PfadnavigationHomekmpktArtikeltyp:MeinungGemeinde in Sachsen-AnhaltWie ich neuen Wohnraum schaffen wollte – und am Behördenwahnsinn gescheitert binVeröffentlicht am 23.09.2025Lesedauer: 4 MinutenDer Trafoturm gehört seit Jahrzehnten zu den höchsten Gebäuden des Dorfes, soll aber abgerissen werdenQuelle: Kristina BaumEin alter Turm sollte mein Traumhaus werden. Stattdessen bekam ich eine Lehrstunde in ländlicher Bürokratie. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle – von Euphorie bis Enttäuschung.Der alte, neun Meter hohe Trafoturm neben dem Grundstück meiner Eltern versorgte für viele Jahre das ganze Dorf mit Strom. Vor einer Weile wurde er außer Betrieb gesetzt und gegen eine kleinere Anlage ersetzt – eine sogenannte Kompaktstation, wie sie vielerorts unscheinbar oder farbenfroh besprüht neben Wohnhäusern und Gewerbebauten herumsteht. Aber bevor der alte Turm abgerissen wird, wollte ich dem DDR-Überbleibsel eine zweite Chance geben: als Tiny House, Ferienwohnung oder eigener Wohnraum mit direktem Zugang zum Garten meiner Eltern.Vor allem für den Tourismus in Sachsen-Anhalt wäre ein ansehnliches Tiny House mit Blick auf die Weite des Landes ein kleines Zugpferd. Da ich schon ein AirBnB nebenan betreibe, weiß ich, wovon ich spreche. Unsere Gäste kommen aus Berlin, Hamburg, Leipzig und sogar Schottland, Australien und den USA. Zudem beklagen Unternehmen in der Region, mit denen ich mich austausche, dass es zu wenige Unterkünfte für die steigende Zahl an Touristen gibt.Der Energieversorger schmunzelte zwar etwas wegen meiner Idee, aber meinte: „Klar, können Sie haben!“ Sogar einen Kaufvertrag zum symbolischen Euro gab’s direkt via E-Mail.Ein Architekt bestätigte mir bei einer Begehung mit dem Netzbetreiber, dass das Türmchen eine gute Bausubstanz hat. Auch der örtliche Bauamtsleiter hatte zunächst keine Einwände, da eine Umnutzung aufgrund der Lage mitten im Dorf möglich sei. Ein Bauantrag sei natürlich Voraussetzung, so der Mitarbeiter.Ich sah mich schon mit Kaffee am oberen Fenster sitzen, mit Blick in die weite Landschaft. Bevor ich noch tiefer in die Planung einsteigen konnte, war im Vorfeld aber noch eine wichtige Sache zu klären.Dann kam die BürokratieDer Turm steht auf Gemeindeland. Das müsste ich kaufen oder pachten und genau hier fängt meine Tortur im ländlichen Behördendschungel Sachsen-Anhalts an.Die zuständige Person beim Liegenschaftsamt – dem Amt, das die Gemeinde-Flächen betreut – belächelte meine Idee bei einem ersten Treffen. Dass alte Trafotürme in vielen Orten Deutschlands umgenutzt werden, um beispielsweise Nistplätze, Cafés, Begegnungsstätten oder eben Tiny-Häuser daraus zu machen, hatte man noch nicht gehört. Daher wohl auch die zögerliche Reaktion: Es müsse erst mal geprüft werden, ob Kabel im Boden verlaufen, die einen Verkauf unmöglich machten. Auch müsse das Einverständnis des Netzbetreibers vorliegen, bevor man Nachforschungen betreiben wolle. Dass ich bereits einen Plan mit allen eingezeichneten Kabeln sowie einen fertigen Kaufvertrag vorlegen konnte, zählte erst mal nicht. Hier wollte man offensichtlich auf keinen Fall etwas überstürzen.Nebenbei murmelte man: Die Gemeinde brauche ja eigentlich sogenannte „Vorhalteflächen“, um vielleicht irgendwann mal irgendwas darauf zu bauen. Geplant ist auf dem schmalen Streifen Land vor dem Friedhof dennoch nichts, außer das zweimal jährlich die Gemeinde dort Mitarbeiter zum Rasenmähen vorbeischickt.Ich ließ mich trotz des etwas ernüchternden Termins nicht abwimmeln und schickte alle Unterlagen per E-Mail. Eine Antwort blieb die Behörde aber schuldig. Bei einem Telefonat einige Wochen später hieß es dann lapidar: „ist in Klärung“. Und ganz neu: Eigentlich müsste der Turm abgerissen werden, weil das bei der Genehmigung der Kompaktstation so beschlossen worden sei. Anscheinend jedoch ohne den Netzbetreiber, denn auch der hörte davon zum ersten Mal.Auf Hoffnung folgt FrustIch versuchte es ein letztes Mal in höherer Instanz und schrieb dem Bürgermeister, der mich sofort zurückrief und mir tatsächlich Mut machte. Ein so tolles Projekt, da unterstütze er doch gern. Einfach dieses und jenes Formular für eine Bauvoranfrage ausfüllen und dann bekommen wir das schon hin! Endlich hatte ich einen Unterstützer gefunden – dachte ich jedenfalls.Denn noch bevor ich alle Unterlagen zusammen hatte, kam eine erneute Absage. Auch ohne offizielle Bauvoranfrage und trotz des zuvor positiven Signals des Bauamtsleiters könne er mir nun mitteilen, dass eine Umnutzung gar nicht möglich sei und sowieso sei ja schon entschieden worden, dass der Trafoturm weg müsse. Zugleich schob er mir den schwarzen Peter zu – warum ich denn überhaupt so lange mit meinem Anliegen gewartet hätte.Ich konterte mit einer genauen Timeline meiner Anfrage und den Gründen, warum es laut Bauamtsleiter doch prinzipiell möglich sei, diesen Turm in Wohnraum zu verwandeln. Zähneknirschend gab er zu, dass es wohl nicht meine angebliche Untätigkeit, sondern die chaotischen Zustände innerhalb seiner Behörde, die dem Vorhaben bis dato entgegengestanden hatten.Abriss nötig – Ende der DiskussionTrotz allem kam zwei Wochen später dann die endgültige Absage: Die Nachforschungen des Bürgermeisters haben ergeben, dass der Trafoturm abgerissen werden müsse. Die finale Begründung: weil es schon so beschlossen wurde. Basta.Noch heute, drei Monate nach der plumpen Absage, gehe ich jeden Tag am Turm vorbei. Er steht noch immer da. Für mich ist er aber inzwischen ein Symbol für die deutsche Ämtermentalität: lieber nichts tun, als Neues zu wagen.Kristina Baum