PfadnavigationHomeGeschichte„Todesengel von Auschwitz“So verschwand der echte Josef MengeleVeröffentlicht am 29.10.2025Lesedauer: 6 MinutenJosef Mengele 1944 in SS-Uniform und 1956 auf einem offiziellen Foto für die argentinischen BehördenQuelle: picture alliance/United Archives/WHAEin aktueller Kinofilm behandelt das „Verschwinden des Josef Mengele“. Der künstlerischen Überhöhung bedarf es nicht, denn schon die tatsächliche Geschichte der Flucht des Auschwitz-Mediziners ist ein wahrer Krimi.Zum ersten Mal tauchte der Name des Gesuchten ausgerechnet am Todestag Hitlers offiziell auf: Unter dem Datum 30. April 1945 verfasste Lieutenant Gerard Meillet, ein französischer Verbindungsoffizier des XIII. US-Armeekorps zum (west-)alliierten Oberkommando, einen „Report on War crimes“. Darin waren unter anderem die Namen einzelner Personen aufgelistet, die für Verbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz verantwortlich waren. Der zweite aufgeführte Name lautete „Mengele, genannt Mephisto“.Laut Meillets Bericht hatte dieser Verdächtige „chirurgische Experimente an Zwillingen“ vorgenommen, sich ansonsten aber nicht um sie gekümmert. Auch weitere Vorwürfe waren formuliert: „Bei jeder kranken Person von schlechtem Aussehen notierte Mengele auf der Krankenkarte ‚unheilbar‘, was den Tod bedeutete.“ Der Name war mit einem „A“ für „accused“ markiert – er galt also als potenzieller Angeklagter in einem künftigen Prozess über Auschwitz. Die zweite Erwähnung Mengeles in einem Papier der alliierten Strafverfolger stammte von dem tschechischen Arzt Kurt Grunwald, datiert auf den 13. Mai 1945. Darin hieß es zu ihm: „Chefarzt in Auschwitz II, Birkenau – verantwortlich für die Organisation von Morden. Er machte jahrelang die Arbeit der Selektionen, war auch für ‚wissenschaftliche Experimente‘ an gesunden Menschen verantwortlich. Millionen wurden während seiner Dienstzeit ermordet.“Schon am 28. April 1945 war in einem Manuskript für eine Radiosendung der Abteilung für psychologische Kriegführung der 9. US-Armee von einem „Dr. Mengels“ und seiner Rolle in Auschwitz die Rede gewesen: „Er war einer der Chefs bei den Selektionen im Lager. Im Krankenhaus scherzte er mit den Patienten, die er eine Minute später zur Gaskammer verurteilte. Während er das Todeszeichen auf die Karte eines Patienten setzte, pfiff er vor sich hin und sang populäre Lieder. Sein besonderes Hobby war die Selektion aller Zwillinge und Liliputaner für die Gaskammer. Er benutzte sie auch für seine berühmten Experimente, bei denen mehrere Ärztinnen halfen, die auf Zahnmedizin, Augenheilkunde und Anthropologie spezialisiert waren.“Obwohl der Name danach auf der Suchliste Nr. 8 der Kommission für Kriegsverbrechen auftauchte, wurde Josef Mengele, vormals SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt, Anfang August 1945 nach zwei Monaten aus der Internierung bei der US Army entlassen. Er hatte gefälschte Papiere auf den Namen „Fritz Holmann“ bei sich; mindestens zwei andere Gefangene hatten seine angebliche Identität bestätigt. Unter dieser Identität tauchte er die kommenden vier Jahre unter, bevor er sich unter dem neuen Decknamen „Helmut Gregor“ nach Argentinien absetzte.Lesen Sie auchWarum konnte der „Todesengel von Auschwitz“ so einfach untertauchen? David G. Marwell, US-Historiker und zu Beginn seiner Karriere 1980 bis 1988 Nazijäger im Office for Special Investigations des Justizministeriums in Washington D.C. tätig, erklärt das in seinem Buch „Mengele. Biografie eines Massenmörders“ (wbg -Theiss / Herder. 440 S., 28 Euro). Der materialreiche Band, fraglos das beste Buch über den KZ-Arzt und seine Flucht, ist durch den am 23. Oktober 2025 gestarteten Spielfilm „Das Verschwinden des Josef Mengele“ wieder aktuell.Lesen Sie auchMarwell zufolge konnte der Massenmörder durch das (grobmaschige) Netz der Fahnder aus mehreren Gründen schlüpfen: Trotz der Namensnennung hatte keiner der Belastungszeugen genug persönliche Details genannt, um eine sinnvolle Suche zu ermöglichen. Häufig wurde zudem Mengeles Name falsch geschrieben, ohne den Vorname oder weitere Einzelheiten wie Geburtsdatum oder Geburtsort. Zudem war der Name nicht ungewöhnlich – während des Zweiten Weltkriegs dienten in der Wehrmacht mindestens 17 verschiedene Josef Mengeles.Lesen Sie auchAls „Fritz Holmann“ versteckte sich Mengele bis 1948 – finanziert von seiner wohlhabenden Familie – als Landarbeiter und anschließend in der Umgebung seiner Heimatstadt Günzburg. Dann wanderte er als „Helmut Gregor“ nach Argentinien aus, wo er am 20. Juni 1949 ankam. Ein Pass des Roten Kreuzes hatte ihm die Passage ermöglicht. Unter diesem Namen reiste er auch 1956 heim nach Deutschland, um seine künftige Frau Martha, die Witwe seines jüngeren Bruders, näher kennenzulernen. Zu diesem Zeitpunkt bestand in der Bundesrepublik kein Haftbefehl gegen Josef Mengele, obwohl sein Name weiter auf der Fahndungsliste der Westalliierten stand. So wunderte sich in der westdeutschen Botschaft in Buenos Aires niemand, als ein gewisser „Helmut Gregor“ beantragte, ihm eine Bestätigung seiner echten Identität auszustellen, um einen argentinischen Fremdenpass auf diesen Namen ausgestellt zu bekommen. Am 11. September 1956 erhielt Mengele dieses Dokument von der bundesdeutschen Botschaft – es hielt seinen echten Namen, sein echtes Geburtsdatum (16. März 1911) und seinen echten Geburtsort (Günzburg) fest und bestätigte, dass er rechtskräftig geschieden war. Offenbar hatte sich niemand im Konsulat gefragt, warum Mengele seit seiner Ankunft in Argentinien 1949 unter einem falschen Namen gelebt hatte.Lesen Sie auchErst im Herbst 1958 änderte sich das. Hermann Langbein, Generalsekretär des Internationalen Auschwitz-Komitees, selbst Überlebender des KZs und dort vielfach mit Mengele in Kontakt, war auf die Scheidungsurkunde des SS-Mediziners von seiner ersten Frau gestoßen. Er verfasste daraufhin ein Memorandum über Mengele, das er am 19. September 1958 an die Bonner Staatsanwaltschaft schickte. Als letzter Meldeort in Deutschland wurde Freiburg festgestellt, sodass die dortigen Strafverfolger Haftbefehl für Mengele beantragten, der am 25. Februar 1959 erlassen wurde.Weil zwischen der Bundesrepublik und Argentinien kein Auslieferungsabkommen bestand, dauerte es mehr als ein Jahr, bis der Generalstaatsanwalt in Buenos Aires dem Begehren am 24. Juni zustimmte. Anfang Juli 1960 erging dann ein argentinischer Haftbefehl gegen Mengele.Doch der Gesuchte war längst gewarnt worden. Bei den Ermittlungen in Deutschland hatte die um Amtshilfe ersuchte Staatsanwaltschaft Memmingen 1958 die Polizei in Günzburg eingeschaltet. Das wurde der Familie Mengele hinterbracht, die umgehend Josef informierte. Das wurde zu einem erneuten „Wendepunkt“ und der Beginn seines neuen Lebens auf der Flucht – nur wenige Tage nach der Heirat mit seiner bisherigen Schwägerin. Zwar konnte er sich im Oktober 1958 nach Paraguay absetzen und erhielt ein Jahr später dort die Staatsbürgerschaft, was eine Auslieferung formal ausschloss. Doch bei der Einbürgerung musste er beschwören, fünf Jahre ununterbrochen in Paraguay gelebt zu haben. Im Falle eines Falles wäre der Wechsel der Nationalität wegen dieser Lüge also anfechtbar gewesen.Zudem ahnte er, dass der israelische Geheimdienst ihn entführen könnte wie im Mai 1960 Adolf Eichmann. Tatsächlich spürte ein Mossad-Team Mengele am 23. Juli 1962 auf einer Farm wieder in Brasilien auf. Der Agent Zvi Malkin war sich sicher: „Das ist er! Wir haben den kleinen Scheißkerl gefunden!“ Doch die Zentrale in Tel Aviv sagte den bereits ausgearbeiteten Entführungsplan ab, zur Enttäuschung der Männer vor Ort. Wahrscheinlich brauchte man jeden Agenten, um die deutschen Raketenexperten, die bei Ägyptens Machthaber Gamal abdel Nasser angeheuert hatten, auszuschalten.So ging die Spur zu Mengele verloren. Er heuerte unter wieder falschem Namen, diesmal „Wolfgang Gerhard“, als Farmverwalter an und wurde bald von seinen Arbeitgebern erpresst, die seine Identität durchschaut hatten. Das Geld, das Mengele weiter aus Deutschland bekam, floss zum großen Teil an das Ehepaar, das ihn beschäftigte. 1975 wich Mengele diesem Druck aus, indem er wegzog – in ein kleines Haus in São Paulo. Am 7. Februar 1979 erlitt er während des Badens in Bertioga am Südatlantik einen Schlaganfall und ertrank. Einen Tag später wurde er unter seinem letzten falschen Namen beerdigt.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen neben dem Terrorismus und der SED-Diktatur der Nationalsozialismus und dessen juristische Aufarbeitung.