, golden zu sein, und der Dezember trumpft mit den Jahresendlieblingen – oder -gegnern, je nachdem – Weihnachten und Silvester auf.Der November dagegen: puh. Draußen ist es plötzlich so dunkel und kühl. Oft auch noch nass. Wie heißt es in dem Song „Weisstunoch“ des Liedermachers Gerhard Gundermann (1955–1998), einer Heiligsprechung der warmen Jahreszeit? „Wir hatten uns schnell an die kurzen Ärmel gewöhnt ...“ – tja. Und zack!, ist der Sommer passé. Im November sind lange Ärmel angezeigt. Mehrere lange Ärmel übereinander. Lesen Sie auchUnd dann mutet uns dieser Schreckensmonat auch noch Tage zu, die einem die eigene Sterblichkeit in Erinnerung trompeten: Allerheiligen (1. November). Allerseelen (2. November). Volkstrauertag (16. November), Buß- und Bettag (19. November), Totensonntag (23. November). Könnte man, wie bei einer Castingshow, einen Monat rauswählen, es träfe den November. Man sieht ihn direkt vor sich, wie er gesenkten Hauptes aus dem Studio schleicht, weil ihn kaum jemand mag.Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn man den Novemberblues hat. Nach einer Umfrage von Statista in Zusammenarbeit mit YouGov werden 59 Prozent der Deutschen zumindest manchmal davon gepackt. Dabei ist der November viel besser als sein Ruf. Hier kommen fünf Gründe, ihn gern zu haben.Grund Nummer eins ist wirtschaftlicher Art. An der Wirtschaft hängt, zur Wirtschaft drängt bekanntlich alles. Forscher der Harvard-Universität fanden heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wetter und dem individuellen Leistungsvermögen gibt. „Why Bad Weather Means Good Productivity“, heißt die Studie. Warum schlechtes Wetter die Produktivität befördert. Die Essenz der Arbeit: Scheint draußen die Sonne und ist es warm, neigt der Mensch dazu, sich Träumereien hinzugeben und jede Chance auf Ablenkung wahrzunehmen. „Bei schlechtem Wetter fokussieren sich die Individuen stärker auf ihre Arbeit als auf diejenigen Aktivitäten, denen sie sich widmen würden, wenn sie nicht zu arbeiten hätten“, heißt es in der Studie. Da die deutsche Wirtschaft schwächelt, wäre es Irrsinn, den November per Publikums-Voting rauszuwählen. Im Sinne der ökonomischen Vernunft müsste es vielmehr heißen: Einer von diesen grauen Monaten ist zu wenig. Wir brauchen mehr davon. Mit den Worten des Schriftstellers Rainald Götz aus seinem Roman „Irre“: „Don’t cry – work!“Die Natur lässt losGrund Nummer zwei: die Natur. Das Herbstlaub. Seine Farben! Und dann dieses Rascheln, wenn man durch einen Park schlendert, wo die Laubbläser noch nicht gewütet haben und dessen Wege mit einem Teppich aus Blättern bedeckt sind. Man braucht nicht gleich wie ein Hund jedes einzelne Blatt zu beschnuppern. Aber ein wenig Staunen darüber, mit welcher Nonchalance die Natur loslässt, alles Welke abwirft und Platz für neues Wachstum schafft, kann nicht schaden. Wäre ständig August, wir würden uns nach dem November sehnen, diesem Teufelskerl unter den Monaten. Im November bekommt man nichts geschenkt. Es gilt, sich sein Wohlbefinden zu erarbeiten, mehr als in anderen Monaten. Draußen zu sein und so viel Restlicht wie möglich zu tanken, ist auch deswegen eine gute Idee, weil es dem Novemberblues vorbeugt. Der stellt sich ein, weil der Körper, sobald es dunkel wird, das Schlafhormon Melatonin ausschüttet. Melatonin sorgt dafür, dass wir müde werden. Weniger Licht heißt: mehr Müdigkeit. Lesen Sie auchIm Umkehrschluss bedeutet mehr Licht: mehr Energie. November-Schlappheit ist demnach kein Defekt, sondern ein stinknormaler biochemischer Vorgang. Wer zu sehr darunter leidet: Die Ärzteschaft empfiehlt als Gegenmittel – abgesehen vom Draußensein – viel Bewegung, gute Ernährung und erfreuliche soziale Kontakte. Genau das also, was uns auch in den restlichen elf Monaten stark macht. Nur dass man sich im potenziell lähmenden November entschiedener als sonst dazu aufraffen muss.Endlich stundenlang lesenZum dritten Grund: Lesen. Das hilft besonders im November gegen aufziehende dunkle Gedanken. Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (1821–1880) ist einer der größten seines Fachs, sein Roman „Madame Bovary“ markiert den Beginn der Moderne in der Literatur. Seine Erzählung „November“ jedoch, ein Frühwerk, ist schlimm missraten. Ein Ich-Erzähler jammert, inspiriert von einem Herbstspaziergang, so schwülstig über die allgemeine Vergänglichkeit und seine Sehnsucht nach Liebe, dass es selbst Flaubert irgendwann zu bunt wurde und er einen zweiten Erzähler einschreiten ließ, der den ersten wegen seines Geheules abkanzelte. Lesen Sie auchWomit gesagt sein soll: Der November kann so toxisch sein, dass er sogar einen Riesen wie Flaubert ganz klein aussehen lässt. Wer dieser Tage zu einem Buch greift, sollte darum aufpassen, nicht aus Versehen Novemberblues-triggernden Stoff zu lesen und am Ende noch „November Rain“ von Guns N’Roses dabei zu hören. Das könnte ungut enden.Der vierte Grund: Essen. Genießen. Anfrage beim Kölner Spitzenkoch Daniel Gottschlich, ausgezeichnet mit zwei Michelin-Sternen: Welche Lebensmittel, die im November Saison haben, sind für Sie unverzichtbar? Gottschlichs Antwort: „Wintergemüse in all seinen Facetten – Pastinaken, Topinambur, Spitzkohl. Das gehört für mich im Herbst einfach dazu.“ Auch Wild und Wildgeflügel spielten eine große Rolle. „Das ist zwar saisonal nicht zwingend notwendig, aber Teil unseres kulturellen Erbes. Maronen finde ich auch super – sie passen perfekt in diese Jahreszeit.“ Lesen Sie auchSein Tipp für ein Gericht, das aufkommende Novemberträgheit im Keim erstickt: „Ente mit Safranrisotto und Spitzkohl – das habe ich gestern noch gekocht. Die Wärme des Safrans, das Buttrige des Risottos, dazu eine kross gebratene Entenbrust – das bringt Sonne auf den Teller, selbst wenn draußen alles grau ist.“Der fünfte Grund leitet zum kommenden Dienstag über, dem 11.11., Startschuss für die neue Karnevalssaison. Was wäre die jecke Jahreszeit ohne den buntesten Tag im grauen November? Den einzigen fröhlichen Feiertag, den er zu bieten hat, weil Feiertag in diesem Fall Partytag heißt? Im deutschen Karnevalszentrum mit Namen Rheinland gibt es gerade kaum wichtigere Fragen als: Wird es regnen? Scheint vielleicht sogar die Sonne? Gefeiert wird aber so oder so, selbst wenn es wie aus Kübeln schüttet. Ein Hoch auf den November!
November: Fünf Gründe, warum er zu Unrecht unbeliebt ist - WELT
Könnte man, wie bei einer Castingshow, einen Monat aus dem Jahr rauswählen – es träfe den November. Schließlich sorgt er für schlechte Laune und macht müde, oder? Fünf Gründe – von Pastinaken bis Produktivität – ihn allen Vorteilen zum Trotz zu mögen.







