Giovanna Vitelli verkündet bei einem Dinner in ihrem Landhaus in Cap d'Antibes im September 2025 die nächste Benetti-Superyacht „B.Neos“Quelle: Azimut-BenettiDie Weltsprache im Design ist auch auf dem Wasser italienisch – und Giovanna Vitelli sorgt dafür, dass das so bleibt. Ein Treffen mit der Chefin und Mehrheitseignerin von Azimut-Benetti, dem mit Abstand größten Hersteller von Superyachten weltweit.Ein Sommerhaus aus Naturstein in Cap d‘Antibes, mediterran rustikaler Finca-Stil, nur durch Hecke und schmale Küstenstraße getrennt von der Côte d’Azur. Um den erleuchteten Pool der „Casa Vitelli“, stehen zwei Dutzend Gäste in Cocktailgarderobe und lauschen, die Sonne ist gerade untergegangen, einer Frau, die auf der Terrasse neben einer Leinwand steht. „Wir sehen bei vielen Megayachten immer noch diese Obsession für Opulenz, die ihren Luxus laut hinausschreit“, beginnt sie. „Aber wir glauben an Luxus, der füstert. An Eleganz, die sich am ‚weniger ist mehr‘ orientiert und trotzdem Wärme ausstrahlt.“ Mit ihrem weißen, weiten Faltenrock und dem schlicht-schwarzen, raffiniert geschnittenen Top ist Giovanna Vitelli, die Gastgeberin, das beste Beispiel für diese Form der Eleganz. Giovanna Vitelli, die Besitzerin des Sommerhauses an der Bucht von Cannes, ist die Präsidentin von Azimut-Beneti, dem größten Player in der kleinen, feinen Welt der Superyachten. Zu 59 Prozent gehört die Gruppe ihrer Familie. Die Volljuristin, 50, verheiratet, zwei gerade volljährige Kinder, ist das einzige Kind der Yachtbau-Legende Paolo Vitelli und der Politikprofessorin Marila Guadagnini. Und sie ist die wichtigste Frau in einer Branche, in der nicht nur die Kunden fast ausschließlich Männer sind. Lesen Sie auchBevor sie sprach, lief auf der Leinwand ein Film, der „B.Neos“ ankündigt, die neueste Megayacht von Benetti. Benetti baut Yachten von 40 bis 110 Metern Länge, Azimut bedient das Segment darunter (25 bis 40 Meter). Die „B.Neos“ ist bisher kaum mehr als ein Entwurf, ein paar Computer-Renderings. Bis 2028 soll sie aber fertig sein – schlanker, leichter, leiser als alle bisherigen Modelle von Benetti. Für den angestrebten „silent luxury“ werden etwa serienmäßig Hybridmotoren sorgen, deren Batterien zumindest beim Ankern sichern, dass keine Generatoren (mehr) angeschmissen werden müssen.Entworfen hat die schlanken Linien der „B.Neos“ der Exterior Designer Malcolm McKeon, eigentlich berühmt für seine futuristisch-minimalistischen Segelyachten. Das Interieur gestaltet Francesca Muzio, die bisher vor allem Luxushotels und -häuser ausstattete. Die Azimut-Benetti-Gruppe ist nicht die erste, die das zuvor hermetisch-konservative Superyachtgeschäf für State-of-the-art-Design öffnete. Der kleinere, aber nicht minder feine Benetti-Konkurrent Sanlorenzo hatte bereits 2013 begonnen, Möbeldesigner wie Rodolfo Dordoni, Antonio Citerio, Patricia Urquiola oder Piero Lissoni für seine Nobelyachten zu engagieren. Der Grundgedanke von Sanlorenzo-Besitzer Massimo Perotti wie von Giovanna Vitelli lautet: Wir müssen unser Produkt mit dem Zeitgeist aus Mode-, Möbel- oder Hoteldesign verbinden. Ein umsetzbarer Gedanke für die von Italienern dominierte Branche. Denn, wie Matt, ein amerikanischer Yacht-Journalist, der extra aus Boston angereist ist, beim Dinner lapidar feststellt: „Es gibt nur eine Designsprache, die weltweit begehrt ist: die Italienische.“ Lesen Sie auch„Meine Zeit ist vorbei, jetzt kommt deine“, habe ihr Vater früh zu ihr gesagt, erzählt Giovanna Vitelli im Gespräch – er hatte ihr bereits vor zehn Jahren die Verantwortung für neue Produkte übertragen. Paolo Vitelli konnte die Freiheit nach seinem Rückzug im März 2023 nicht lange genießen. Er starb in der Silvesternacht 2024 überraschend durch einen Sturz in seinem Haus in Champoluc im norditalienischen Aostatal. Vitelli hatte Azimut in Avigliana bei Turin 1969 gegründet und 1985 die Traditionswerft Benetti übernommen, welche am Bau einer Superyacht für den Milliardär Adnan Kashoggi Bankrott gegangen war. Zusammen machte er die Gruppe zum Primus im Megayachtbusiness – mit zuletzt 167 ausgelieferten Yachten im Jahr, 1,3 Milliarden Euro Umsatz, allein 2.500 festen Mitarbeitern und vollen Auftragsbüchern. Dass Azimut-Benetti die Delle nach dem Corona-Boom und auch aktuelle Krisen gut verkraftet, liegt daran, dass die Gruppe gleichmäßig gut in alle Teile der Welt verkauft. Und auch daran, dass Giovanna Vitelli rechtzeitig vieles änderte.„Zwanzig Jahre lang gab es einen Designer für das Exterieur, Stefano Righini, und einen für das Innere, Carlo Galeazzi. Jetzt haben wir sechs verschiedene Designer bei Azimut und zehn bei Benetti – und ich spreche nur von den regelmäßigen“, erzählt sie. Zusammen mit ihrem Chief Executive Officer Marco Valle implementierte sie nicht nur zeitgemäße Managementstrukturen, modernisierte Werfen von Avigliana bis Viareggio, sondern verankerte im Unternehmen auch den Gedanken, dass man „nicht einfach Yachten verkauf, sondern einen Lifestyle“, wie Marco Valle das im Gespräch nennt. Die Ergebnisse dieses Wandels waren etwa in Cannes beim Yacht-Festival zu besichtigen, mit dem das neue Branchenjahr eingeläutet wird. Das „Cannes Yacht Festival“ findet immer Anfang September statt, im alten Hafen direkt an der Croisette, unweit vom Zentrum des Filmfestivals, auf dessen Stufen sich Tag und Nacht Touristen vor einer Fotowand mit lebensgroßen Filmstars fotografieren. Bootsmessen seien immer noch wichtig, sagt Marco Valle, auch im digitalen Zeitalter. Der Unterschied zu früher sei, dass heute die Verkäufer den potenziellen, perfekt vorbereiteten Besitzern nichts mehr erklären müssten. „Sie kommen, um das Angelesene mit der Wirklichkeit abzugleichen. Sie wollen spüren, wie sich die Yacht anfühlt“. In Cannes können sie ähnliche Boote diverser Anbieter oder mehrere Modelle eines Anbieters vergleichen – auch auf dem Wasser. Bei Azimut etwa die eher klassische „Fly 68“ und die brandneue „Seadeck 7“, die Alberto Mancini (Exterieur) und Mateo Tun/Alberto Rodriguez (Interieur) entwarfen. Bei einer Spritztour zur Kloster-Insel Saint-Honorat kann man so feststellen, dass die „Fly 68“ durch das größere Deck („Flybridge“) zwar mehr Platz bietet als die „Seadeck 7“. Aber wenn es dann ums Spaßhaben im Wasser geht, lernt man den Luxus der innovativen Heckpartie der „Seadeck“ lieben. Durch nach außen geklappte Seitenwände, eine riesige Liegelandschaft und die bis unter Wasser absenkbare Badeplattform fühlt man sich tatsächlich auf „Fun Island“. Purer Luxus, wunderbar dezent.