PfadnavigationHomeICONISTModeVan Cleef & Arpels AusstellungArt Déco zeigt, wie weit Moderne reisen kannVeröffentlicht am 29.10.2025Lesedauer: 8 MinutenFür den Armreif mit minimal kantiger Rosenblüte als Zentralmotiv bekam Van Cleef & Arpels damals die Goldmedaille im Bereich Schmuckdesign verliehenQuelle: Van Cleef & ArpelsEine Ausstellung in Tokio widmet sich dem Art-Déco-Schmuck des Pariser Hauses Van Cleef & Arpels von vor 100 Jahren – und würdigt damit die zeitlose Relevanz einer Designströmung. Die Schau versteht sich wie eine Liebeserklärung an Globalisierung und kulturellen Austausch.Der Weg nach Tokio ist nicht eben kurz. Aufgrund des Angriffskriegs auf die Ukraine wird der russische Luftraum gemieden, rund 10.000 Kilometer sind zu fliegen. Lange jedoch hat sich die Reise in Japans Hauptstadt nicht so gelohnt wie in diesem Herbst und Winter. Bis zum 18. Januar 2026 läuft hier eine Ausstellung, die man guten Gewissens als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann. Und deren bereits vor hundert Jahren global konzipiertes Thema in der Gegenwart nachwirkt.„Timeless Art Deco with Van Cleef & Arpels“ lautet der Titel der Schau im Tokyo Metropolitan Teien Art Museum, und das klingt sperriger als das, was den Besucher erwartet. Tatsächlich wird an eine Epoche erinnert, in der Kunst, Kunsthandwerk und Design von einem mitreißenden Gedanken beseelt waren: dass die Welt gestaltbar und verbesserbar sein könnte. In Zeiten um sich greifender Untergangsstimmung (siehe, nur als ein Beispiel, der Umweg auf der Anreise) ist die gut 100 Jahre alte Denkart heute notwendiger denn je. Lesen Sie auchZunächst aber gibt es ein paar Fakten zu klären und zu erinnern. 1925 fand in Paris eine interdisziplinäre Ausstellung statt, für die ein nicht unbeträchtlicher Teil des Stadtzentrums mit Temporärbauten zugepflastert wurde. Die „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“, so der eingängige Name, war ursprünglich für 1914 geplant, musste wegen des Ersten Weltkriegs aber mehrfach verschoben werden. Sieben Jahre nach Kriegsende eröffnete eine internationale Leistungsschau unterschiedlichster Disziplinen, von Architektur über Mode bis Schmuckdesign. Es kamen über 16 Millionen Zuschauer. Zahlreiche Künstler arbeiteten sich noch an den Traumata ab, die der Krieg hinterlassen hatte, aber davon war in Paris wenig zu sehen – außer vielleicht im konstruktivistischen Pavillon Russlands und im „Skandalpavillon“ der Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“, in dem Werke von Picasso, Juan Gris und Fernand Léger zu sehen waren und der Architekt Le Corbusier seine dystopische Vision einer autogerechten Stadt präsentierte. Diese Mega-Schau markierte den Höhepunkt des Art-Déco-Stils (eine Abkürzung des Ausstellungstitels), der streng genommen ein Hybrid aus diversen ästhetischen Strömungen war. Der Schwung des Jugendstils war noch erkennbar, die Askese des 1919 gegründeten Bauhaus’ griff spürbar um sich, der vor allem in Italien gefeierte Futurismus glorifizierte Mechanik und Dynamik wie eine hysterische Schwester der Eleganz. Und doch ist Art Déco ein Stil, der lange nachhallte, der Architektur wie Automobilbau prägte und der es vielleicht als eine der letzten ästhetischen Strömungen vermochte, sich in seinem traditionellen Streben nach Schönheit trotzdem unverschämt der Zukunft in die Arme zu werfen. Die Prinzessin aus Japan war begeistertZu den Besuchern der Ausstellung zählten auch die japanische Prinzessin Nobuko Asaka und ihr Mann Yasuhiko. Zurück in Tokio ließen sie sich eine Villa bauen, in dem Stil, den sie in Paris bewundert hatten, von Architekten und Innenausstattern, die auch an der Weltausstellung beteiligt gewesen waren. Heute residiert das Teien Museum in diesem Haus. Hier zeigt die französische Schmuckfirma Van Cleef & Arpels historische Schmuckstücke – teils aus dem Archiv, teils geliehen aus Privathand – die im weiteren Sinne mit dem Art-Déco-Stil zu tun haben. Zentralstück und Postermotiv ist der Armreif, für den die Marke damals die Goldmedaille im Bereich Schmuckdesign verliehen bekommen hatte: ein prächtiges Schmuckstück mit einer nur minimal kantigen Rosenblüte als Zentralmotiv. „Hier zeigen sich noch die starken Wurzeln des Art Déco in der Klassik, im 18. Jahrhundert“, sagt Alexandrine Maviel-Sonet, zuständig für künstlerisches Erbe und Ausstellungen bei Van Cleef & Arpels: „Traditionell wird das zugrundeliegende Gitter, wir nennen es mesh, gradlinig und rechtwinklig angeordnet. Hier aber folgt es der Form der Blüte. Das ist sehr schwierig, macht das Stück aber viel geschmeidiger.“Allein die Räume des Museums sind ein GesamtkunstwerkEs ist ein Detail, auf das man immer wieder stößt: Wie sich aus technischen Innovationen ästhetische Wirkungen entfalten. Außerdem ist die Ausstellung ein Wunder an Symbiose. Die Räume des Museums sind ein gestalterisches Gesamtkunstwerk, in dem jede Heizkörperverkleidung, jeder Lüftungsdeckel, selbst das Innere der Kamine präzise geplant sind. Viele der Einrichtungsdetails stehen in einem fast schon absurden Dialog zum ausgestellten Schmuck. Eine Tapete aus Rechtecken in unterschiedlichen Silbergrauschattierungen, die wirken wie eine moderne Großstadt im silbrigen Nebel, und eine rechteckige Standuhr, die einem stämmigen Wolkenkratzer gleicht. Lesen Sie auchDie Entwurfszeichnung einer weiteren Standuhr mit kaskadenförmigem Zentrum hängt über einem Kamin, dessen Messingverkleidung fast haargenau die gleichen Kaskaden zeigt. Zigaretten- und Puderdosen, deren abstrakte Ornamentdeckel architektonische Qualitäten haben. Eines dieser Kleinode zeigte drinnen, unter dem Papiertütchen mit dem kostbaren Puder, eine farbige Landidylle, der Deckel aber war eine zackige Geometrie, Platinklippen einer strahlenden Zukunft. Auf kleinerem Raum kann man die Sehnsüchte und Widersprüche der Moderne kaum thematisieren. Zwischen dieser Puderdose und dem heutigen Spannungsfeld zwischen Biomarkt und KI liegen hundert Jahre, aber das Grundproblem hat sich kaum geändert. Was sich allerdings spürbar geändert hat, und das lässt sich bei einem Rundgang wunderbar nachvollziehen, ist die Rolle der Frau. Wie sie sich in der Öffentlichkeit gibt, was sie sagen, tragen, darstellen darf. Das vielleicht prächtigste Beispiel dafür ist eine Diamantcollier, das erst kürzlich zur Sammlung des Hauses hinzugefügt wurde. Was es gekostet hat, bleibt natürlich ein Geheimnis. Das Schmuckstück besteht aus einem Platinfundament und 958 Diamanten, es ist eine mehrlagige Kette, von deren ovalem Herzstück mehrere Gliederarme baumeln. Wie die erhaltene Entwurfszeichnung belegt, war diese Kette als Gestaltwandlerin konzipiert. Die Besitzerin konnte sie klassisch vor der Brust tragen oder auf den Rücken gedreht oder über die eine oder die andere Schulter. Natürlich war und ist dies ein absurd kostbares Stück Handwerk, aber auch ein lässiges Symbol für Selbstbestimmung. So lassen sich in dieser Ausstellung viele Belege und Hinweise finden, dass Art Déco, eine scheinbar zu Tode zitierte ästhetische Richtung, reichlich Innovationsgeist beinhaltete, der auch heute noch Relevanz hat. Jeder Quadratzentimeter hat seine FunktionDer vielleicht markanteste Punkt klingt banal: Es ist der Optimismus. Nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg feierte man in Paris die darstellenden Künste als Fortschrittsmotor und versöhnende Kraft. Die Minaudières, komplexe Schachteln, in denen für Puder, Zigaretten etc. präzise abgemessene Unterschachteln vorgesehen waren, entsprechen den Grundrissen von Le Corbusier oder dem Bauhaus, die jeden Quadratzentimeter einer Funktion zuordneten. Aus heutiger Sicht kein Weg ins Wohnglück, doch in seiner erbarmungslosen Funktionslogik nach wie vor aktuell. Und noch Jahrzehnte später erstaunt das – zugegeben erst 1938 patentierte – Zip Collier, das man mithilfe einer Reißverschlusstechnik von einer Halskette in ein Armband verwandeln kann. Die Mechanik ist angeblich ein Meisterwerk, auf- und zuziehen darf man das Objekt natürlich nicht, und der Glaube an Schönheit durch Funktion hat selbst nichts an Schönheit verloren. Zugleich ist gerade dies ein Beispiel, wie bereits damals die Grenzen zwischen Erhabenem und Banalem durchlöchert wurden. Noch heute regen sich Kritiker darüber auf, wenn eine Designertasche aussieht wie ein Plastikmüllbeutel – wie vor einigen Jahren bei Balenciaga. Aber in vielen großen Kirchen der Menschheit stehen Kirchen mit Fake-Marmorsäulen, und im Teien Museum sieht man Emaille-Oberflächen, die aussehen sollen wie Halbedelstein, oder einen Choker mit Bergkristalldreiecken, die man glatt für Plexiglas halten könnte. Auch die unbekümmerte Auffassung von Luxus als Entertainment lässt sich bereits am Kunsthandwerk von damals beobachten. Eine Standuhr mit einer Gruppe zusammengekauerter Affen aus Amethyst, die kunstvoll verkrusteten, winzigen Uhren oder eine Lorgnette aus Platin und Diamanten sorgen für Erheiterung, trotz und wegen der unstrittigen Könnerschaft, mit der sie gefertigt wurden. Sie hallen im niedlichen Bird Clip von Van Cleef & Arpels (1971) ebenso nach wie in den Karohemden, die aus feinstem Leder gefertigt werden, wie sie Bottega Veneta vor einigen Jahren zeigte. Ein Prinzenpaar aus Japan infiziert sich in Paris mit den allerneuesten Trends, setzt sie in Japan in einer Villa um, und hundert Jahre später wird der Virus selbst noch einmal in dieser Villa gezeigt – schon die Genese dieser Ausstellung liest sich wie eine Liebeserklärung an Globalisierung und kulturellen Austausch. An vielen Schmuckstücken lässt sich ablesen, wie stark Asien die europäischen Erneuerer im 20. Jahrhundert geprägt hat. Die Befreiung von Ornamentik war eines der großen Projekte der Moderne, ein Blick nach Japan zeigte, wie das ging. Und schließlich ist diese Ausstellung, die nächstes Jahr in erweiterter und modifizierter Form in Wien zu sehen sein wird, eine Meditation über den Begriff „zeitlos“. Denn die Stärke der gezeigten Entwürfe besteht darin, dass sie einer Epoche eindeutig zuzuordnen sind. Was sich aber zeigt: Wenn sich Fortschrittsglaube und Handwerkskunst treffen, werden die Produkte dieser Begegnung nicht alt. Mit ihren futuristischen Gelb- und Rotgoldkaskaden sieht die Secret Watch von 1937 ebenso modern aus wie der streng gegliederte Kühlergrill des jüngst vorgestellten Mercedes GLC, der auf den ersten Blick auch aus Diamanten bestehen könnte. ■ Timeless Art Deco with Van Cleef & Arpels High Jewelry, Tokyo Metropolitan Teien Art Museum, bis 18. Januar 2026Der Besuch der Ausstellung wurde unterstützt von Van Cleef & Arpels. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Van Cleef & Arpels Schmuck: Diese Art Déco Ausstellung zeigt, wie weit Moderne reisen kann - WELT
Eine Ausstellung in Tokio widmet sich dem Art-Déco-Schmuck des Pariser Hauses Van Cleef & Arpels von vor 100 Jahren – und würdigt damit die zeitlose Relevanz einer Designströmung. Die Schau versteht sich wie eine Liebeserklärung an Globalisierung und kulturellen Austausch.






