Die Abschaffung des Fegefeuers durch die Protestanten beraubte die Katholische Kirche nicht nur einer unerschöpflichen Einnahmequelle. Sie verursachte einen Kulturwandel, der bis heute nachwirkt. Die Rolle der Geister beispielsweise war vorher klar anders geregelt als hinterher. Vorher kamen sie aus dem Purgatorium gern mal auf einen Sprung rüber in die reale Parallelwelt und erledigten dort die eine oder andere Sache, für die zu Lebzeiten keine Zeit mehr geblieben war.Die Zeit ist aus den FugenDie Geister der Toten konnten dabei auf das Verständnis der Überlebenden zählen, man kommt ja zu nichts. Nach der Reformation war allerdings Schluss mit den lustigen Stippvisiten. Fortan blieben die Toten im Himmel. Und wer von dort auf die Erde kam, war entweder ein Engel, irgendein anderer Abgesandter des Herrn oder gar ein Teufel aus der Hölle. Für den Prinzen Hamlet war die Zeit um 1600 erst kürzlich aus den Fugen geraten, erst jüngst etwas faul im Staate Dänemark. Entsprechend verwirrt und schockiert reagierte er auf die Begegnung mit dem Geist seines Vaters, der Rache für seine Ermordung fordert. Viereinviertel Jahrhunderte später sieht die Sache aus anderen Gründen kaum anders aus. Ständig wird dem Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen, ständig gilt nicht mehr, was er eben noch zu glauben geneigt war. Neue Formen von Fake News und Nichtwissen führen zu permanenten Identitätskrisen. Und dann zerfällt auch noch Europa, wie das Schauspielhaus in der „Hamlet“-Ankündigung mitteilt. Castorf kombiniert „Hamlet“ und „Hamletmaschine“Da liegt es nah, die Saison mit der größten Tragödie aus der Feder William Shakespeares zu eröffnen, mit einer aktuellen Verordnung des weltgrößten Schauspielers, Kriegers und Grüblers. In der Inszenierung durch Altmeister Frank Castorf wird die Frage „Sein oder Nichtsein“ aber nicht nur von Hamlet in Gestalt des Schauspielers Paul Behren gestellt. Da geht es gleich um die ganze, krisengeschüttelte Welt. Illegale Grenzüberschreitungen und Machtergreifungen sind an der Tagesordnung. Diktatoren und Autokraten führen Kriege, arbeiten auf Bürgerkriege hin und unterdrücken ihre Völker effektiver denn je. Castorf kombiniert Shakespeares Hamlet 2025 mit der zivilisationskritischen „Hamletmaschine“ von Heiner Müller, einer Racheschrift gegen den von der Sowjetunion niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956. Müllers Welt war aus den Fugen, er brachte keine Dialoge zustande. Also schrieb er vitalistische Monologe. Statt Hamlet spricht bei Müller der Hamletdarsteller: „Mein Drama findet nicht mehr statt.“ Ophelia und andere sind des Lebens überdrüssig. Hamlets berühmte Frage „Sein oder Nichtsein“ bezieht Müller auf nicht weniger als die ganze Menschheit, die ganze Welt.Star-Ensemble um Paul BehrenFrank Castorf hat den „Hamlet“ schon einmal inszeniert, am Schauspiel Köln. 1989 verpflichtete ihn der Intendant Klaus Pierwoß als ostdeutschen Regisseur an einem westdeutschen Theater. Pierwoß leitete von 1994 bis 2007 als Generalintendant das Bremer Theater, während Castorf von 1992 bis 2017 die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz prägte.Neben Behren in der Titelrolle spielen bei Castorf, ohne feste Rollenzuschreibung: Daniel Hoevels, Jonathan Kempf, Matti Krause, Josef Ostendorf, Alberta von Poelnitz, Linn Reusse, Angelika Richter sowie Lilith Stangenberg. Marthaler vollendet Trilogie im MalersaalDie zweite große Premiere der anlaufenden Saison geht am 9. Oktober im Malersaal über die Bühne, wo der Ibsen-Preisträger Christoph Marthaler „Mein Schwanensee“ herausbringt, einen Abend, der eher unbekannte, poetische Texte der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vorstellt, die sich seit 2004 weitgehend aus dem öffentlichen Leben verabschiedete. Mit der Uraufführung beschließt Marthaler eine Trilogie, die Texte zurückgezogen lebender Autoren vorstellt. „Die Sorglosschlafenden/ Die Frischaufgeblühten“, der erste Teil, präsentierte Gedichte von Freidrich Hölderlin, der, als unheilbar geisteskrank aus einer Anstalt entlassen, die restlichen 36 Jahre seines Lebens in einem Turmzimmer. Der amerikanischen Dichterin Emily Dickenson, die ihr Zimmer in ihrem Elternhaus kaum verließ, seit sie Mitte 20 war, widmete Marhaler den zweiten Abend „Im Namen der Brise“. Spielen werden in „Mein Schwanensee“ der gebürtige Norweger Magne Håvard Brekke, der studierte Dirigent Bendix Dethleffsen, die Theatermusikerin Fee Aviv Dubois, Josefine Israel, Sasha Rau und Samuel Weiss. Wie bei Marthaler üblich, dürften Spiel und Musik eine glückliche Verbindung eingehen. „Vampire's Mountain“ von Phillippe Quesne Mit den beiden erwähnten Stücken ist der Premierenreigen im Oktober am Schauspielhaus, das den neuen Intendanten an Thalia Theater und Staatsoper im September den Vortritt ließ, nicht zu Ende. Der französische Regisseur Phillippe Quesne, von dem in Hamburg zuletzt 2024 „Der Garten der Lüste“ auf Kampnagel zu sehen war, widmet sich Vampirwelten.Die Uraufführung „Vampire’s Mountain“ schlägt ihre Zähne am 16. Oktober tief in die Halsschlagadern der Zuschauer. Vielleicht ist Rettung möglich, denn Quesne ist für seinen humorvollen Umgang mit düsteren Themen bekannt. Auch arbeitet er in seinem Theater gern auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Mit ein wenig Glück kommt also ein gewisser Abraham van Helsing zu Wort, bevor die Nacht erwacht und kann ein paar Tipps geben, wie der Biss abgewehrt werden kann. Reicht ein Kreuz auf einem Smartphone-Display, um Vampire in die Flucht zu schlagen, oder muss es dreidimensional sein? „Sein oder Nichtsein?“ ist auch unter Untoten eine gern gestellte Frage.Deutsches Schauspielhaus: 3. Oktober: „Hamlet“; 9. Oktober: „Mein Schwanensee“; 16. Oktober: „Vampire’s Mountain“
Saisonstart: Dabeisein oder Nichtsein? - WELT
Frank Castorf beschwört am Tag der Deutschen Einheit mit „Hamlet“ nach Shakespeare am Deutschen Schauspielhaus den Geist der Rache im zerfallenden Europa. Christoph Marthaler kittet es anschließend mit „Mein Schwanensee“






