PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungRichard Herzinger ist totEin Mann der scharfen Gedanken und der noch schärferen SpracheVeröffentlicht am 15.10.2025Lesedauer: 4 MinutenRichard Herzinger (1955 – 2025)Quelle: Klar/Lengemann/Reto Klar u. Martin U. K. LengemannEr war ein Frankfurter Lokalpatriot mit Vorliebe für die Eintracht und Grüne Soße, ein Publizist, der früh die widerständigen Demokraten der osteuropäischen Länder für sich entdeckte. Jetzt ist der langjährige WELT-Autor Richard Herzinger gestorben. Ein Nachruf.Einen Nachruf für Richard Herzinger schreiben, das macht Angst. Denn im Kopf hört man seine Kritik. Und die wäre unerbittlich. Herzinger war ein Mann der scharfen Gedanken und der noch schärferen Sprache. Jeden halbherzigen Gedanken, jede kompromisslerische Formulierung, jede Inkonsequenz, jede Anbiederung an die Erwartungen der Leser, der Redaktion, des Zeitgeists oder irgendeiner Instanz außer der Wahrheit, rief Herzingers Spott hervor, schlimmer noch, seine Verachtung. Es gibt Leute, deren Verachtung trägt man mit Fassung. Bei Herzinger war es anders, weil er so aufrichtig war, auch und gerade sich selbst gegenüber.Dabei war er kein puritanischer, humorloser Asket. Er konnte Witze machen und lachen, auch über sich selbst. Er genoss gutes Essen, das zusammen mit der Asche seiner Zigarette oft auf dem Revers seiner teuren, aber zerbeulten Anzugjacken seine Spuren hinterlassen hat. Er war der einzige deutsche Journalist, der beim Trinken mit dem großen Christopher Hitchens mithalten und dennoch einen klaren Kopf behalten konnte. Wie Hitchens schrieb Herzinger mit Lust und Leidenschaft; seine Leidenschaft galt der Freiheit.Herzinger wurde 1955 in Frankfurt am Main geboren und blieb zeitlebens Lokalpatriot, liebte Grüne Soße und Eintracht Frankfurt. Überhaupt war er nicht nur Fußballfan, sondern kannte sich – natürlich – im Fußball bestens aus. Bei einer hochkarätig besetzten Tagung auf Schloss Elmau hielt er einmal die versammelten Philosophen und Politiker gefangen mit seinem laufenden Kommentar zu einem Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Er hatte darauf bestanden, dass eine geplante Podiumsdiskussion für das Spiel abgebrochen wurde. Man muss Prioritäten setzen. Herzinger war promovierter Literaturwissenschaftler und hätte auch eine akademische Karriere machen können, aber es fehlte ihm wohl die dafür notwendige Geschmeidigkeit im Umgang mit Autoritäten; zumal die im akademischen Betrieb der 1980er-Jahre fast alle links waren und Herzinger früh die widerständigen Demokraten der osteuropäischen Länder für sich entdeckte, den Totalitarismus hasste und in einer primär antiamerikanisch gepolten intellektuellen Atmosphäre die Ideale der amerikanischen Revolution – manchmal auch gegen die Wirklichkeit amerikanischer Politik – hochhielt. Richard Herzinger, ein Vordenker und Vorkämpfer einer liberalen WeltMit Hannes Stein schrieb er 1995 das Buch „Endzeitpropheten“ gegen eine antiwestliche Offensive, die Islamisten und großrussische Imperialisten, rechts- und linksextreme Kritiker des Liberalismus eint. Im Gegensatz zu manchen Pamphleten aus der Zeit ist das Buch noch heute lesbar. Das gilt auch für Herzingers „Tyrannei des Gemeinsinns“ von 1997: „Wo immer die Menschen in den Besitz von ein wenig Freiheit kommen, treten zu allen Zeiten und so sicher wie das Amen in der Kirche selbsternannte Aufpasser und Aufseher, Mahner und Warner auf den Plan, die ihnen den richtigen Gebrauch erklären und sie daran hindern wollen, sie zu ‚missbrauchen‘.“ Den Gedanken führte Herzinger fort im Band „Republik ohne Mitte“ von 2001. Was wie eine Kritik klingt, war ein Lob: Dass die Bundesrepublik keinen „Identitätskern“ habe, sei nämlich kein Manko, sondern Ausweis ihrer Modernität. Kurzum: Herzinger war Vordenker und Vorkämpfer einer liberalen Welt, die freilich seit dem Angriff Wladimir Putins auf die Ukraine und dem Aufstieg einer christlich-nationalistischen, oft endzeitlich beseelten Rechten in den USA gefährdet, vielleicht tödlich verwundet ist. Herzinger, der für die „Zeit“ und den „Tagesspiegel“, die Züricher „Weltwoche“ und 15 Jahre lang für WELT und WELT AM SONNTAG tätig war, blieb sich auch nach der Verrentung treu, schrieb Kolumnen für das ukrainische Magazin „Український Тиждень“ („Ukrainische Woche“) und für den „Perlentaucher“ sowie für sein Blog – ein Zitat aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Wir halten diese Wahrheiten für selbsterklärend, dass alle Menschen als Gleiche erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gleichen Rechten ausgestattet wurden …“Herzinger war kein religiöser Mensch; von Schöpfern hielt er nichts, umso mehr aber von den Menschen. Von ihnen allerdings erwartete er auch viel, und je näher sie ihm standen, desto mehr. Vielleicht ist daher das Wissen, dass dieser Nachruf seinen Erwartungen nicht entsprochen hätte, in gewissem Sinn ein Trost.
Richard Herzinger ist tot: Ein Mann der scharfen Gedanken und der noch schärferen Sprache - WELT
Er war ein Frankfurter Lokalpatriot mit Vorliebe für die Eintracht und Grüne Soße, ein Publizist, der früh die widerständigen Demokraten der osteuropäischen Länder für sich entdeckte. Jetzt ist der langjährige WELT-Autor Richard Herzinger gestorben. Ein Nachruf.







