PfadnavigationHomeGeschichteKriegsfilm „Der Tiger“Was die Totenköpfe an der schwarzen Uniform bedeuten – und was nichtVeröffentlicht am 17.10.2025Lesedauer: 5 MinutenSzenenbild aus Dennis Gansels Kriegsfilm „Der Tiger“: Hauptdarsteller David Schütter mit silbernen Totenköpfen auf schwarzen KragenspiegelnQuelle: Amazon MGM Studios/Pantaleon FilmDas Symbol löst einen Reflex aus: Helle Totenköpfe mit Knochen auf schwarzem Grund. Doch nicht alles, was nach SS aussieht, war auch SS – das führt Regisseur Dennis Gansel mit seinem Film „Der Tiger“ vor.Dutzendfach sind sie in Großaufnahme zu sehen, sodass man den Eindruck bekommt, Regisseur Dennis Gansel und Kameramann Carlo Jelavic würden sich in ihrem Film „Der Tiger“ einen Spaß machen: silberne Totenschädel mit gekreuzten Knochen hinter dem Kiefer auf schwarzem Grund. Denn das Symbol löst bei jedem halbwegs geschichtsinteressierten Betrachter einen Reflex aus: Totenschädel an Uniformen = SS oder Waffen-SS. „Der Orden unter dem Totenkopf“ lautete der Titel jenes Buches, das den Geschichtsjournalisten Heinz Höhne 1967 bekannt machte; es handelte sich um eine „Geschichte der SS“.Wie der ganze Film ein stetes Spiel mit Wahrheit und Fiktion, mit verschiedenen Ebenen der Realität ist, so gilt das auch für die vielleicht bewusst provozierte Verwirrung um die Totenköpfe; erklärt wird das Detail im Film jedenfalls nicht. Ebenso wenig wie der überraschend legere Stil der Uniformen von vier der fünf Besatzungsmitglieder des „Tiger“, während der jüngste Soldat normale Wehrmachtskleidung trägt.Wie so oft führt auch hier der erste, spontane Eindruck in die Irre. Denn die Uniformierung der „Tiger“-Besatzung ist nicht nur korrekt, sie hat auch nichts mit der Waffen-SS zu tun. Ende 1934 begann zunächst geheim die Aufstellung einer neuen Unterteilstreitkraft des damaligen Reichsheeres: der künftigen Panzertruppe. Schwere Kampffahrzeuge (gleich ob auf Ketten oder mit Radantrieb) waren den deutschen Streitkräften seit dem Versailler Vertrag 1919 kategorisch verboten gewesen, weshalb die Reichswehr in Manövern mit Holzmodellen auf Autos oder – manchmal – Fahrrädern übte; als „Waffen“ dienten oft schwarz angestrichene Besenstiele. Natürlich fanden sich die fortschrittlich denkenden Offiziere damit nicht ab. Also wurde unter strikter Vertraulichkeit in den asiatischen Weiten der Sowjetunion die Panzertruppenschule Kama bei Kasan errichtet. Nach einigem Hin und Her von 1929 bis 1933 sammelten tatsächlich deutsche Soldaten mit insgesamt zehn Versuchspanzern, genannt „Großtraktor“ und „Leichttraktor“, taktische und technische Erfahrungen Das Versteckspiel wurde mit der weitgehenden Aufhebung der Rüstungsbegrenzungen des Versailler Vertrages Ende 1932 überflüssig. Ein Dreivierteljahr später beendete die neue Regierung Hitler die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Alle Soldaten und sämtliche Ausrüstung ging auf den Weg zurück nach Deutschland.Parallel damit schritt der Aufbau einer deutschen Panzertruppe voran. Aus den Versuchen in Kasan hatte man unter anderem gelernt, dass die klassische deutsche Heeresuniform für Panzerbesatzungen ungeeignet waren. Daher bekamen die ersten aufgestellten Verbände vollkommen neue Dienstkleidung. In Material und Schnitt orientierte sie sich an damaliger Ski-Ausrüstung, war allerdings komplett schwarz. Auf den Kragenspiegeln prangten links und rechts je ein Schädel aus flachem Aluminium mit gekreuzten Knochen hinter dem, Kiefer. Lesen Sie auchDabei handelte es sich um in der Form exakte Verkleinerungen des Mützenschmuckes der Totenkopf-Husaren, einer traditionsreichen Kavallerie-Einheit des früheren preußischen Heeres. Gern hatten sich sowohl Kaiser Wilhelm II. als auch seine Söhne mit der schwarzen Pelzmütze des 2. Leibhusaren-Regiments gezeigt, auf der eben so ein Totenschädel groß appliziert war. Ja, sogar die einzige Kaiser-Tochter Prinzessin Viktoria Luise ließ sich in dieser Uniform fotografieren.Offenbar war den Planern der bevorstehenden Aufrüstung nicht bekannt oder gleichgültig, dass sich bereits Anfang 1930 eine andere Truppe ebenfalls dieses in der Weimarer Republik herrenlose Symbol angeeignet hatte: Die „Schutzstaffel“ als elitäre Untereinheit der Braunhemden der SA schuf sich nach der Ernennung eines Hühnerzüchters namens Heinrich Himmler zum „Reichsführer SS“ eine eigene Uniform. Idealerweise bestand sie aus einer braunen Uniformbluse wie bei der SA, aber dazu einer schwarzen statt einer braunen Krawatte, schwarzen Reitstiefeln statt den Schnürstiefeln der SA, einer schwarzen Reithose statt braunen Hosen sowie einer schwarzen Kappe mit Totenkopf statt des silbernen Knopfes an derselben Stelle der braunen SA-Kappe.Als die Panzertruppe knapp fünf Jahre später aufgebaut wurde, umfasste die inzwischen eigenständige Allgemeine SS bereits eine Viertelmillion Mann (die SA war offiziell noch um ein Vielfaches stärker, aber nach dem vermeintlichen „Röhm-Putsch“ faktisch bedeutungslos). Konflikte um das Totenkopf-Symbol sind kaum überliefert – vermutlich nahmen die selbstbewussten Reichswehroffiziere die SS nicht ganz ernst. Jedenfalls blieb es bei den Totenköpfen auf beiden schwarzen Kragenspiegeln als Kennzeichen, dazu der leger geschnittenen Uniform und einer weichen schwarzen Mütze. Die SS-Uniform dagegen bestand aus schwarzem Stoff in klassischem Heeresschnitt, Kragenspiegel mit der Doppel-Rune „SS“ rechts und dem Rangabzeichen links und einer Kopfbedeckung mit dem Totenkopf, entweder einem Schiffchen oder einer Schirmmütze. Nur die SS-Totenkopfverbände, entstanden aus den KZ-Wachmannschaften, trugen das entlehnte Kennzeichen auf dem rechten Kragenspiegel und zusätzlich auf der Mütze. Im Zuge des Aufbaus der Waffen-SS mit am Ende bis zu 900.000 Mann kamen eine Reihe weiterer Varianten hinzu, aber tatsächlich trug nie ein SS-Mann den Totenkopf mit den gekreuzten Knochen auf beiden Kragenspiegeln.Warum aber trägt in „Der Tiger“ ein Besatzungsmitglied, nämlich das jüngste, eine andere, normale Uniform? Als die Verluste der Panzertruppe immer mehr zunahmen, ergänzten junge Wehrpflichtige die Stammmannschaften. Sie wurden zwar immer noch ausgebildet an den Fahrzeugen, mit denen sie kämpfen sollten – doch die Ausrüstung mit den speziellen Uniformen nahm man nicht mehr so wichtig. 1944/45 gab es deutsche Panzer, von deren Besatzung niemand mehr die schwarze Uniform mit den Totenköpfen auf den Kragenspiegeln trug.Das konnte auch lebensrettend sein. Denn zumindest aus den Kämpfen um die Normandie im Juni 1944 ist bekannt, dass amerikanische, britische und kanadische Soldaten gefangengenommene SS-Leute in Hunderten Fällen eher erschossen, als sie wie vorgeschrieben zu Sammelstellen zu bringen – übrigens ein klares Kriegsverbrechen. Sehr wahrscheinlich traf dieses Schicksal auch Panzersoldaten, die wegen ihrer schwarzen Uniformen und der Totenköpfe auf beiden Kragenspiegeln irrtümlich für SS-Leute gehalten wurden.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.