PfadnavigationHomeGeschichteMassenkarambolage bei Hof 1990Der Milchlaster schlug eine Schneise des TodesVon Antonia KleikampVeröffentlicht am 21.10.2025Lesedauer: 4 MinutenBei einem schweren Auffahrunfall mit mehr als hundert Fahrzeugen starben am 19. Oktober 1990 bei dichtem Nebel zehn Menschen, mehr als 120 weitere wurden verletztQuelle: picture alliance/dpa/Claus FelixZehn Tote und mehr als 120 teils Schwerverletzte – das war die Bilanz eines schweren Autobahnunfalls am 19. Oktober 1990. Hauptverantwortlich war ein junger Lastwagen-Fahrer. Er wurde überführt, obwohl er das Hauptbeweisstück wohl aufgegessen hatte.Die Katastrophe begann wie ein ganz normaler Auffahrunfall. Gegen halb neun Uhr morgens am 19. Oktober 1990 hatte sich in einer bekanntermaßen nebelgefährdeten Senke westlich der Kleinstadt Münchberg in Oberfranken plötzlich eine dichte undurchsichtige Wand gebildet. Hier verläuft die Autobahn Berlin-Nürnberg durch etwas welliges Terrain in Richtung Nordost-Südwest über den kleinen Saale-Zufluss Pulschnitz hinweg. Um 8.35 Uhr erreichte die Polizeidirektion Hof der erste Notruf, abgesetzt von einem Autotelefon: Zehn Fahrzeuge waren auf der Fahrbahn Richtung München ineinander gefahren.Neun Minuten später folgte eine zweite Meldung: Nun waren bereits rund hundert Autos und Lastwagen in den Unfall verwickelt. Doch die eigentliche Katastrophe kam erst noch. Während die Beamten unterwegs zum Unfallort waren, raste ein Milchlastzug fast ungebremst in die stehende Kolonne, die sich nach dem ersten Unfall gebildet hatte. Der 40-Tonner schlug eine regelrechte Schneise des Todes: Vier Personenwagen mit acht Menschen wurden zusammengewalzt. „Die Autos sahen aus, als ob sie aus der Fahrzeugpresse kämen“, berichtete ein Polizeisprecher der Presse: Aus dem Blechknäuel konnten sieben Personen nur noch tot geborgen werden, eine Frau überlebte schwer verletzt.„Ich kam in dieses verdammte Tal“, schilderte Peter D. den Beginn des Unfalls: „Urplötzlich war da diese Wand. Ich sah etwas Rotes vor mir. Ein querstehender Lastwagen. Konnte nicht mehr bremsen, es ging so schnell. Meine Frau schlug mit dem Kopf gegen den Seitenholm. Ihr Kopf war nur noch Blut.“ Die Ärzte konnten sie retten. Rainer O. sagte: „Bremsleuchten vor mir. Hab' das Steuer noch herumgerissen. Zu spät. Hinten knallte ein Bus drauf, er riss den Kofferraum weg. Meine Tochter auf dem Rücksitz schrie. Dann noch ein Schlag – noch einer war hinten draufgeknallt.“ Mehrere Autos fingen Feuer. Hans-Jürgen Sch. aus Merseburg konnte seinen Wagen noch stoppen und schrie sofort zu seiner Familie: „Macht raus!“ Seine Frau riss gerade noch den neunjährigen Sohn vom Rücksitz. Dann kam der Milchlaster. Viel zu schnell jagte er in die Senke. Sch. beschrieb den entscheidenden Moment: „Es gab einen Schlag, es riss mich von den Beinen – dann war ich bewusstlos.“ Herumfliegende Trümmer rissen ihm ein Ohr ab, schleuderten seine Frau und den Sohn hinter die Leitplanke. Beide wurden schwer verletzt.Lesen Sie auchUnd hatten dennoch Glück im Unglück. Denn der Sattelzug zermalmte den Wagen der Familie Sch. und drei andere Autos. Die sieben Insassen, die nicht mehr herausgekommen waren, starben. „Was ich in dem Blechknäuel noch sah, war eine Hand und ein Haarbüschel“, schilderte ein sichtlich schockierter Polizist. Auch zwei Kinder von vier und acht Jahren kamen um, ihre Mutter wurde nach dreieinhalb Stunden schwer verletzt geborgen.Lesen Sie auchBei dem Unfall kamen insgesamt zehn Menschen ums Leben; weitere 122, nach anderen Angaben sogar 141 wurden verletzt, 38 davon schwer. Insgesamt waren 121 Fahrzeuge beteiligt. Nach dem Unfall war die Autobahn zwischen Münchberg und Hof auf mehr als 25 Kilometern gesperrt. 140 Polizisten sicherten die 800 Meter lange Unfallstelle, auf der sechs Ärzte und 32 Sanitäter die Verletzten versorgten. Wegen des dichten Nebels konnten keine Hubschrauber eingesetzt werden. Verletzte konnten nur mit Krankenwagen in die umliegenden Hospitäler gebracht werden. Lesen Sie auchDas Kreiskrankenhaus Münchberg, das Klinikum Hof, das Kreiskrankenhaus Naila und die Klinik in Kulmbach waren bald so überlastet, dass zwei Hofer Unfallärzte in ihren Praxen zusätzlich Verletzte behandelten. Mehr als 80 Feuerwehrleute beteiligten sich an den Aufräumarbeiten. Erst nach 14 Stunden rollte der Verkehr wieder in beiden Richtungen.Eindeutig konnte die Ursache für die Katastrophe ermittelt werden: Der Milchlaster war viel zu schnell in die Senke gefahren. Der Fahrer, der 24-jährige Andreas B. aus Niedersachsen, wurde noch am Unfallort festgenommen. „Nach ärztlicher Versorgung“, so hieß es im Protokoll der Polizeidirektion Hof, sei „der Lastwagen-Fahrer haftfähig gewesen“. Umgehend beantragte die Staatsanwaltschaft Hof Haftbefehl wegen fahrlässiger Tötung. Der Polizeipräsident von Oberfranken kommentierte: „Zum jetzigen Zeitpunkt kann man noch keine genauen Aussagen zur Schuldfrage machen, aber dass er festgenommen wurde, sagt ja auch schon einiges.“Beigetragen hatte dazu, dass aus dem Milchlaster ein wichtiges Beweisstück fehlte: Das Datenblatt aus dem Fahrtenschreiber des Milchlastzuges war verschwunden. Ermittler schlossen nicht aus, dass der Fahrer das Dokument aufgegessen hatte. Später räumte er ein, bis zu 33 Stunden ohne die vorgeschriebenen Pausen durchgefahren zu sein. Wegen fahrlässiger Tötung in acht Fällen wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.Die Senke bei Münchberg, durch die seit den Zeiten des Reichsautobahnbaus die A9 auf einem niedrigen Damm verlief, wurde 1998 bis 2000 durch eine Talbrücke etwas entspannt: Nun liegt die Fahrbahn zehn Meter höher als noch 1990. Die Nebelgefährdung aber bleibt. 2003 gab es auch auf der neuen Streckenführung einen schweren Auffahrunfall, in den mehr als 180 Autos verwickelt waren. Immerhin: Niemand wurde getötet und „nur“ 56 Personen wurden verletzt, davon 18 schwer. Noch schlimmer war ein Unfall, der sich einige hundert Meter weiter südlich Anfang Juli 2017 ereignete: Ein voll besetzter Reisebus kollidierte mit einem Lastwagen und geriet in Brand. 18 Menschen starben.
Massenkarambolage bei Hof 1990: Der Milchlaster schlug eine Schneise des Todes - WELT
Zehn Tote und mehr als 120 teils Schwerverletzte – das war die Bilanz eines schweren Autobahnunfalls am 19. Oktober 1990. Hauptverantwortlich war ein junger Lastwagen-Fahrer. Er wurde überführt, obwohl er das Hauptbeweisstück wohl aufgegessen hatte.






