Österreich ist „das gelobte Land“ oder gar „das Paradies“. Wer am vergangenen Sonntag oder Montag die Nachrichten in Deutschland verfolgt hat, kam angesichts des Überschwangs der Kolleginnen und Kollegen bei der Beschreibung des Nachbarlands nicht mehr aus dem Staunen heraus. Tatsächlich ging es nicht um die Reformfreudigkeit der politischen Akteure in Österreich, die nicht stärker ausgeprägt ist als in der Bundesrepublik. Es ging um die Bahn, die in Österreich wirklich in einem deutlich besseren Zustand ist als das Eisenbahnwesen in Deutschland. Das fängt beim Schienennetz an, geht über das Angebot im Speisewagen bis zur Verfügbarkeit von Wlan an Bord. Aber es ist vor allem die Pünktlichkeit von Zügen, die Bahnfahrer in Deutschland von ihren Erfahrungen in Österreich schwärmen lässt.Während zuletzt in Deutschland fast die Hälfte der Fernzüge Verspätungen aufweisen, erreichen bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) rund 94 Prozent der Züge ihr Ziel pünktlich. Weil das Chaos bei der Deutschen Bahn schier unerträgliche Ausmaße erreicht hat, wurde Bahn-Chef Richard Lutz Mitte August gefeuert. Seither kursierte der Name Christian Kern, der frühere ÖBB-Chef und Kanzler galt als aussichtsreichster Kandidat. Aber ein Sozialdemokrat, der von Gewerkschaftskreisen gepusht wurde – das war dem neuen Verkehrsminister Patrick Schnieder von der CDU dann doch zu viel. Zumal in Evelyn Palla bereits eine Managerin in Diensten der Deutschen Bahn stand, die über Erfahrungen bei den ÖBB verfügt und in ihrem Zuständigkeitsbereich, dem Regionalverkehr, ganz gute Zahlen vorzuweisen hat. Mit ihr konnte der Minister am Montag nach 190 Jahren Deutsche-Bahn-Geschichte die erste Frau an der Spitze präsentieren.Weil Palla Südtirolerin ist und bei den ÖBB Vorstandsmitglied für den Personenverkehr war, wurde sie in manchen deutschen Medien gleich zur Österreicherin erklärt. Umgekehrt vergaß man in den Veröffentlichungen in Österreich nicht zu erwähnen, dass die 52-Jährige ja hierzulande das Bahnmanagement gelernt habe. Auf Palla, die auch den Lokführerschein gemacht hat, kommt jedenfalls eine schwierige Aufgabe zu. Denn im Unterschied zu Österreich hat man in Deutschland die Infrastruktur – nicht nur bei der Bahn – in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt. Auch die zugesagten Milliardeninvestitionen werden keine schnelle Abhilfe bei dem vergleichsweise riesigen Schienennetz bringen, weshalb der Verkehrsminister noch vor dem Amtsantritt der neuen Bahn-Chefin am 1. Oktober die Pünktlichkeitsziele gesenkt hat. 70 Prozent ist das neue Ziel – und das erst im Jahr 2029.Auch wenn Pallas Bestellung in den deutschen Medien durchwegs positiv beurteilt wurde, so schwingt Skepsis über die Reformpläne mit, die einer just am Abend ihrer Präsentation öffentlich aussprach: Christian Kern war, auf Einladung des Verbandes der Güterbahnen und Mofair, bei einer Veranstaltung zu Gast in Berlin. Mit diesen „minimalinvasiven Maßnahmen und Überlegungen“ könnte das Problem nicht gelöst werden, ließ er wissen und beschied: „Für so etwas werde ich mit nassen Fetzen in Österreich davongejagt.“ Zuhörerinnen und Zuhörer konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier nachdrücklich jemand selbst empfahl für eine Aufgabe. Als Bahn-Sanierer war Kern tatsächlich erfolgreicher denn als Manager der Politik im Kanzleramt. Dort ist er nicht nur an Sebastian Kurz und seinen Methoden, die das Absägen von Kerns Vizekanzler Reinhold Mitterlehner mit unlauteren Mitteln beinhaltete, gescheitert, sondern auch an sich selbst.Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Gleich kostenlos anmelden.