PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungEingefrorene VermögenRiskanter Griff in Putins KasseVon Jan DamsChefreporter WELT am SonntagVeröffentlicht am 24.10.2025Lesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Jan DamsQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTRund 210 Milliarden Euro haben die Europäer an russischen Geldern eingefroren. Was läge da näher, als damit die Ukraine zu unterstützen? Doch das könnte sich als sehr teuer erweisen.Es klingt nach einer einfachen Sache: Russland hat die Ukraine angegriffen wie ein Räuber in der Nacht. Seit Februar 2022 terrorisieren Wladimir Putins Soldaten den Nachbarn mit Panzern, Bomben und Raketen. Sie töten Menschen und zerstören die Infrastruktur. Was läge näher, als die in der EU eingefrorenen russischen Vermögen zu nutzen, damit die Ukrainer davon Waffen und Wiederaufbau finanzieren können? Zumal es den Europäern im vierten Kriegsjahr immer schwerer fällt, das Land mit eigenem Geld zu unterstützen. Warum also nicht den Aggressor zur Kasse bitten? Klare Sache, Fall erledigt, die Ukraine bekommt das Geld – sollte man glauben. In der Realität, das zeigt das Hickhack der vergangenen Tage zwischen den EU-Mitgliedstaaten, ist die Sache komplizierter. 210 Milliarden Euro haben die Europäer eingefroren, nicht enteignet. Davon liegen gut 180 Milliarden Euro beim Finanzdienstleister Euroclear in Brüssel. Schadet das der EU mehr als Putin?Mit diesen russischen Vermögen möchte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Reparationsanleihe absichern, mit der sich die EU Geld am Kapitalmarkt zu besorgen gedenkt. Das Geld soll als Darlehen an die Ukraine gegeben werden. Die wiederum, so die Überlegung, zahlt das Geld nach Kriegsende aus russischen Reparationen zurück. Für den Fall, dass die Russen nicht zahlen und die Vermögen nicht eingesetzt werden können, verbürgen sich die EU-Mitglieder mit ihren Budgets, dass die Käufer der Anleihe ihr Geld samt Zinsen zurückbekommen. Spätestens an dieser Stelle weiß man, dass es teuer werden kann. Interessant ist vor diesem Hintergrund die Position der Europäischen Zentralbank. Wenn überhaupt, hält sie nur die Nutzung von Zins- und Dividendenerträgen aus den russischen Vermögen für rechtssicher. Vor allem aber befürchten Europas Währungshüter, dass der Zugriff auf fremder Länder Geld ohne absolut klare Rechtsgrundlage – auch auf Vermögen Russlands – zu einem Verlust an Vertrauen in die Sicherheit der EU als Finanzstandort führen könnte. Dass andere Zentralbanken oder Staaten daher ihr Geld abziehen oder künftig höhere Zinsaufschläge fällig würden. Und: Auch Europäer haben Währungs- und Goldreserven im Ausland geparkt. Könnte der Zugriff auf das Geld des Aggressors – so berechtigt er moralisch sein mag – dazu führen, dass ihr Kapital dort nicht mehr sicher ist? Schafft die EU einen Präzedenzfall, mit dem sie sich am Ende mehr schadet als Putin?Lesen Sie auchNoch problematischer ist das Vorhaben für die Belgier. Wenn sie russisches Geld zugunsten der Ukraine verwerten, müssen sie damit rechnen, zum Hauptziel russischer Vergeltungsmaßnahmen zu werden. Belgischen Firmen mit Vermögen in Putins Reich droht ein finanzielles Fiasko, wie Beispiele zeigen. Verständlich also, dass das kleine Land eine Haftung durch alle EU-Mitglieder fordert, wenn es ins Risiko geht. Die EU muss bei ihrem Vorgehen jetzt genau darauf achten, internationales Kapitalmarktrecht nicht zu verletzen. Die Europäer sind auf einen guten, zinsgünstigen Zugang zum Kapitalmarkt angewiesen, wenn das Ganze nicht in einem finanziellen Desaster enden soll. Ein ruinierter Ruf ist da nicht hilfreich. Und weil man die Belgier beim Vorgehen gegen Moskau nicht allein lassen darf, müssen alle beteiligten EU-Staaten für mögliche Vergeltungsmaßnahmen einstehen. Einer für alle, alle für einen. So lautete das Motto der drei Musketiere, wenn es in schwierige Kämpfe ging. Die Europäer sollten es zu ihrem machen.