PfadnavigationHomePanoramaIbiza geht unterDie Straße existiert nicht mehr. An ihrer Stelle fließt ein brauner FlussVon Pamela SpitzVeröffentlicht am 30.09.2025Lesedauer: 6 MinutenHeftige Regenfälle haben im Süden Spaniens für schwere Überschwemmungen gesorgt. Die Meteorologen riefen die höchste Warnstufe für die Inseln Ibiza und Formentera aus. Es bestehe „extreme Gefahr“ durch Sturzfluten.Sturzflut auf Ibiza: Binnen einer Stunde fallen fast Dutzende Liter Regen pro Quadratmeter. Straßen werden zu Flüssen, ein Krankenhaus steht unter Wasser. Ein Unwetter legt die Insel lahm – und bei den Einwohnern wächst die Wut.Ende September 2025, 10:15 Uhr. Eine zweite Regenfront erreicht Ibiza-Stadt. In den kommenden 60 Minuten fallen 59 Liter Wasser pro Quadratmeter. Die Kanalisation bricht zusammen. Laura Garfias filmt aus ihrer Wohnung im Viertel Es Pratet. Ihre Straße existiert nicht mehr. An ihrer Stelle fließt ein brauner Fluss.Die spanische Wetterbehörde AEMET hatte um 11 Uhr die höchste Warnstufe ausgerufen: Rot. Das bedeutet extremes Risiko. Gültig von 11 bis 16 Uhr. Miquel Gili, Sprecher der Behörde, formuliert es technisch: „Das Tiefdruckgebiet hat sich festgesetzt und es können sich 180 Liter in wenigen Stunden ansammeln.“ Das System bewegt sich nicht weiter, die Wassermassen entladen sich stundenlang über denselben Gebieten.Der abgeschwächte Ex-Hurrikan „Gabrielle“ ist der Verursacher. Nach seiner Passage über die Azoren hat er sich in ein extratropisches System verwandelt. Jetzt hängt er über den Pityusen fest. Ein meteorologisches Phänomen, das die Balearen-Inseln in diesem Ausmaß selten trifft.Der Flughafen Ibiza registriert 74 Liter pro Quadratmeter. Sant Antoni 66 Liter. Ibiza-Stadt 54 Liter. Sant Joan 23 Liter. Formentera 9 Liter. Das sind die Messwerte bis zum Morgen. Dann kommt die zweite Welle.Die Notrufzentrale 112 verzeichnet 41 Einsätze allein auf Ibiza bis 8 Uhr morgens. Das sind 67 Prozent aller Notfälle auf den gesamten Balearen in dieser Nacht. 25 Mal pumpen Einsatzkräfte Wasser aus Kellern und Garagen. Elfmal melden Autofahrer überflutete Straßen. Viermal bricht städtische Infrastruktur zusammen. Drei Bäume stürzen um. Zwei Menschen müssen aus einem Aufzug befreit werden.Lesen Sie auchSant Josep de sa Talaia meldet 19 Vorfälle. Ibiza-Stadt 13. Santa Eulària drei. Die Feuerwehr arbeitet mit drei Teams gleichzeitig. Sie pumpen Wasser aus Häusern, Geschäften, öffentlichen Straßen. Die Leitstelle ist so überlastet, dass sie keine Presseanfragen mehr annimmt.Das Leben in der Stadt bricht zusammenDie Avenida Isidor Macabich steht unter Wasser. Die Nachrichtenseite „Menorca.info“ beschreibt die Situation: „Viertel wie Es Pratet und Straßen wie die Isidor Macabich und die Calle Madrid sind echte Schwimmbecken mit geplatzten Kanalisationen und überlaufendem Wasser, Fäkalien und Ratten.“Im Hafen lösen sich Müllcontainer von ihren Verankerungen. Sie treiben die Avenida de Santa Eulària hinunter bis zum Fährterminal nach Formentera. In der Calle del Diputado José Ribas blockieren schwimmende Container einen Krankenwagen. Die Altstadt Dalt Vila kämpft mit Erdrutschen. Geröll sammelt sich in den engen Gassen.In der Bibliothek Can Ventosa sitzen Besucher fest. Sie trauen sich nicht auf die Straße. Draußen schießt das Wasser vorbei.Das Krankenhaus Can Misses, zentrale medizinische Einrichtung der Insel: Gebäude C steht komplett unter Wasser. Die Hämodialyse-Station ist überflutet. Ebenso die Tagesklinik, die Laboreinrichtungen. Der reguläre Betrieb bricht zusammen.Das Colegio Santísima Trinidad in Sant Antoni wird evakuiert. Wasser dringt in die Elektroinstallationen ein. Die Kapelle des Gebäudes ist schwer beschädigt. Polizei, Zivilschutz und Feuerwehr koordinieren die Evakuierung. Alle Schüler und Lehrer werden in Sicherheit gebracht. Die Schule bleibt geschlossen. Städtische Techniker prüfen die Gebäudesicherheit.In Sant Agustí des Vedrà sitzen 450 Haushalte ohne Strom. Ländliche Gebiete haben zusätzlich kein Wasser mehr. Viele sind auf Brunnen und Zisternen angewiesen. Die funktionieren nun nicht mehr.Die Straße zum Flughafen ist an mehreren Unterführungen überflutet, komplett gesperrt. Die E-10 Ringstraße wird um 11 Uhr gesperrt. Der Tunnel nach Es Puig d'en Valls über Camino de Cas Ferró: unpassierbar. Der Kreisverkehr Jesús öffnet teilweise um 7:30 Uhr wieder.Der Busverkehr mit Start oder Ziel Ibiza-Stadt wird eingestellt. Auf unbestimmte Zeit. Die Behörden formulieren es deutlich: „Vermeiden Sie jede Fortbewegung.“Am Flughafen Ibiza kommt es zu Verzögerungen. Der Flughafen Palma de Mallorca meldet über 30 verspätete Flüge. Ein Ryanair-Flug von Madrid versucht mehrmals, auf Ibiza zu landen. Es gelingt nicht. Die Maschine wird nach Palma umgeleitet.Anwohner kritisieren die ZuständeDer Bevölkerungsschutz Protección Civil verschickt Alarmmeldungen über das mobile Warnsystem. Alle Handys auf Ibiza und Formentera empfangen die Nachricht. Der Inhalt ist eindeutig: Bleiben Sie zu Hause. Fahren Sie nicht. Gehen Sie nicht auf die Straße.Die offiziellen Empfehlungen kommen, als die Straßen bereits überflutet sind: Durchqueren Sie keine überfluteten Gebiete. Halten Sie sich von Flussläufen fern. Parken Sie nicht in gefährdeten Gebieten. Bleiben Sie in oberen Stockwerken. Meiden Sie Keller und Garagen.Ein Anwohner kommentiert online: „20 Jahre und niemand hat etwas getan.“ Die Drainage-Infrastruktur versagt bei jedem stärkeren Regen. Ein anderer schreibt: „Wenn etwas wie in Paiporta passiert, wird das Wehklagen groß sein.“ Paiporta war einer der am schwersten betroffenen Orte bei der Valencia-Katastrophe vor elf Monaten. 229 Menschen starben damals.Lesen Sie auchDie spanischen Medien reagieren spät. „El Mundo“ berichtet nicht bis Mittag. ABC berichtet nicht. Die großen spanischen Tageszeitungen ignorieren die Überschwemmungen auf Ibiza, so scheint es. Die Berichterstattung erfolgt über Nachrichtenagenturen und regionale Medien. „ElDiario.es Illes Balears“ dokumentiert. Telecinco sendet.Keine Toten auf Ibiza, das ist die gute Nachricht. Das ist auch der Grund für das nationale Desinteresse. In Valencia regnet es ebenso wie in Katalonien und in Murcia. Ibiza ist eine lokale Katastrophe ohne nationale Relevanz.Social Media übernimmtLaura Garfias‘ Videos aus Es Pratet werden tausendfach geteilt. Die Bilder zeigen, was die nationalen Medien ignorieren: Straßen als reißende Flüsse. Überflutete Erdgeschosse. Festsitzende Autos. Entwurzelte Bäume. Treibende Müllcontainer. Mit Schlamm bedeckte Straßen. Überflutete Krankenhausflure.Die Hashtags #Ibiza, #Überschwemmungen und #RoterAlarm dokumentieren die Katastrophe in Echtzeit. „Sturzflut“ trendet. Die Bürger sind ihre eigenen Reporter.Mehrere Unternehmen ordnen für die kommenden Tage Homeoffice an. Nicht nur wegen der AEMET-Warnungen. Die Begründung verweist auf die „große emotionale Belastung durch die vor zwei Wochen auf dem Festland erlebte Tragödie“. Das Valencia-Trauma sitzt tief.12 Uhr mittags, 30. September. Die rote Warnstufe gilt noch vier Stunden. Die Niederschläge halten an. Die Rettungskräfte arbeiten weiter. Straßen bleiben gesperrt. Busse fahren nicht. Schulen sind geschlossen. Der Krankenhausbetrieb ist gestört. In mehreren Gemeinden fällt der Strom aus.Die Feuerwehr registriert zwei Landwirtschaftsbrände trotz des Regens. Ein Steinschlag wird gemeldet. Mehrere Personen müssen aus ihren Fahrzeugen gerettet werden. Sie sind in Wasserlachen auf Straßen stecken geblieben. Die Autos werden zu Fallen.Am Nachmittag werden alle Schulen auf Ibiza und Formentera geschlossen. Eine präventive Maßnahme. Die Behörden wollen kein Risiko eingehen.AEMET-Meteorologen erwarten eine Abschwächung ab dem späten Nachmittag. Die Prognose für die nächsten 24 Stunden: Nachlassende Intensität nach 16 Uhr. Mögliche gelbe Warnstufe danach. Stabilisierung am 1. Oktober. Vereinzelte Gewitter bleiben möglich, aber weniger intensiv. Deutliche Verbesserung ab Mittwoch.Die Rechnung kommt späterDie Behörde Consell de Ibiza arbeitet mit Straßenbaubrigaden an der Normalisierung. Geröll wird von Nebenstraßen geräumt. Der Zeitrahmen für eine vollständige Wiederherstellung: unklar.Die wirtschaftlichen Schäden: noch nicht beziffert. Die Tourismusbranche: besorgt. Die Infrastruktur: überfordert. Die Lehren aus Valencia: nicht gezogen.Das spanische Wetterphänomen hat auch internationale Aufmerksamkeit erregt. Die britische Presse berichtet über gestrandete Touristen. Deutsche Reiseveranstalter prüfen Umbuchungen. Die Nachsaison auf Ibiza, normalerweise eine ruhige Zeit für Stammgäste und Langzeiturlauber, wird zur Herausforderung.Ibiza hat Glück. Niemand stirbt. Die Wassermassen zerstören Eigentum, nicht Leben. Das Abwassersystem kollabiert, aber keine Brücken. Container treiben durch die Straßen, keine Leichen.Ex-Hurrikan Gabrielle zieht weiter. Er hinterlässt eine überflutete Insel mit geplatzten Kanalisationen, gesperrten Straßen und einem überschwemmten Krankenhaus. Er hinterlässt auch eine Gewissheit: Das nächste Mal kommt bestimmt. Die Infrastruktur wird wieder versagen. Die Container werden wieder schwimmen. Nur die Toten – die bleiben hoffentlich aus.Die Aufräumarbeiten werden Tage dauern. Die Diskussion über notwendige Infrastrukturverbesserungen wird Wochen anhalten. Die Umsetzung wird Jahre brauchen. Oder nie kommen.
Ibiza geht unter: Die Straße existiert nicht mehr. An ihrer Stelle fließt ein brauner Fluss - WELT
Sturzflut auf Ibiza: Binnen einer Stunde fallen fast Dutzende Liter Regen pro Quadratmeter. Straßen werden zu Flüssen, ein Krankenhaus steht unter Wasser. Ein Unwetter legt die Insel lahm – und bei den Einwohnern wächst die Wut.









