Jedes Jahr sind sie wieder ein Aufreger, die Preise auf dem Oktoberfest. In fast allen großen Festzelten kostet die Mass Bier inzwischen mehr als 15 Euro. Dazu ein Hauptgericht, und ruckzuck ist man einen Fünfzig-Euro-Schein los. Für viele Münchnerinnen und Münchner ist das ein Luxus, den sie sich nicht leisten können.Deshalb findet immer am ersten Wiesn-Montag die Aktion „Wiesn mit Herz“ statt, an dem teilnehmende Wiesnwirte und -wirtinnen sozial benachteiligte Menschen zum Mittagessen auf die Wiesn einladen. Acht große Zelte nehmen heuer an der Aktion teil (Armbrustschützenzelt, Augustiner, Bräurosl, Fischer Vroni, Hacker, Marstall, Schottenhamel, Schützenfestzelt) und verköstigen insgesamt rund 1150 Gäste, die von verschiedenen sozialen Münchner Einrichtungen vorgeschlagen und vom städtischen Sozialreferat ausgewählt wurden.Oktoberfest 2025 - die erste Woche:Halbzeitbilanz: 3,5 Millionen Gäste waren bisher auf der WiesnWeniger Gäste, mehr Straftaten und mehr Wasser - so lässt sich die erste Hälfte des Oktoberfests zusammenfassen. Weil am Samstagnachmittag trotzdem zu viele Leute auf die Theresienwiese drängten, musste die Polizei das Gelände vorübergehend sperren.Eine von ihnen ist die 98-jährige Maria Glas; sie ist im Schottenhamel mit dabei. Hier sei sie schon als junge Frau immer mit Freunden hergekommen, erzählt sie im Gespräch. Glas war vergangenes Jahr erstmals auf die Wiesn mit Herz eingeladen. Da habe sie gleich den Oberbürgermeister kennenlernen dürfen, berichtet sie stolz, und auch in diesem Jahr habe Reiter nach seiner Ansprache wieder an ihrem Tisch vorbeigeschaut.Mag es am OB liegen oder an ihrem Naturell, beim Erzählen strahlt Glas unentwegt. Ohnehin ist sie eine Erscheinung, der man ihr Alter kaum glauben mag. Sie hat ihr Haar in perfekte Wellen gelegt, ein dezentes Make-up aufgetragen und trägt abgestimmt auf den Lippenstift Ton in Ton ein rosafarbenes Ensemble aus Hose, Pullover und Halstuch. Wenn sie ein Dirndl hätte, hätte sie schon eins angezogen, sagt sie. „Aber jetzt brauch ich’s nimmer.“Der Trubel im Zelt macht Glas nichts aus, ganz im Gegenteil. Hier ist sie in ihrem Element, denn die Musik liegt ihr im Blut. Schon mit 13 Jahren habe sie am Trapp’schen Konservatorium in München angefangen, Musik zu studieren. Direktor Trapp habe sie damals persönlich in ihrem Hauptfach Geige unterrichtet und geweint, als sie sich nach sechs Semestern trotzdem fürs Tanzen entschieden hat. „Das Ballett hat mir noch besser gelegen“, erklärt sie. „A bissl an Vogel hab’ ich scho’ g’habt!“Mit 17 Jahren wird Maria Glas die jüngste Trambahn-Schaffnerin in ganz MünchenGlas hat nie im Orchester gespielt oder im großen Ensemble getanzt. „Ich wollte lieber eine Solistin sein“, sagt sie, denn mit dem Anpassen habe sie sich immer schwergetan. Mit 16 geht die gebürtige Eggenfeldenerin für ihr erstes Engagement nach Berlin. „Das war 1943. Dann ist nach einem Jahr der totale Krieg angegangen. Die Theater und kulturellen Einrichtungen wurden alle geschlossen und dann wurde man dienstverpflichtet.“Glas kommt nach München zurück – und wird mit 17 Jahren die jüngste Trambahn-Schaffnerin der Stadt. Darauf ist sie heute noch stolz. Ihre Mutter, die selbst bei der Tram beschäftigt war, habe sich für sie eingesetzt, damit sie nicht in einer Munitionsfabrik arbeiten musste. „Das war wunderbar, weil ich da wieder frei war wie zuvor auch.“Oktoberfest 2025:Die Frau, die auf der Wiesn Bier zapftAngelika Schlicht arbeitet in einer Männerdomäne auf dem Oktoberfest: der Schänke. Schmerzen und dumme Sprüche gehören dazu. Warum macht sie das?Weil sie nach dem Krieg wieder in ihren Beruf einsteigen will, aber alle Theater zerstört sind, tanzt Glas neben anderen Artisten und Akrobaten in den Clubs der Amerikaner, die Schauen zur Unterhaltung veranstalten. Danach lernt sie ihren Mann kennen, der Sänger ist, und geht mit ihm unter den Künstlernamen Clarissa und Charlie Glas 20 Jahre lang auf Tournee quer durch Europa. Ihren Sohn Charlie, der auch Berufsmusiker geworden ist, bekommt Glas erst mit 40 – „weil ich vorher keine Zeit g’habt hab“, wie sie erklärt.Mit ihrem Sohn gehe sie heute noch ab und zu auf die Wiesn, sagt Glas – er lädt sie ein. Doch ihre schönsten Erinnerungen ans Oktoberfest lägen in der Kindheit. Damals durfte sie immer nach der Schule auf die Wiesn, weil dort ihre Mutter gegen Marken bei der Polizei ausgeholfen habe. „Dann habe ich von den Polizisten Würschtl und Freikarten gekriegt und hatte natürlich gleich einen Haufen Freunde. Das war für mich das Höchste.“Eine Brühe als Vorspeise, ein halbes Hendl mit Kartoffelsalat und ein Getränk stehen an diesem Tag auf dem MenüplanSpäter sei Glas berufsbedingt nicht mehr so oft auf die Wiesn „rausgegangen“, höchstens mal mit ihrem Mann und mit Freunden, die inzwischen aber alle gestorben seien. Doch auch bei der Wiesn mit Herz kennt man sich am Tisch, zum Beispiel vom gemeinsamen Musizieren oder Gymnastik machen.Oktoberfest-Fakten:Was selbst Münchner nicht über die Wiesn wissenWelcher Bürgermeister rief "Izapft os"? Wer bringt den Löwen zum Brüllen - und was macht die Bierpolizei? Drehen Sie ein paar Runden in unserem Oktoberfest-Generator!Das Menü besteht an diesem Tag aus einer klaren Brühe als Vorspeise und einem halben Hendl mit Kartoffelsalat. Dazu bekommt jeder ein Getränk seiner Wahl. Das macht etwa 50 Euro pro Person, die die Wirte übernehmen. „Die Preise auf der Wiesn sind explodiert, das kann man sich alles nimmer vorstellen“, meint Maria Glas. Auch während des übrigen Jahres gehe sie selten auswärts essen und kocht daheim noch selbst.Ihre Definition von Luxus hat wenig mit Geld zu tun: „Wenn es mir gut geht, ich zu essen habe, meine Freiheit habe und meine Arbeit machen kann, das ist Luxus. Ich habe eine herrliche Ehe gehabt, war 78 Jahre mit meinem Mann verheiratet und bin alt geworden.“ Erst vor acht Jahren hat Glas das Tanzen aufgehört. Auf dem Weg durchs Festzelt, während sie sich mit der rechten Hand am Gehstock und mit der linken an ihrer Begleitung festhält, kann sie aber ihre Füße noch immer nicht stillhalten und lässt sie zur Musik ein paar Schritte tänzeln.
Oktoberfest: Eine 98-Jährige zu Besuch im Festzelt
Maria Glas gehört zu einer der ältesten Wiesn-Gästinnen. Welche Kindheitserinnerungen sie ans Volksfest hat und was sich seitdem verändert hat.








