Wo sind bloß die Wähler? Gerade ist die bayerische SPD-Fraktion am Marktplatz von Roth aus einem Reisebus gestiegen, am Infostand warten schon die örtlichen Parteimitglieder mit Salami- und Käseschnitten. Es werden Hände geschüttelt, freundliche Worte gewechselt. Er sei froh, dass die Landtagspolitiker da sind, sagt Roths SPD-Landrat Ben Schwarz. Denn viele Menschen hätten heute das Gefühl, „dass nicht mehr richtig zugehört wird“ in den politischen Hauptstädten Berlin und München.„Wir müssen wieder näher an die Leute ran“, sagt auch SPD-Fraktionschef Holger Grießhammer. „Wir wollen zuhören, wo der Schuh drückt.“ Deshalb tourt er mit seinen Abgeordneten im Bus durch Bayern. Vier Tage, sieben Regierungsbezirke, unzählige Termine. Am Montagabend sind die Politiker also in Roth. Aber wo sind die Leute?SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.In der mittelfränkischen Stadt ist es trüb und kühl, eben hat es noch geregnet. Am SPD-Zelt kommt fast niemand vorbei, die Genossen bleiben quasi unter sich. Ein grauhaariger Mann steht still am Rand, wegen seiner roten Regenjacke hält man auch ihn für einen Sozialdemokraten. Nein, nein, sagt er, als man ihn anspricht. Er sei nur neugierig, was die SPD zu sagen hat. Zum Rechtsruck etwa, der ihn schwindlig mache. „Braune Töne“ schlage nicht mehr nur die AfD an, sagt der 63-jährige Elektroingenieur. „Das treibt mich um.“ Doch das Einzige, was er an diesem Abend von der SPD mitnehme, sagt er, sei einer dieser roten Kugelschreiber, die die Partei verschenkt. Dann ist er weg.Die SPD hat die Verbindung zu großen Teilen der Bevölkerung verloren. Für die einen hat sich die Partei in den vergangenen Jahren zu sehr auf Minderheiten fokussiert, etwa Sozialleistungsempfänger, statt Politik für die arbeitende Mitte zu machen. Die anderen stört, dass die SPD bei hart umkämpften Themen wie Asyl oder Bürgergeld nicht mehr als kraftvolle Verteidigerin der Schwachen wahrzunehmen sei. Also wandern die Wähler ab, nach rechts, nach links.Die Sozialdemokraten fürchten die BedeutungslosigkeitIn Bayern erleidet die Partei eine Rekordniederlage nach der anderen, zuletzt 8,4 Prozent bei der Landtagswahl 2023. Im Parlament stellen die Sozialdemokraten mit 17 Abgeordneten die kleinste Fraktion. Die AfD hat 32, nur zum Vergleich. Wenn die Verbindung zu den Leuten nicht bald wiederhergestellt ist, so befürchten die Genossen, droht endgültig die Bedeutungslosigkeit. Die viertägige Busreise zum Herbstanfang ist daher auch eine Reise zu sich selbst: Für wen machen wir eigentlich Politik?ExklusivForsa-Erhebung:AfD mit Umfrage-Höchstwert in Bayern – Söder verliertIn einer Forsa-Umfrage erreicht die Rechtsaußen-Partei das beste, jemals von klassischen Instituten gemessene Ergebnis im Freistaat. Derweil verlieren die FW und die CSU rutscht deutlich unter ihre Zielmarke – und immer mehr Menschen sind unzufrieden mit dem Ministerpräsidenten.Am Montagnachmittag hält der SPD-Bus auf einem Firmengelände im schwäbischen Mertingen. Bei Fendt-Caravan entwickeln, bauen und vermarkten 770 Angestellte Wohnwagen für den Camping-Urlaub. Während der Corona-Pandemie sei das Geschäft explodiert, berichtet einer der Geschäftsführer, man sei mit der Produktion kaum hinterhergekommen. Inzwischen laufe es nicht mehr so berauschend, viele Leute reisen wieder mit dem Flugzeug. Das Unternehmen klagt über lästige Bürokratie, hohe Lohnkosten und fehlende Wohnwagenstellplätze.Bei einer Führung durch die hell ausgeleuchtete Produktionshalle sehen die Abgeordneten, wie Mitarbeiter und Maschinen aus einzelnen Blech-, Stahl- und Holzteilen Schritt für Schritt eine Wohnkabine zusammensetzen. An manchen Arbeitsplätzen hängen Merksprüche wie dieser: „Qualität ist, wenn der Kunde wiederkommt, nicht das Produkt.“Die Kunden heißen in der Politik Wähler, aber sonst passt der Satz zur SPD. Industriearbeiter galten mal als Stammwähler, inzwischen gehen sie lieber zur AfD. Lassen sie sich zurückgewinnen? Diese Frage bleibt nach dem Rundgang bei Fendt-Caravan unbeantwortet. Zu Gesprächen zwischen den Abgeordneten und den Beschäftigten kommt es eher nicht. Ein Mitarbeiter lacht kurz, als man ihn im Vorbeigehen fragt, ob er denn SPD wähle.Man kann der Partei nicht vorwerfen, dass sie sich nicht bemüht. Die Verbindungssuche läuft. Schon die viertägige Busreise mit Kaffee aus Pappbechern, Fleischpflanzerln aus Einwegboxen und einer störanfälligen Bustoilette ist ja ein kleiner Kraftakt. Das „Tourbuch“ mit Hintergrundinfos zu den Terminen bei Unternehmen, Vereinen und Einrichtungen hat 60 Seiten. Das Unterwegssein sei ihm aber wichtig, sagt Holger Grießhammer. Der Maler- und Lackierermeister steht seit mehr als einem Jahr an der Spitze der Fraktion. Sein Credo ist, dass die Partei vor allem um den Mittelstand werben muss. Man müsse der schwächelnden Wirtschaft helfen und das Leben der Leute einfacher machen. Aufregerthemen wie das Gendern interessieren ihn nicht, das Bürgergeld hält er für einen Fehler.Der Fraktionschef würde sofort mit der CSU regierenGrießhammer ist ein freundlicher, unaufgeregter Typ aus Oberfranken, der in Bayern ohne zu zögern mit der CSU zusammenarbeiten würde. Erst kürzlich unternahm er mit der Landtagspräsidentin Ilse Aigner eine Alpaka-Wanderung, ein Geschenk zu Aigners 60. Geburtstag. Und als die CSU im Frühjahr kurz darüber nachdachte, die Freien Wähler aus der Regierung zu schmeißen, wäre Grießhammer sofort eingesprungen. Sein Pragmatismus wird gelobt, etwa von Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter. „Nur auf die Anderen zu schimpfen, interessiert die Leute überhaupt nicht“, sagt Reiter am Montagmorgen am Marienplatz, als er die Fraktion zur Bustour verabschiedet.Politischer Aschermittwoch:„Wir wären bereit“ – SPD bietet sich Söder als Aiwanger-Ersatz anSPD-Fraktionschef Holger Grießhammer macht der CSU am Rande des Aschermittwochs eindeutige Avancen. Auch andere Sozialdemokraten schonen die Union.Auch im SPD-Landesverband will man sich besinnen auf „die Leute, die das Land am Laufen halten“. So sagt es die Vorsitzende Ronja Endres immer wieder: Erwerbstätige, Ehrenamtler, Menschen, die pflegen oder erziehen. An diesem Wochenende stellt sich die Spitze der Bayern-SPD neu auf. Beim Landesparteitag in Landshut soll eine neue Doppelspitze sowie ein neues Generalsekretärs-Duo etabliert werden. Neben Endres, die trotz mehrerer Anläufe kein politisches Mandat hat, soll der Münchner Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff den zweiten Chefposten übernehmen. Er verspricht, die SPD in Bayern durch Zuspitzung wieder hör- und sichtbarer zu machen.Neue Impulse sollen auch die designierte Generalsekretärin Kathrin Pollack und ihr Vize Uwe Kirschstein geben. Beide kommen aus der fränkischen Lokalpolitik, Pollack ist Stadträtin in Ansbach, Kirschstein Oberbürgermeister in Forchheim. Wenigstens in den Kommunen sei die Bayern-SPD „noch erfolgreich“, sagte Endres bei ihrer Vorstellung. Davon wolle man profitieren. Dass mindestens die neue Generalsekretärin weithin unbekannt ist, stört Endres nicht. „Es geht nicht immer nur um Bekanntheit“, sagte sie, die ja selbst um Aufmerksamkeit kämpfen muss. „Wenn es darum ginge, bräuchten wir Dieter Reiter an der Spitze.“
Bayern-SPD: „Wenn es darum ginge, bräuchten wir Dieter Reiter an der Spitze“
Die Bayern-SPD taumelt der Bedeutungslosigkeit entgegen. Nun stellt sich die Partei personell neu auf, ein bekanntes Gesicht aber fehlt.







