PfadnavigationHomeGeschichteKünstliche IntelligenzWerden Historiker ab 2027 überflüssig?Veröffentlicht am 17.10.2025Lesedauer: 5 MinutenEchte Intelligenz gegen Rechenpower: Schach-Weltmeister Gari Kasparow spielt gegen den IBM-Supercomputer „Deep Blue“, dessen Züge ein IBM-Mitarbeiter ausführt (Aufnahme von 1997)Quelle: picture-alliance/dpa/epa AFPEine Microsoft-Studie erklärte Geschichtswissenschaftler zum zweitmeist durch KI gefährdeten Beruf. Auf dem Historikertag in Bonn spielte diese Prognose kaum eine Rolle – anders als die neue Technologie an sich.Wer laut Diagnose noch zwei Jahre vor sich hat, dürfte gewöhnlich zumindest nervös werden: Was kann, was soll man mit der verbleibenden Zeit noch anfangen? Es sei denn, man nimmt die Diagnose nicht ernst – aber auch das kann nach hinten losgehen. Auf dem 55. Historikertag in Bonn spielte das Thema Künstliche Intelligenz (KI) in mehreren Sektionen und mindestens einer der größer angelegten Debatten eine prominente Rolle. Allerdings weniger als Risiko denn als Chance, was zumindest etwas verwunderte: Erst Ende Juli und Anfang August 2025 hatte eine Studie des Tech-Giganten Microsoft für Aufsehen gesorgt – oder genauer: deren Interpretation in verschiedenen Tech-Blogs. Lesen Sie auchEtwa in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Markt und Mittelstand“. Dort hieß es unter der Überschrift „Diese Berufe könnten bis 2027 durch KI verschwinden“ im Untertitel „Übersetzer und Historiker besonders betroffen“. Dem folgte die eigentliche Nachricht: Mit einem „KI-Risiko von 0,49“ gelte die Tätigkeit von Dolmetschern als „besonders leicht automatisierbar“. Gleich dahinter standen Historiker mit dem Wert 0,48. Auch seien die Tätigkeiten von Schriftstellern, Radio-DJs, Börsenangestellten und Politikwissenschaftlern durch KI ersetzbar, außerdem die von Flugbegleitern und Bahnschaffnern (im Original: „passenger attendants“) sowie Verkäufern.Zwar sagt das Papier der Forschungsabteilung Microsoft Research selbst nichts über ein bevorstehendes Ende des Berufes Historiker 2027. Aber das hohe „KI-Risiko“ steht dort zweifelsfrei, sodass die Interpretation gewiss als zugespitzt bezeichnet werden kann, aber nicht als völlig falsch. Bereits der Online-Artikel von „Markt und Mittelstand“ hatte allerdings skeptisch über das angebliche „KI-Risiko“ für Historiker hinzugefügt: „Ein Wert, der überrascht, weil er ein Tätigkeitsfeld betrifft, das gemeinhin mit tiefem Kontextverständnis assoziiert wird.“Auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Historikertag diskutierte auf Einladung der Gerda-Henkel-Stiftung ein hochkarätig besetztes Podium über das Problem „Mensch – Maschine. Ein neues Machtverhältnis?“ Georgis Chatzoudis, bei der Henkel-Stiftung verantwortlich für das digitale Wissenschaftsportal „L.I.S.A.“, formulierte die Grundfrage: „Menschen erfinden Maschinen, um sich das Leben zu erleichtern. Menschen hatten Macht über Menschen – aber ändert sich dieses Verhältnis durch KI?“Lesen Sie auchKI sei mehr als eine Maschine, mehr als ein Werkzeug, das Menschen benutzen, bezog Catrin Misselhorn, Philosophieprofessorin in Göttingen und Autorin der „Grundfragen der Maschinenethik“, dazu Position. Die KI sei eben „kein Hammer“, sondern werfe ganz neue ethische Probleme auf: „Hier wollen wir ja gerade, dass wir die Kontrolle abgeben.“Das ist zweifellos auf den ersten Blick komfortabel, birgt aber neue Risiken. Denn jede KI, die eine mehr, die andere weniger, beginnt zu fantasieren, wenn ihre Algorithmen im auswertbaren Material keine eindeutigen Antworten finden. Zum Beispiel erfand beim WELTGeschichte-Praxistest im Sommer 2025 ChatGPT 4.0 mit der Funktion „Deep Research“ einen angeblich von dem Staatsrechtler Carl Schmitt 1932 verfassten Entwurf eines NSDAP-Parteiverbots, den es tatsächlich niemals gegeben hat. Lesen Sie auchWer sich auf KI verlässt, ist also verlassen – zumindest, wenn es um mehr geht als um pure Banalitäten. Ein Historiker, der seine Recherchen auf eine derartige „Maschine“ stützt, verstößt gegen ungefähr jeden Grundsatz seriöser wissenschaftlicher Arbeit. Jedoch reicht so eine Feststellung natürlich nicht, um das Problem KI auszuleuchten. „Nicht erst seit KI verändern Maschinen die Menschen“, stellte Andreas Fickers fest, Leiter des Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History. Das sei schon immer so gewesen, betonte er und verwies auf Beispiele wie Uhren, die das Leben der Menschen in einen festen Takt gebracht haben, oder Lokomotiven, den Beginn der motorisierten Mobilität. Der Berliner Wissenschaftshistoriker Matteo Valleriani räumte ein, dass KI für Menschen nicht vollständig zu verstehen sei – aber das treffe auf andere Akteure auch zu. Andererseits gelte jedoch: „Wir als Gesellschaft entscheiden, wie viel Macht wir KI geben wollen.“Ohnehin ist das, was man heute als KI versteht, nicht der erste Fall von Maschinen, die sich selbstständig machen und ihre Schöpfer überholen. Ähnliches geschah schon im Februar 1996, als ein zum Schachcomputer programmierter IBM-Großrechner namens „Deep Blue“ den amtierenden Schachweltmeister Gari Kasparow in der ersten Partie schlug – um dann das aus sechs Spielen bestehende Gesamtmatch schließlich doch klar mit 2:4 zu verlieren.Angesichts der irritierenden Prognose der Microsoft-Studie überraschte, wie positiv in verschiedenen Sektionen des Historikertages Nachwuchswissenschaftler über ihre Erfahrungen mit KI sprachen. So eröffnet das neue Instrument zweifellos neue Möglichkeiten, große Textmengen zu analysieren – allerdings eben immer unter dem Vorbehalt, dass man sich auf die Ergebnisse nicht verlassen kann. Andererseits offenbarte die Erwartung, künftig eine Methode als Qualifikationsleistung anzuerkennen statt die damit erzielten inhaltlichen Einsichten, wie die KI bereits Maßstäbe in Richtung Beliebigkeit verschiebt.Die weitaus meisten Vorträge während des Kongresses stützten sich jedoch entweder gar nicht auf automatisierte Auswertungen oder höchstens auf eng begrenzte Such- und Auszählfunktionen. Die ersten Erfahrungen mit KI jedenfalls zeigen, dass Historiker trotz des vermeintlich hohen „Risikofaktors“, zu dem die Microsoft-Studie gekommen ist, eben gerade nicht durch die junge Technologie überflüssig werden. Angemessen eingesetzt, kann sie sogar neue Perspektiven eröffnen. Auch weit über das Jahr 2027 hinaus müssen Historiker wegen KI keine Sorge über ihre Arbeitsplätze haben. Denn weiter gilt die Erkenntnis: Ohne Kontext ist alles nichts.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. KI benutzt er nur, um in oft fremdsprachigen Quellen interessante Details zu suchen – bei jeder anderen Nutzung hat er bisher fast ausschließlich ungenügende Ergebnisse erlebt.