PfadnavigationHomeRegionalesHamburgResilienzWie Gedanken Schmerzen auslösen – und was sie wieder verschwinden lässtVeröffentlicht am 10.11.2025Lesedauer: 6 MinutenRückenschmerzen können das Gehirn steuern, also Gedanken und Gefühle, sagt Catrin MarnitzQuelle: Yvonne Schmedemann/YVONNE SCHMEDEMANNSchmerzt der Rücken, lastet meist auch Stress auf der Seele. Über dieses Wechselspiel hat die Psychologin Catrin Marnitz ein Buch geschrieben. Die schlechte Nachricht: Wir lernen Schmerz. Die Gute: Wir können ihn wieder verlernen.Die Menschen, mit denen Catrin Marnitz zu tun hat, lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Das sind jene, die sich in der Regel überfordern. Sie versuchen, den Schmerz erst einmal zu ignorieren. Dann gibt es die, die ängstlich sind und sich unterfordern und ihre Gesundheit infrage stellen. Sie fangen an, sich zurückzuziehen, trauen sich Dinge nicht mehr zu, engen ihren Radius ein. Am Ende haben beide zwei Gemeinsamkeiten: Sie kommen nicht mehr mit dem Schmerz klar, er übernimmt die Kontrolle über ihr Leben. Und: „Sie sind oft zu einseitig behandelt worden oder haben ihr Problem einseitig betrachtet“, sagt Catrin Marnitz.Lesen Sie auchIm Büro der Schmerzpsychotherapeutin stehen neben ihrem Schreibtisch zwei einander zugewandte Sessel. Es gibt keine medizinischen Abbildungen, keine Wirbelsäulen-Modelle, gleichwohl hat ihr Büro Teil des Rückenzentrums Am Michel, in dem Spezialisten der Orthopädie, der Physiotherapie und Psychologie eng als Team zusammenarbeiten. Eine Adresse, die all jene ansteuern, die nicht mehr wissen wohin, vor Schmerzen. Stattdessen verleiht der Lichtkegel einer Tischleuchte dem Raum etwas Wohnzimmer-artiges. Die Patienten, die in dem Sessel ihr gegenüber Platz nehmen, haben meist einen regelrechten Behandlungsmarathon hinter sich, der die Beschwerden zum Teil noch verstärkte. Was viele nicht wissen: Häufig liegt dem Schmerz nicht nur ein Verschleiß, eine falsche Haltung oder ein Bandscheibenvorfall zugrunde. Eine wesentliche Rolle spielt die Psyche. Marnitz, die seit 20 Jahren am Rückenzentrum tätig ist und zuvor in der Psychiatrie des Universitätskrankenhauses Eppendorf tätig war, erlebt jeden Tag, was die Forschung längst bewiesen hat: Körperliche und seelische Faktoren wirken immer im Zusammenspiel. „In 80 Prozent der Fälle, so Marnitz, sind Kreuzschmerzen vor allem muskulär und weniger von Verschleiß bedingt.“ Ein Beleg dafür, dass emotionaler Stress zu Verspannungen führt. Vor allem im Nacken und im unteren Rücken, beide bilden eine Art Sollbruchstelle. Lesen Sie auchSchließlich befindet sich im Rücken das Rückenmark, das Teil des zentralen Nervensystems ist. Es ist unmittelbar und direkt mit dem Gehirn verknüpft. „Rückenschmerzen werden vom Gehirn gesteuert und können andersherum das Gehirn steuern – also Gedanken und Gefühle“, erklärt sie. Auf diese Weise lernt das Gehirn, alle Dinge, die mit dem Schmerz irgendwann zu tun haben – Gedanken, Ängste, Katastrophenszenarien oder auch bestimmte Bewegungen – zu verknüpfen. Irgendwann springt dieses Netzwerk von selbst an. „Das heißt, es braucht gar keine Bewegung, keine Verletzung mehr und trotzdem produziert das Gehirn eine Schmerzempfindung“, so Marnitz. Eben jenem Wechselspiel widmet sich die Hamburgerin in ihrem Buch „Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache“, das sie zusammen mit der Autorin Tina Epking geschrieben hat. Wenn das Kopfkino anspringtDabei sei nicht nur der körperliche Schmerz das Problem, sondern ebenso das Gedankenkarussell, das es auszulösen vermag. Der Schmerz sei zunächst ein gutes und wichtiges Signal, das zeige, dass das Warnsystem des Körpers gut funktioniere. Zumindest, wenn er nicht länger als zwölf Wochen dauert. Viele Patienten, so Marnitz, gehen in unserem medizinischen System unter, weil eben nicht genau genug unterschieden werde, ob es sich bei den Beschwerden um ein akutes oder chronisches Leiden handle. Beide Szenarien erforderten grundverschiedene Ansätze. Lesen Sie auchZu Marnitz kommen nicht in erster Linie ausgebrannte Topmanager, Fünffachmütter oder Extremsportler. Immer öfter seien es vergleichsweise junge Menschen ab 30 aufwärts, denen weniger große Katastrophen zu schaffen machten als das alltägliche Hamsterrad. Da ist der Job, der fordernd ist und da ist oft auch schon eine Familie, die zuweilen mehr Energie raubt als schenkt. Schwierig wird es meist, wenn noch ein Aspekt hinzukommt, der Druck erzeugt. Ein hoher Kredit, die Krankheit von Eltern, berufliche Ungewissheit. Eine Frage, die Marnitz ihren Patienten stellt, lautet: „Wäre eigentlich ohne die Rückenschmerzen alles okay?“ Meistens lautet die Antwort „nein“. Bezeichnend für diese Patientengruppe ist zudem, dass sie sich meist bereits nach wenigen Stunden mit der Psychologin erkennen, dass sie sich des Problems, das sie mit sich herumtragen, bewusst seien. „Aber sie wissen einfach nicht, wie sie etwas ändern können.“ „Erst wenn wir genau wissen, was genau uns Angst macht, kommen wir ins Handeln.“Um das herauszufinden, wendet sie unter anderem ein Werkzeug an, das sogenannte Protectometer, ein Modell der Wissenschaftler Lorimer Moseley und David Butler. Andauernder Schmerz ist nämlich nicht ausschließlich abhängig von der körperlichen Schmerzwahrnehmung, sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren. Um sie besser zu identifizieren, müsse man sich fragen: „Was macht mir Angst?“ Moseley und Butler bezeichnen die „Gefahr“, die der Körper empfindet, als „DIM“, es ist die Abkürzung für „Danger in me“. „SIM“ dagegen steht für „Safety in me“, Konstanten im Leben, die einen über Durststrecken hinweg tragen und Sicherheit geben. Im Grunde geht es darum, festzustellen, welches Gefühl in unserem Gehirn überwiegt. „Erst wenn wir genau wissen, was genau uns Angst macht, kommen wir ins Handeln.“ Und sei es im ersten Schritt nur, einen anderen Umgang mit dem Schmerz zu finden, ihn zu entmachten. Denn grundsätzlich gilt: Chronische Schmerzen entstehen verstärkt dann, wenn das subjektive Gefühl der Bedrohung größer ist als das subjektive Gefühl in Sicherheit zu sein.Lesen Sie auchBei vielen Patienten, berichtet Marnitz, sei es nicht, wie oft angenommen, der Job, der ursächlich sei für die Schmerzen. Der Mehrzahl ihrer Patienten falle es leicht, im Job Entscheidungen zu treffen, Niederschläge wegzustecken und sich abzugrenzen. Sobald sie nach Hause kämen, ändere sich dies. Plötzlich machten diese Menschen die Probleme anderer zu ihren, stimmten Entscheidungen zu, hinter denen sie insgeheim nicht stehen oder sabotierten sich selbst, indem sie sich über ihre Verfehlungen den Kopf zerbrechen. Es gebe da einen Satz, sagt Marnitz, der sehr treffend sei: „Du machst vieles im Leben richtig, wenn du gerne zur Arbeit fährst, aber ein Tick lieber nach Hause kommst.“ Die Gründe dafür, warum oft im Privaten die Dinge im Argen liegen, lägen meist in alten Glaubenssätzen, von denen sich Betroffenen meist unbewusst durchs Leben navigieren ließen. Die beste Operationsmethode und das beste Rückentraining könnten nur dann im Ganzen wirken, wenn diese Gedankenmuster verändert würden, so Marnitz.Sie möchte Menschen, die chronische Kreuzschmerzen haben, mit ihrem Buch ermutigen, den psychischen Einfluss auf Schmerzen zu erkennen und durch Verhaltensänderungen deutlich zu mindern. Letztlich mit dem Ziel, das Programm, das das Gehirn im Falle eines Schmerzes abspielt, selbst umschreiben zu können. Heilung sei eng mit der Fähigkeit verbunden, den „gelernten Schmerz“, so nennt es Marnitz, zu verlernen. Wer das verinnerlicht hat, kann eine Menge tun und dadurch seine Lebensqualität deutlich verbessern. Catrin Marnitz ist überzeugt: Wissen ist Macht. „Je mehr Betroffene über ihre Rückenschmerzen erfahren, desto besser können sie mit ihnen umgehen.“Eva Eusterhus berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Stadtentwicklung und Architektur, Psychologie, Familie und Trauer.