Ein Bundeskanzler, der auf der Wiesn Kusshände verteilt – das hat fast schon historische Dimensionen, wenn man es mal so ausdrücken mag: In den vergangenen Jahrzehnten gab es jedenfalls keinen öffentlich dokumentierten Besuch eines Regierungschefs inmitten des Bier- und Blasmusiktaumels auf der Theresienwiese. Friedrich Merz (CDU) also, superemotional im blau-weißen Kleinkarierten unter dem blauen Janker, am Sonntagabend um die Wette strahlend im Schottenhamel-Zelt mit Koalitionspartner Markus Söder (CSU, Lederhose), den Parteichefs Bärbel Bas (SPD, rot-weißes Großkariertes) Lars Klingbeil (SPD, weißes Trachtenhemd, Sneaker). Für alle natürlich kein Neuland, jede und jeder von ihnen war schon mal auf dem Oktoberfest. Merz zuletzt 2023, aber halt nicht als Kanzler, sondern nur als CDU-Parteichef.

Gefühle zeigen in München – das hatte der Bundeskanzler erst Anfang vergangener Woche getan, als ihm während seiner Rede bei der Eröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße die Stimme versagte und ihm die Tränen kamen. Das ist ein seltenes Vorkommnis nicht nur bei Merz, sondern bei Politikern im Allgemeinen. Es zeigte ihn nahbar, es brachte ihm Aufmerksamkeit, Verständnis, Zugeneigtheit, Beifall ein.