PfadnavigationHomeGeschichteSchriften der FeldmesserDiese Spezialisten bewiesen täglich, dass Rom die Welt beherrschteVeröffentlicht am 22.10.2025Lesedauer: 8 MinutenRömische Agrimensoren (Vermessungsingenieure) bei der ArbeitQuelle: De Agostini via Getty Images/DE AGOSTINI PICTURE LIBRARYZu den schwierigsten Texten der Antike gehören die Schriften der römischen Landmesser. Mit ihrer Technik wurden Städte und Militärlager geplant und Grenzen festgelegt. Damit bewies Rom, dass es über Länder und Völker verfügen konnte.Die Geschichte von Rom beginnt mit einem Brudermord. Romulus will eine Stadt gründen. Mit einem Hakenpflug zieht er eine Furche, die die künftige Heimat von der Welt da draußen trennt. Als er darauf mit dem Bau einer Mauer beginnt, macht sein Zwillingsbruder Remus einen Sprung darüber, um das Projekt zu verhöhnen. Romulus gerät darüber derart in Zorn, dass er Remus erschlägt.Denn die Grenze seiner Stadt soll heilig sein. Das geschah im Jahr 753 v. Chr., berichtet der Historiker Livius (ca. 59 v. Chr.–17 n. Chr.). Damit setzte Roms Gründungsvater ein wirkungsmächtiges Beispiel. Auf dem Kapitol, dem Hausberg der Römer über dem Forum, erhob sich ein Standbild von Terminus, dem Gott der Grenzen. „Der den (Grenz-)Stein setzt zur Marke der Flur“, rühmt ihn der Dichter Ovid (43 v.–17 n. Chr.): „Du bist Grenze für Völker und Städte und riesige Reiche; ohne dich: Um jedes Feld wird vor Gerichten geklagt.“ Nicht umsonst machten die Römer Jahrhunderte später, als längst der oberste Gott Jupiter in dem Tempel auf dem Kapitol residierte, die Grenzziehung zu einer Wissenschaft.Ein Konvolut mit Texten der Agrimensores liegt in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Im Gegensatz zu Werken der antiken Philosophie oder Geschichtswissenschaft handelt es sich bei dem „Corpus Agrimensorum Romanorum“ um Textstücke, die offenbar in der Spätantike in großer Eile und mehr schlecht als recht zusammengefügt wurden. Da hat man ganze Seiten aus einem Buch in ein anderes eingeflochten, was einiges darüber aussagt, wie wenig die Schreiber, die die Texte durch die Jahrhunderte bis ins Mittelalter überlieferten, von dem verstanden, was sie da abschrieben. Auch kommentierten Autoren ältere Texte, was zu weiterer Verwirrung führt.„Für sie waren es in Inhalt und Sprache miss- oder- unverständliche Texte“, sagt Jens-Olaf Lindermann. Seit 2008 hat der Altphilologe das Corpus analysiert. In den vergangenen vier Jahren hat er die darin erhaltene Schrift eines gewissen Iulius Frontinus mit Unterstützung der Gerda Henkel-Stiftung rekonstruiert und zusammen mit der Rechtshistorikerin Cosima Möller und dem Wissenschaftshistoriker Eberhard Knobloch an der Freien Universität Berlin kommentiert. Die von Lindermann herausgegebene historisch-kritische Edition „Iuli Frontini Opera Gromatica“ und das Glossar mit zahlreichen Spezialbegriffen (Herder, 378 S., 64 Euro) bietet nicht nur die erste deutsche Übersetzung dieses komplexen Werkes, sondern öffnet den Blick auf eine Disziplin, die für das römische Imperium von entscheidender Bedeutung war. Denn sie ordnete die Welt.Zunächst korrigiert Lindermann überkommene Lehrmeinungen über Frontinus’ Werk. „Untersuchungen, darunter sprachliche und stilistische Vergleiche, haben ergeben, dass der Autor keineswegs mit dem Senator Sextus Iulius Frontinus identisch ist, in dessen Œuvre die ,Opera Gromatica‘ bislang verortet wurden“, sagt Lindermann. Jener Frontinus (ca. 35–103) war ein hochrangiger General und Politiker, der um das Jahr 97 die Aufsicht über die Wasserversorgung Roms, eines der wichtigsten Ämter, innehatte und darüber ein berühmtes Buch geschrieben hat.Lesen Sie auchSein Namensvetter Frontinus lebte dagegen irgendwann zwischen dem späten 1. und frühen 3. Jahrhundert und war das Gegenteil eines rhetorisch versierten Aristokraten. Auch blieben von den gut 20 Druckseiten, die sein Werk bislang in dem etwa 200 Seiten umfassenden „Corpus Agrimensorum Romanorum“ ausmachte, am Ende kaum ein Dutzend übrig, für die Frontinus zweifelsfrei die Autorschaft zukommt. Handbücher der römischen Literaturgeschichte müssen also umgeschrieben werden.Heute würden wir Frontinus einen Vermessungsingenieur oder Geodäten nennen. Nach ihrem wichtigsten Arbeitsinstrument, der Groma (eine Kombination aus Lot und Visierkreuz), wurden diese Spezialisten Gromatiker oder Agrimensoren genannt, in der Literatur werden sie als Feld- oder Landmesser bezeichnet. Ihre Kunst hatten sie nach eigener Aussage von den Etruskern gelernt, den frühen Nachbarn der Römer, doch wahrscheinlich standen dabei auch Griechen und Phönizier Pate.Landmesser erhielten eine breite Ausbildung, die neben mathematischen auch handwerkliche und juristische Fertigkeiten umfasste. Diese Fachleute konnten im Staatsdienst arbeiten oder Büros in der Privatwirtschaft unterhalten. Manche waren zuvor Sklaven gewesen, bevor sie als Freigelassene Karriere machten. Viele dürften als Fachoffiziere – etwa im Rang eines Centurios – in der Armee gedient haben, bevor sie ins Zivilleben wechselten. Inschriften aus dem gesamten römischen Reich belegen, dass auch pensionierte Soldaten solche Aufgaben versahen.Ein Absatz aus dem Werk des Hyginus, das sich ebenfalls in dem Corpus erhalten hat, beschreibt die Tätigkeit des Landmessers: „Unter allen Ausführungen von Vermessungen soll die Festlegung der Grenzlinien die wichtigste sein. Sie ist nämlich himmlischen Ursprungs und dauerhaften Zusammenhangs. Mit geraden Linien, die eine gewisse Breite haben, ist die Methode für die Unterteilenden tauglich, das Aussehen der Flurkarten ist schön, auch die Kennzeichnung der Felder selbst ist deutlich. Denn festgelegt sind Grenzlinien, nicht ohne die Beschaffenheit der Welt zu berücksichtigen, da ja die decumani nach dem Sonnenlauf ausgerichtet werden, die cardines nach der Himmelsachse.“Die Straßenzüge auf decumanus und cardo, den Ordnungsachsen im Aufbau einer römischen Stadtanlage, bildeten die Hauptstraßen, an deren Schnittpunkt das Forum und zentrale Einrichtungen errichtet wurden. Die astronomische Lage dieser Achsen exakt zu bestimmen, war eine zentrale Aufgabe der Feldmesser; Äcker, Felder und Wiesen zu begrenzen, eine andere. Oder sie legten die Trassen der Überlandstraßen fest, die sich über Kilometer hinweg schnurgerade und allen geografischen Hindernissen zum Trotz durch die Länder des Imperiums zogen. Dabei waren die Gromatiker in der Lage, „geografische Unebenheiten mathematisch zu nivellieren und Parallelen zu einer nicht zugänglichen Geraden, beispielsweise bei der Gewässervermessung, zu berechnen“, sagt Lindermann.Moderne Nachmessungen zeigen, dass die römischen Feldmesser sich teilweise nur ein Grad Abweichung erlaubten. Ihre Texte gehörten auf dem Boden des Weströmischen Reiches bis ins Mittelalter hinein zu den spärlichen Quellen, die mathematisches Wissen tradierten – was die Generationen von Schreibern erklärt, die sich dieser Aufgabe widmen mussten.Wenn Agenus Urbicus, ein Kollege von Frontinus, klagte: „Manche machen nämlich aus mangelnder Erfahrung Fehler, manche aber auch, weil sie korrupt sind“, sagt das einiges aus über die Lebenswirklichkeit der Agrimensores. Frontinus selbst zählt 15 unterschiedliche Streitfälle auf, in denen Fachleute wie er als Gutachter oder Zeugen von einem Gericht hinzugezogen werden konnten. Etwa, wenn Schmelzwasser Teile eines Ackers weggerissen oder ein umtriebiger Landbesitzer die Grenzsteine zwischen privatem und öffentlichem Land zu seinen Gunsten versetzt hatte. „Diese gutachterliche Tätigkeit erfordert jemanden, der als Mensch wie als Fachmann einwandfrei ist.“ Diese Mahnung des Agenus belegt im Übrigen, dass Bestechlichkeit oder Inkompetenz unter Gromatikern keine Fremdwörter waren.Das war umso heikler, weil der Landvermessung im Römischen Reich nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale und politische Rolle zukam. Schon die Griechen hatten während ihrer Großen Kolonisation vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. vor dem Problem gestanden, geordnete Städte zu errichten und jedem Siedler ein gleich großes Stück Land zuzuweisen. Diese Erfahrungen kamen wahrscheinlich über die Etrusker zu den Römern, die die Vermessungstechnik ihren Bedingungen anpassten. Schließlich gehörte die Verteilung von erobertem Land zu den wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zur Weltherrschaft.In den Ruinen römischer Kolonien in Italien, Spanien oder Gallien lassen sich noch deutlich die Lösungen erkennen, die die Landmesser fanden. Das gilt auch für die großen Militärlager an den Grenzen, die stets vom Schnittpunkt von decumanus und cardo aus angelegt waren. Dem gleichen Prinzip folgten die täglich anzulegenden Marschlager der Legionen. Als in der Epoche der Bürgerkriege im 1. Jahrhundert v. Chr. ehrgeizige Generäle ihre Soldaten zu versorgen hatten, wurden riesige Ländereien beschlagnahmt und in Landlose aufgeteilt – was eine große Zahl von Spezialisten erfordert haben dürfte. Später in der Kaiserzeit galt es, die Veteranen, die ihre Dienstzeit überlebt hatten, mit Landbesitz abzufinden. Das alles erforderte exakte Messungen, die in eine Frühform des Katasters eingingen (an dem es in manchen Mittelmeerländern bis heute fehlt).Die präzise Erfassung von Land war die Grundlage, auf der die Römer eine Verwaltung errichteten und Steuern erheben konnten. Die „Autorität der Grenzen“ von Herrschaften, Städten, privaten, öffentlichen und kaiserlichen Ländereien ordnete das Imperium, urteilt der britische Althistoriker Brian Campbell, der eine maßgebliche Studie über das römische Vermessungswesen vorgelegt hat. Damit bewiesen die Römer, „dass sie über das Land und das Eigentum der besiegten Völker vollständig verfügen konnten“.So wurden Landkarten zu einem Symbol der Macht. Die berühmte „Tabula Peutingeriana“ etwa, die der Augsburger Humanist Konrad Peutinger (1465–1547) sein Eigen nannte, wird heute als Kopie einer antiken Prachtkarte gedeutet, mit der ein reicher Aristokrat seinen Gästen zu imponieren suchte. Allerdings lässt sich aus der Darstellung der Karte – sie ist 6,75 Meter lang und nur 34 Zentimeter hoch – das Wirken von Feldmessern nicht mehr ablesen.Das wird beim Rätischen Limes anders gewesen sein, der im 2. Jahrhundert n. Chr. die Grenze zwischen dem Imperium und dem freien Germanien bildete. Dass diese Befestigung über 100 Kilometer hinweg – vom Main bis nach Lorch – wie mit dem Lineal gezogen errichtet wurde, ist ohne die Arbeit von Feldmessern nicht denkbar. Althistoriker verstehen diesen Kraftakt als Machtdemonstration.Die Zeitgenossen haben diese Teilung zwischen Imperium und Barbaricum wohlverstanden. Wenig später teilte der syrische Philosoph Bardaisan in seinem „Buch der Gesetze der Länder“ die Welt in eine geordnete Zone, in der die Römer „immer neue Gebiete“ erobert hätten. Nördlich und südlich von diesen zivilisierten Gebieten aber „sieht niemand Bildhauer oder Maler oder Parfümeriehersteller oder Dichter“.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.