PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenUltrasportMit jedem Schritt näher am LimitVeröffentlicht am 10.11.2025Lesedauer: 5 MinutenKim Gottwald bei einem seiner LäufeQuelle: Via Kim GottwaldDer Münsterländer Kim Gottwald ist 22 Jahre alt und Extremläufer. Der Unternehmer und Influencer erzählt, wie er seine Liebe zum Laufen entdeckt hat und in seinen Alltag integriert.I mmer wieder. An die Startlinie. 67 Mal, jede verdammte Stunde. Und laufen, immer die gleiche 6,706 Kilometer lange Strecke. Bei Tag, bei Nacht, bei Wind und Regen. 67 Stunden. Mit nur kurzen Pausen. Auch wenn der Körper mit jeder Faser signalisiert, dass es eigentlich nicht mehr geht, dass er schlafen, essen will. Beim Last Soul Ultra gewinnt nicht der, der am besten laufen kann. Es gewinnt, wer mental der Stärkste ist. Kim Gottwald hat gemeinsam mit dem ehemaligen Fußballweltmeister André Schürrle Anfang Oktober einen solchen Wettbewerb in Bornheim südlich von Köln organisiert. 100 Läuferinnen und Läufer gingen an den Start. Nach 67 Runden und knapp 450 Kilometern war Gottwald die „letzte Seele“ im Rennen.Ihn selbst hat das nicht überrascht. „Für mich war immer klar, dass ich das Ding bis zum bitteren Ende durchziehe“, sagt der 22-Jährige. Dabei war das Laufen zunächst gar nicht sein „Ding“. Aufgewachsen in Seppenrade bei Münster, hat er – wie die meisten Jungs in seinem Dorf – zunächst Fußball gespielt. Später ist er zum Rudern gegangen, hat Kampfsport ausprobiert. Mit der Corona-Pandemie kam der Wechsel zum Laufsport. „Es war ja alles zu. Man konnte nichts machen. Also habe ich mich entschieden, mit dem Laufen anzufangen. Obwohl ich es bis dahin wirklich gehasst habe“, sagt er. Zehn Kilometer lief er jeden Morgen, bevor das Homeschooling begann. „Das hat sich dann so eingependelt“, so Gottwald.Rund 100 Kilometer von Köln bis Seppenrade Auch als er zum Jurastudium nach Köln zog, lief er weiter. Zwischen beiden Orten liegen etwa hundert Kilometer. Gottwald überlegte sich, eine solche Distanz könnte man doch auch mal laufen. „Als ich dann mal wieder in der Heimat war, habe ich es einfach gemacht“, sagt er. Er lief einfach los, durch und rund um sein Heimatdorf, bis er die hundert Kilometer voll hatte. „Das war eine sehr, sehr krasse Grenzerfahrung. Es hat mich irgendwie gepackt und Lust auf mehr gemacht.“ Das Virus „Ultralauf“ hatte ihn infiziert. Er wollte mehr Wettkämpfe, die den Körper und den Geist bis an die Grenzen des Machbaren fordern. Sein Weg zum Ultralauf und das, was er seither auf seinen beiden Füßen abreißt, fasziniert und inspiriert viele gerade junge Menschen. Rund 320.000 Follower zählt er allein auf Instagram. Gottwald ist sich seiner Verantwortung, die daraus erwächst, durchaus bewusst. „Ich brenne dafür, aber ich empfehle keinem, so etwas allein ohne medizinische Überwachung zu machen“, sagt er.Ohnehin würden wohl nur die wenigsten darauf kommen, sich eine solche Tortur anzutun. „Eine Leistung wie beim ,Last Soul Ultra‘ zu erbringen, wirkt auf viele Menschen fast unmenschlich – und doch steckt dahinter keine Zauberei. Es ist das Ergebnis aus monatelangem, oft jahrelangem Training, mentaler Stärke und dem Gespür für den eigenen Körper“, sagt Marijke Grau von der Deutschen Sporthochschule Köln. Wer solche Distanzen bewältigen wolle, müsse gesund sein – körperlich wie mental.Gottwald selbst betont die Bedeutung von mentaler Stärke und Disziplin. „Man muss einfach zur Startlinie gehen, egal, wie müde man ist. Disziplin ist alles. Und manchmal muss man die Einsamkeit auf der Strecke aushalten, weil alle Reize von außen verschwinden.“Beim Last Soul Ultra bleiben den Athleten meist nur wenige Minuten, ehe sie nach einer Runde wieder an der Startlinie stehen müssen. Da sei strategisches Pausenmanagement wichtig, um die körperliche Leistung über Stunden und Tage aufrecht zuhalten. „Man muss auf Ernährung achten, genug Kohlenhydrate und Proteine zuführen, die kurzen Pausen auch zum Schlafen nutzen“, erklärt Gottwald. Denn vor allem der Schlafentzug ist irgendwann hart. Man komme dabei unweigerlich an den Punkt, „da legt man sich auf eine Luftmatratze und ist innerhalb von Sekunden weg, weil der Körper dann jegliche Form von Schlaf sehr dankend annimmt“, sagt er. Klar ist: Ein solcher Wettkampf fällt nicht unter die Überschrift Gesundheitssport. „Immunsystem, Herz, Muskeln, Organe – alles wird stark beansprucht. Es gibt den ‚Open Window‘ Effekt: Erhöhte Infektionsgefahr nach extremer Anstrengung. Aber erfahrene, gut vorbereitete Ultraläufer passen sich erstaunlich gut an“, erklärt Daniel Alexander Bizjak vom Universitätsklinikum Ulm, mit dem Marijke Grau von der deutschen Sporthochschule in Köln in einigen Projekten zusammengearbeitet hat. Umzug ins Ruhrgebiet Seine Liebe zum Ultra-Sport kombiniert Gottwald inzwischen mit beruflichen Projekten: Er ist Mitgründer des Sportlabels Rappid, das funktionale Kleidung für Läuferinnen und Läufer entwickelt. Der härteste Tester seiner Produkte ist er dabei selbst. „Es gibt keine bessere Testung, als 450 Kilometer in ein paar Tagen zu laufen. So weiß man, welche Produkte wirklich funktionieren.“ Weil das Label seinen Sitz in Bochum hat, ist er ins Ruhrgebiet gezogen – und hat in seinem Studium eine Pause eingelegt. „Das wurde einfach zu viel“, sagt er. Zumal er auch in den sozialen Medien inzwischen professionell unterwegs ist. Man kann ihm beim Training oder bei der Essenszubereitung zusehen. Und auch an seinen Wettkämpfen lässt er seine Follower teilhaben.Nun bereitet er sich schon wieder auf ein Event vor, den „Go One More Ultra“ im US-Bundesstaat Texas. Diesen „Backyard Ultra“ von Fitness-Influencer Nick Bare (1,3 Millionen Follower) konnte Gottwald im April gewinnen, musste sich den Sieg aber mit Kendall Picado Fallas teilen. Der Wettbewerb war wegen eines Unwetters abgebrochen worden. „Das wird das nächste große Ding. Da möchte ich meinen Sieg verteidigen“, sagt Gottwald. Den Weg dorthin können seine Follower begleiten. Gottwald hofft, dass er den einen oder anderen mit seiner Leidenschaft fürs Laufen anstecken kann. Nicht in der Ultrafassung, sondern einfach so. Dabei weiß er, dass aller Anfang schwer ist. „Ich bin davon überzeugt, dass Laufen eine der schwersten Sportarten ist, um wirklich reinzukommen. Das war es für mich auch“, sagt er. Aber irgendwann kommt eben der Punkt, da wird es leichter, da macht es Spaß. Er möchte mehr Menschen an diesem Privileg, wie er es nennt, teilhaben lassen. „Deshalb motiviere ich jeden dazu, auch wenn es anfangs ein sehr, sehr harter Weg ist, sich da irgendwie durchzuarbeiten. Weil das, was man herausbekommt, das ist auf jeden Fall das Investment mehr als wert.“ Klingt ganz überzeugend. Wie hat Kim Gottwald noch gesagt? „Schuhe an und los!“ Jürgen Bröker