PfadnavigationHomeInvestigativ30.000-Euro-AuftragWie eine AWO-Tochterfirma eine Detektei auf einen Journalisten ansetzteVon Amin Al MagrebiVeröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 5 MinutenDie systematische Korruption in der AWO Frankfurt kam bereits 2019 ans Licht. Die juristische Aufarbeitung der Affäre dauert jedoch bis heute anQuelle: Arne Dedert/dpaDer Frankfurter AWO-Skandal gilt als eine der größten Korruptionsaffären in der Geschichte des Sozialverbands. Bei der juristischen Aufarbeitung tritt ein weiterer Skandal zutage: Eine AWO-Tochterfirma ließ einen Journalisten bespitzeln. Eine Rekonstruktion.Es war eine der größten Korruptionsaffären in der Geschichte der Arbeiterwohlfahrt. Es ging um die Veruntreuung von Millionen Euro gemeinnütziger und öffentlicher Gelder. Die damaligen Geschäftsführer der AWO-Kreisverbände in Frankfurt und Wiesbaden wurden überführt, unter anderem über Jahre hinweg systematisch überhöhte Gehälter bezahlt und überteuerte Aufträge vergeben zu haben, auch ohne tatsächliche Gegenleistungen.Nun bringt ein laufendes Gerichtsverfahren um eine AWO-Tochtergesellschaft einen ebenso großen Skandal ans Licht: Während Lokalreporter das korrupte System in den zwei hessischen Kreisverbänden an die Öffentlichkeit bringen wollten, zahlte die Sicherheitsfirma „AWO Protect“, die eigentlich für die Bewachung von Flüchtlingsheimen zuständig war, 30.000 Euro an eine Privatdetektei. Sie hatte den Auftrag, sowohl die Informanten innerhalb der AWO als auch einen Journalisten der „Frankfurter Neuen Presse“ (FNP) auszuspionieren. Zuerst berichtete die „Hessenschau“.In einer Mail, die WELT vorliegt, bestätigt die Staatsanwaltschaft Frankfurt den 30.000-Euro-Auftrag. „Um welchen Journalisten es sich gehandelt hat, ist hier nicht bekannt.“ Gegenüber WELT bestätigt die Staatsanwaltschaft jedoch, die Überweisung sei Mitte August 2019 erfolgt. Diese Redaktion sprach mit einem Journalisten, der nach bisherigen Recherchen betroffen sein dürfte.RückblickVor dem Hintergrund der Migrationskrise gründet die AWO Frankfurt 2017 die Sicherheitsfirma „AWO Protect gGmbH“ als eigenen Dienstleister für die Flüchtlingsunterkünfte, die der Kreisverband betreibt. Die AWO-Tochtergesellschaft wird von Klaus R. geleitet.Im Frühjahr 2019 berichtet ein Reporter der „FNP“ über intransparente Geschäfte der AWO Frankfurt. Dabei nennt er zum ersten Mal die „AWO Protect“.Ab Juni 2019 bahnt sich ein Skandal an. Der Journalist beginnt, Ungereimtheiten in den Finanzen von Asylunterkünften aufzudecken, die von der AWO Frankfurt betrieben und von der Stadt Frankfurt finanziert werden. Zunächst geht es nur um eine Summe von rund 200.000 Euro. Von Millionenbeträgen ist noch keine Rede.Zwei Monate später gerät die Lawine ins Rollen. Nun kommen undurchsichtige Geldbewegungen zwischen den AWOs in Frankfurt und Wiesbaden ans Licht, die auf ein Korruptionsgeflecht hindeuten. Im Fokus stehen die damaligen Geschäftsführer der beiden hessischen Kreisverbände, Jürgen und Hannelore Richter. Beide standen seit 1993 beziehungsweise 2006 an der Spitze der AWO in Frankfurt und Wiesbaden. Neben Untreue stehen auch Vorwürfe der Vetternwirtschaft im Raum.Lesen Sie auchIm Bericht über den „AWO-Komplex“ wird nun auch Klaus R. genannt. R. war zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig Geschäftsführer von „AWO Protect“ und der „Leiter der Abteilung Kindertagesstätten der AWO FFM“.Wenige Tage bevor dieser Bericht erscheint, überweist „AWO Protect“ unter der Führung von Klaus R. die Summe von 30.000 Euro an die externe Privatdetektei, um die Maulwürfe in den eigenen Reihen aufzuspüren. Doch der Versuch, den Skandal zu vertuschen, scheitert. Medienberichte zeigen kontinuierlich auf, wie breit angelegte Korruptionsnetzwerke bis in die Politik hineinreichen. Im Sozialverband wurden demnach über Jahre hinweg Kosten systematisch überhöht und Gelder zweckentfremdet. Ein Höhepunkt der Affäre ist die Verwicklung der damaligen Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD): Sie hatte ein Scheinarbeitsverhältnis bei einem Förderverein der AWO. Darüber stürzt Ende 2022 Peter Feldmann selbst. Bei einem Bürgerentscheid wird er mit 95 Prozent Zustimmung Ende 2022 abgewählt.Auch die Hintermänner bei der AWO müssen für ihr Handeln Konsequenzen tragen. Jürgen Richter lässt im Dezember 2019 seine Ämter ruhen. Ende 2023 wird er rechtskräftig zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von rund 1,8 Millionen Euro verurteilt.Für die Tochterfirma „AWO Protect“ kommt eine verschleppte Insolvenzanmeldung im Februar 2020 hinzu. Im April 2023 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den damaligen Geschäftsführer Klaus R. Im vergangenen Juni gibt er ein Geständnis ab. Darin äußert er sich jedoch nicht zum Detektivauftrag.Wen wollte „AWO Protect“ ausspionieren?Der Staatsanwaltschaft Frankfurt zufolge soll der 30.000-Euro-Auftrag auch einem „FNP“-Journalisten gegolten haben. Damaliger Initiator der Recherchen bei der Regionalzeitung war Daniel Gräber. Heute ist Gräber Mitglied der Chefredaktion beim Online-Magazin „Apollo News“.Gräber war jener Journalist, der den Skandal ins Rollen brachte. Bereits ab Frühjahr 2019 hatte er sowohl die Frankfurter AWO unter Jürgen Richter als auch „AWO Protect“ unter Klaus R. im Visier. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Detektei Gräbers Quellen enttarnen sollte, bevor die Öffentlichkeit mehr über die AWO-Korruption erfährt.Unklar ist, inwiefern der Auftrag tatsächlich ausgeführt wurde und ob Gräber und seine AWO-Quellen auch wirklich ausgespäht wurden. WELT wollte von der AWO Frankfurt wissen, welchen Zeitraum und welche Zielpersonen der Auftrag betraf. Die Arbeiterwohlfahrt ließ die Fragen jedoch unbeantwortet.Lesen Sie auchIm Gespräch mit WELT sagt Gräber, der aktuelle Chef des AWO-Kreisverbands Frankfurt, Steffen Krollmann, habe ihm in einem Telefonat mitgeteilt, dass er erst durch die Presse erfahren hätte, dass ein Detektiv auch gegen den „FNP“-Journalisten eingesetzt worden sei. Der Auftrag sei jedoch über die Tochterfirma AWO Protect gelaufen. Da habe die AWO keinen Zugriff auf die Akten, da diese sich beim Insolvenzverwalter befänden.Zum Vorfall sagt Gräber: „Dass die Führung eines gemeinnützigen Wohlfahrtsverbandes die Notlage der Migrationskrise ab 2015 ausgenutzt hat, um sich auf kriminelle Weise zu bereichern, ist schlimm genug. Dass sie dann noch den Lokalreporter ausspähen lässt, der diesen Skandal aufgedeckt hat, ist ungeheuerlich.“„Ungeheurer Vorgang“Gegenüber WELT bezeichnet Knud Zilian, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Hessen, den Vorfall als Skandal. Sollte sich der Verdacht vor Gericht bestätigen, „so würde das einen ungeheuren Vorgang im Umgang mit Journalisten darstellen.“„Journalisten oder Journalistinnen durch Detektive bespitzeln zu lassen und das aus den Reihen einer gemeinnützigen Organisation, ist ein weiterer Skandal“, so Zilian weiter. Die Veruntreuung von Vereinsgeldern könne „nur im Kontext des gesamten unrühmlichen Skandals um die Hessische AWO und dem Gebaren früherer Spitzen gesehen werden“.Ein solcher Umgang mit Journalisten dürfe sich nicht wiederholen. „Vor allem muss klar werden, dass Journalisten und Journalistinnen, die so etwas aufdecken, keine Detektive auf den Hals gehetzt werden dürfen, um sie zu diskreditieren.“Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).