PfadnavigationHomeWissenschaftMenschliche EvolutionDie drei rätselhaften Schädel aus ChinaVon Sonja KastilanVeröffentlicht am 06.10.2025Lesedauer: 7 MinutenZwei verformte Schädelfossilien aus China und ein Replikat zur Rekonstruktion (Mitte)Quelle: Guanghui ZhaoZerquetscht, verformt, versteinert: Für Vergleichsanalysen waren diese menschlichen Fossilien bisher schlecht geeignet. Doch Anthropologen haben jetzt eine digitale Rekonstruktion erstellt – und das Rätsel der Herkunft möglicherweise gelöst.Die digitale Rekonstruktion eines rund eine Million Jahre alten Schädels stellt das bisherige Wissen über die menschliche Evolution wortwörtlich auf den Kopf. Zumindest sind manche der beteiligten Anthropologen davon überzeugt. Ihnen zufolge deutet die neue Analyse eines bereits 1990 in China entdeckten zertrümmerten Fossils unter anderem darauf hin, dass sich der moderne Mensch, Homo sapiens, 400.000 Jahre früher, als bisher auf Basis von Erbgutanalysen angenommen wurde, von anderen menschlichen Vorfahren abgespalten hat.Die meisten menschlichen Gebeine aus den vergangenen 800.000 Jahren wurden bislang auf fünf Hauptzweige zurückgeführt: den asiatischen Homo erectus, Homo heidelbergensis, Homo sapiens, Homo neanderthalensis und Homo longi, auch als Drachen-Mann bekannt, mit dem die Denisova-Menschen offenbar verwandt sind. Die Bezeichnung Homo longi wurde erst 2021 für einen mehr als 146.000 Jahre alten Schädel geschaffen, den man bei in der Nähe von Harbin im Nordosten Chinas entdeckt hatte. Komplexe VerwandtschaftsverhältnisseNun lässt eine in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie annehmen, dass sich die Abstammungslinien dieser fünf Gruppen bereits vor mehr als einer Million Jahren voneinander trennten. Was laut den Studienautoren belegt, dass die Geschichte unserer Ursprünge nicht nur älter, sondern außerdem viel komplexer ist, als bisher angenommen. Allerdings geht ihre Interpretation des Fundstücks „Yunxian 2“ in dessen Bedeutung zu weit, sie leiten zu viel anatomischen Ähnlichkeiten ab – und lassen wichtige molekulare Indizien außer Acht.Die aktuelle Analyse von Yunxian 2 hat ein Team unter der Leitung von Forschern der Fudan-Universität in Shanghai und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking vorgenommen. Neben zwölf chinesischen Wissenschaftlern ist mit Chris Stringer ein erfahrener britischer Paläoanthropologe vom Naturhistorischen Museum in London an der Studie beteiligt. Lesen Sie auchBei Ausgrabungen 20 Kilometer westlich von Yunyang – früher Yunxian – in der zentralchinesischen Provinz Hubei wurden bislang drei Schädel neben Tierknochen und Steinwerkzeugen entdeckt. Der dritte Fund aus dem Jahr 2022, Yunxian 3, wird noch näher untersucht, soll aber in einem guten Zustand sein, was bei den ersten beiden nicht der Fall ist: Diese menschlichen Fossilien konnten 1990 an der Fundstätte Xuetangliangzi am Han-Fluss nur zerquetscht und teils stark verformt geborgen werden, wobei Yunxian 2 die Jahrtausende etwas besser überstanden hat.Lesen Sie auchAn dem fragmentierten Fundstück versuchte das Team mithilfe CT-Technik, Strukturlichtbildgebung und ausgefeilter virtueller Rekonstruktionstechniken die ursprüngliche Form auf Basis der erhaltenen Fragmente wieder herzustellen. Anschließend wurde diese mit mehr als 100 anderen Fossilien verglichen.Der rekonstruierte Schädel beschreiben die Forscher als eine einzigartige Kombination aus primitiven und weiterentwickelten Merkmalen. Er weise einerseits einen großen, gedrungenen Schädel und einen auffällig hervorstehenden Unterkiefer auf, worin Yunxian 2 offenbar dem archaischen Homo erectus ähnelt. Gleichzeitig fänden sich im Gesicht und im hinteren Teil des Schädels schon typische Merkmale wie man sie von evolutionär jüngeren Arten wie dem Homo longi und Homo sapiens kennt, zu diesen passe auch das größere Gehirnvolumen.Was macht diesen Eiszeit-Typen aus?Aufgrund des geschätzten Alters und der archaischen Stirn mit ausgeprägten Brauenwülsten war der Schädel bislang einem Homo erectus zugeordnet worden. Die Ergebnisse könnten somit etwas Licht in die wenig erforschte Phase der menschlichen Evolution im mittleren Pleistozän bringen; diese Epoche des Eiszeitalters umfasst die Zeit von vor etwa 774.000 bis 129.000 Jahren. Sowohl die H. sapiens- als auch die H. longi-Gruppe – beide haben laut dem Anthropologen-Team tiefe Wurzeln, die über das mittlere Pleistozän hinausreichen, und durchliefen womöglich eine ebenso schnelle wie frühe Diversifizierung. Yunxian 2 könnte sich archaische Züge bewahrt haben, die nahe zu den Ursprüngen dieser beiden Abstammungslinien liegen.Die Ergebnisse lassen darauf schließen, „dass sich unsere Vorfahren bereits vor einer Million Jahren in verschiedene Gruppen aufgeteilt haben, was auf eine viel frühere und komplexere Aufspaltung der menschlichen Evolution hindeutet, als bisher angenommen“, erklärt Anthropologe Chris Stringer. Das Fundstück Yunxian 2 könnte helfen, das zu lösen, was Stringer mit britischem Humor als ‚muddle in the middle‘, Durcheinander in der Mitte, bezeichnet: „Also die verwirrende Vielfalt menschlicher Fossilien aus der Zeit zwischen 1 Million und 300.000 Jahren vor heute“, erklärt der britische Anthropologe. „Fossilien wie Yunxian 2 zeigen, wie viel wir noch über unsere Ursprünge lernen müssen.“Lesen Sie auchDie Neubetrachtung der chinesischen Fossilien legt laut den Studienautoren in einer Mitteilung des Natural History Museum in London nahe, dass es frühere Mitglieder der Heidelbergensis-, Neandertaler-, Sapiens- und Longi-Linien geben muss, „die darauf warten, entweder anerkannt oder entdeckt zu werden“.„Ich halte es für gut, wenn ‚Science‘ provokative Studien wie diese veröffentlicht. Sie können dazu beitragen, dass sich die Fachwelt mit einigen der schwierigsten Probleme auseinandersetzt“, kommentiert US-Anthropologe John Hawks, Professor an der University of Wisconsin in Madison, die Veröffentlichung in seinem populären Blog. Aber die Schlagzeilen, die er dazu gelesen habe, seien allesamt Unsinn: Die Studie schreibe die menschliche Evolution nicht neu, weise nicht auf einen früheren Ursprung des modernen Menschen hin – und sie zeichne auch nicht den Stammbaum der Menschheit neu. Was die Autoren aber anklingen lassen.Hawks‘ harsche Kritik an den Medien, aber auch an der Gesamtanalyse ist durchaus berechtigt, denn die anatomischen Vergleiche wurden nicht in einen Zusammenhang mit bisherigen Ergebnissen aus DNA- oder Protein-Untersuchungen gebracht. Dabei existieren inzwischen robuste molekulare Vergleiche zwischen Neandertalern, Denisova-Menschen und Homo sapiens.Anfang 2025 konnte Qiaomei Fu und ihr Team beispielsweise im Fachjournal „Cell“ zeigen, dass der Harbin-Schädel, alias Homo longi, eine sogenannte mitochondriale DNA-Sequenz aufweist, die innerhalb der Variation von menschlichen Überresten aus der Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge liegt. Und auch Protein-Vergleiche stellen in „Science“ eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen dem Drachen-Mann und Denisova-Menschen her.
Menschliche Evolution: Homo longi – und das Rätsel der drei Schädel aus China - WELT
Zerquetscht, verformt, versteinert: Für Vergleichsanalysen waren diese menschlichen Fossilien bisher schlecht geeignet. Doch Anthropologen haben jetzt eine digitale Rekonstruktion erstellt – und das Rätsel der Herkunft möglicherweise gelöst.






