PfadnavigationHomeRegionalesHamburgClara LöselLyrik heißt heute PoetryVeröffentlicht am 09.11.2025Lesedauer: 5 MinutenClara Lösel in ihrer Heimatstadt Hamburg. Die 26-Jährige wurde mit Poetry Slam im Internet bekanntQuelle: Bertold FabriciusMit pointierten Gedichten über Rechtspopulismus, Liebe und Selbstzweifel wurde Clara Lösel zum Social-Media-Star. Millionen sahen ihren „Faschistendöner“, Hunderttausende folgen ihr für ehrliche, politische Lyrik. Jetzt geht sie mit „Wehe, du gibst auf“ auf Tour.Die meisten Menschen, die Clara Lösel zum ersten Mal begegnen, sehen ihr Porträt in kurzen Videoclips auf TikTok oder Instagram. Dort sitzt die 26-jährige Lyrikerin selbstbewusst im Irgendwo und trägt eigene Gedichte vor. Authentisch, praktisch, gut. Ein ganz besonderer Text wurde millionenfach geklickt. Es beginnt mit den Zeilen „zwei nazis treffen sich heimlich im dunkeln, damit keine menschen sie sehen/ sie wollen nämlich einen döner essen gehen“. Was im Gedicht „faschistendöner“ folgt, ist eine verschwörerische Planung. Denn „nun ist döner ja nicht deutsch, daher wäre es ein skandal, sähe man zwei nazis in einem döner-lokal“. Der Versuch der beiden Möchtegerndöneresser scheitert letztlich erbärmlich.Fragen des aktuellen Zeitgeschehens wie der Rechtspopulismus oder der in diesem Text anklingende NSU-Terror sind nur eins der Themenfelder, denen sich Poetry Artist und Influencerin Lösel in ihren Gedichten widmet. Sie sagt: „Ich finde, man kann politisch und privat nicht so gut trennen. Dabei geht es ja immer auch ums eigene Menschenbild, das Frauenbild.“ Mit ihren ersten hundert Poetry-Videos – jeden Tag eines, so lautete die selbst gestellte Aufgabe – wurde sie in kürzester Zeit zum Social-Media-Star. Lesen Sie auchHunderttausende Follower später veröffentlichte Lösel ihre ersten 101 Gedichte als Buch mit dem Titel „wehe, du gibst auf“ (NOW/Next Level Verlag), das zum Bestseller wurde. Und da die Künstlerin Auftritte vor Publikum kennt und mag, geht sie jetzt auf ihre erste Live-Tour durch zunächst acht deutsche Städte, um vor jeweils bis zu tausend Fans aufzutreten. In Hamburg macht die Lyrikerin mit ihrem Programm „Wehe, du gibst auf – Ein Abend mit Clartext“ am 21. November in der Laeiszhalle Station. Darauf freue ich mich sehr“, strahlt Lösel im Gespräch mit WELT AM SONNTAG, „die Gesichter hinter dem Profil wiederzusehen, die Leute in einem Raum. Ich liebe das über alles.“ In ihrem Bühnenprogramm will die Lyrikerin auch die Geschichten erzählen, die hinter den Gedichten stecken. Im Internet weiß ich nie, wen ein Text erreicht„Da bin ich ein bisschen mutiger, weil ich weiß, dass da interessierte Leute kommen, die sich vielleicht austauschen wollen, und weil ich weiß, dass die Zuschauer meine Texte mögen. Im Internet weiß ich nie, wen ein Text erreicht.“ Daher könne sie auf der Bühne deutlich mehr von sich preisgeben als im Netz, erläutert Lösel an einem Beispiel: „Ich habe in diesem Jahr einen sehr wichtigen Menschen verloren und darüber einen Text geschrieben. Da erzähle ich auf der Tour mehr, wie ich damit umgehe, als im Internet.“Gedichte über den Umgang mit persönlichen Problemen, mit seelischen und körperlichen Herausforderungen, sind ein wichtiger Bereich in Lösels Schreiben, mit dem sie an die literarische Tradition der Gebrauchslyrik anschließt, deren bekannteste Bände vor rund hundert Jahren entstanden: „Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke“ und „Bertolt Brechts Hauspostille“. Lesen Sie auchVerglichen mit der Auflage von Lyrikbänden anerkannter Dichter unserer Tage, die im deutschsprachigen Raum häufig nicht mehr als 2000 Exemplare erreicht, verhilft Lösel der Lyrik zu einer breiten Anerkennung. Dabei versucht sie, den Lesern und sich selbst Mut zu machen. „Ich glaube, es gibt so etwas wie eine Hoffnungspflicht für jeden Menschen, und ich will den Glauben an die Menschheit nicht verlieren, trotz aller aktuellen Entwicklungen, aller Krisen und Kriege in der Welt“, sagt Lösel, die das Erste Staatsexamen als Deutschlehrerin bestanden hat, aber wegen des unerwarteten Erfolgs ihrer Poesie bisher nicht dazu kam, ein Referendariat zu absolvieren und die Lehrerausbildung abzuschließen.Nicht jeder Reim muss rein seinDie Zielgruppe, der Lösel mit ihren Gedichten am stärksten begeistert und der sie am besten unter die Arme greift, sind junge Frauen. Die Autorin vertritt ganz selbstverständlich aktuelle feministische Positionen und analysiert gerade in Liebesgedichten Beziehungen und ihre problematischen Schlagseiten. So schreibt Lösel in „liebe ist nie peinlich“: „es war mir peinlich, dass du mich verlassen hast./ ziemlich lange sogar,/ sogar als ich schon über dich hinweg war./ aber heute denke ich anders – ich denke:/ nur weil du mich nicht zurückgeliebt hast,/ macht das doch meine liebe nicht peinlich./ liebe ist nie peinlich.“ Da reimt sich nichts, aber die Leserin, der Leser, können sich ganz allein einen Reim auf diese Verse machen, die weder abheben, noch abgehoben sind. Die meisten ihrer Gedichte schrieb die Autorin in Bibliotheken. Sie mag die Atmosphäre, die Ruhe, die Bücher um sich. Weil Clara Lösel erst an zwei Poetry-Slams teilgenommen hat, würde sie sich selbst nicht als „Poetry-Slammerin“ bezeichnen. Sie glaubt, „begrifflich gibt es halt diese beiden Pole: Lyrik auf der einen und den Poetry Slam auf der anderen Seite. Und weil ich definitiv keine Poetry-Slammerin bin, nenne ich mich lieber Poetry Artist. Zumal der Slam ja immer ein Wettbewerb ist.“ Lesen Sie auchDurch den hippen Anglizismus Poetry erfahre die Lyrik eine neue Wertschätzung, sagt die Dichterin, deutlich werde das in den sozialen Medien. „Da merkt man, Lyrik ist nicht immer langweilig, das Verständnis für Poesie dreht sich gerade ein bisschen. Und da die Aufmerksamkeitsspanne in meiner Generation und den folgenden immer kürzer wird, finde ich, dass Gedichte oder Poems oder wie wir sie auch immer nennen wollen, literarisch super in die Zeit passen.“Dem Lyrik-Boom leistet Clara Lösel nicht nur auf der Bühne Vorschub. Sie gibt auch Workshops an Schulen – für Schüler ab 15 Jahren. Das ist ihr wichtig, sie will „junge Menschen begleiten, inspirieren, motivieren, denn ich hatte Lehrer, die für mich mehr bedeutet haben, als dass sie eine Lehrkraft waren. So eine Person will ich auch sein.“ Für das kommende Jahr plant Lösel eine Workshop-Tour an Schulen, nachdem sie in diesem Jahr ein paar Pilotprojekte in ihrer hessischen Heimatstadt Gießen gemacht hat, darunter ein Projekt mit Mädchen für den Deutschen Fußballbund. „Da waren die Themen mentale Gesundheit, Achtsamkeit, Selbstwert und so weiter“, sagt Lösel und erzählt: „In den Schulen habe ich dann mehr zur Sprache gemacht, Creative-Writing-Übungen und es ging häufig um Medienkompetenz.“ Sie selbst habe Social Media nicht nur positiv erlebt, und suche immer noch nach einer finalen Antwort auf die Frage, wie sie mit Hasskommentaren umgeht.Laeiszhalle: „Wehe, du gibst auf. Ein Abend mit Clartext“ mit Clara Lösel, Freitag, 21. November, 19.30 Uhr