PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenHeimkinderSediert und missbraucht für MedikamententestsVeröffentlicht am 20.09.2025Lesedauer: 7 MinutenSchlafsaal des Marsberger St. Johannes-Stifts um 1955 – bereits 2017 deckte eine Studie auf, dass dort Kinder misshandelt und mit Medikamenten gefügig gemacht wurdenQuelle: LWL/HildTausenden Kindern wurden in NRW-Heimen bis in die 70er-Jahre nicht zugelassene Psychopharmaka und Impfstoffe verabreicht. Der NRW-Gesundheitsminister hat dafür nun um Verzeihung gebeten. Doch den Betroffenen, die vor Gericht um Anerkennung ihres Leids kämpfen müssen, reicht das nicht.Detlef Lichtrauter war zwölf Jahre alt, als er zur Kur ins Kindersanatorium Haus Bernward nach Bonn-Oberkassel geschickt wurde. Lichtrauter erinnert sich genau an die Schrecken dieser sechs Wochen des Jahres 1973, an Redeverbote, Toilettenverbote, den Zwang aufzuessen, auch wenn Kinder sich zuvor in ihren Teller erbrochen hatten. Kinder, die nachts ins Bett gemacht hatten, seien morgens in den Keller geführt worden, wo sie eine Spritze in den Po bekamen, erzählt Lichtrauter. Und dann sei da noch dieses Ritual nach dem Abendessen gewesen: „Wir mussten uns aufstellen, Kopf in den Nacken, eine Betreuerin mit einer Plastikbox voller bunter Kapseln kam zu uns. Ohne Wasser mussten wir eine solche Kapsel hinunterwürgen.“ Aus den Akten weiß er, was er da schlucken musste: Protactyl, ein Medikament, das zur Behandlung von Schizophrenie vorgesehen war. Eine der Nebenwirkungen: Müdigkeit. „Wir wurden damit definitiv sediert“, sagt Lichtrauter. „Und wenn die Pille nicht ausreichte, gab es zusätzlich eine Spritze.“Eingeschüchtert und verängstigt kam Lichtrauter aus dem Haus Bernward zurück. 20 Jahre habe er gebraucht, bis er mit seinen Eltern über das Erlebte sprechen konnte, sagt er. Vorige Woche trug der 64-Jährige seine Geschichte noch einmal vor – im Düsseldorfer Landtag, als im Beisein von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eine Studie vorgestellt wurde. Titel: „Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen seit der Gründung des Landes bis in die 1980er-Jahre“. Die Forscher um Heiner Fangerau, Professor für Medizin-Ethik an der Uni Düsseldorf, haben dazu bereits veröffentlichte Einzelstudien erfasst – und weitere Recherchen betrieben. Anlass dieser Arbeit waren Hinweise auf willkürliche oder überdosierte Arzneimittelgaben, die in früheren Veröffentlichungen zu Gewalt und sexuellem Missbrauch in Heimen eher am Rande aufgetaucht waren. Fangerau und sein Team durchkämmten nun Tausende Akten von Heimkindern.Auf 260 Seiten breiten die Wissenschaftler ein erschreckendes Gesamtbild aus. Über Jahrzehnte war es demnach üblich, dass Kinder mit Medikamenten ruhig gestellt und gefügig gemacht wurden – in Verschickungsheimen genauso wie in Heimen für Behinderte, für psychisch Kranke oder Waisen. Außerdem wurden vielen Heimkindern nicht zugelassene Psychopharmaka und Impfstoffe zu Forschungszwecken verabreicht, mehrere Pharmafirmen nutzten die Heime quasi als Testlabore. Dass Kinder dabei schwer erkranken konnten, nahmen Ärzte und Heimleiter in Kauf. Es handle sich nachweislich nicht um Einzelfälle, sagt Fangerau, vielmehr sei der Missbrauch oft „institutionell verankert“ gewesen. Genaue Zahlen kann die Studie nicht liefern. Schätzungen gehen von insgesamt 500.000 Kindern und Jugendlichen aus, die bis in die 80er-Jahre in Heimen untergebracht waren. Mindestens 20 Prozent davon, also jedes fünfte Heimkind, so Fangerau, seien einem Medikamentenmissbrauch ausgesetzt gewesen. Einer dieser Fälle ist Thomas Frauendienst aus Castrop-Rauxel. Direkt nach seiner Geburt am 25. März 1964 wurde er ins Heim eingeliefert – „weil ich verdrehte Füße hatte“, so berichtet er, „Klumpfüße“. In der damals sogenannten Krüppelanstalt von Volmarstein, einer Einrichtung der evangelischen Kirche, durchlitt Frauendienst ein viereinhalb Jahre währendes Martyrium – als Versuchsobjekt eines für seine Grausamkeiten berüchtigten Chirurgen. Schmerzmittel, die ihm geholfen hätten, die Qualen von zig Operationen zu ertragen, habe er nicht bekommen, sagt Frauendienst. Dafür einen ganzen Cocktail an anderen pharmazeutischen Produkten. In der Akte, in der er unter der Nummer 2033 geführt wurde, habe er die Zahlen-Codes für 20 Medikamente gefunden, die man ihm verabreicht hatte. Erinnern kann er sich nur noch an „das rote Säftchen“, das den Kindern fünf- bis sechsmal am Tag eingeflößt worden sei. Es handelte sich um das Sedativum Dipiperon. „Wenn man es nicht schlucken wollte, haben es einem die Schwestern in die Nase gekippt. Und danach war man einfach weg, man wusste nichts mehr.“„20 verschiedene Medikamente!“ Thomas Frauendienst betont diese Zahl. Heute leide er an genauso vielen Erkrankungen – von der Niere bis zum Herz, er hat kaum ein Organ, das nicht geschädigt ist. Doch das hielt den 61-Jährigen nicht davon ab, um Anerkennung und Entschädigung als Missbrauchsopfer zu kämpfen. Jahrelang sei er „als Detektiv in eigener Sache“ unterwegs gewesen, um an Informationen und Akten zu kommen, die seinen Leidensweg belegen. Leicht habe man es ihm dabei nicht gemacht, sagt er. Die Leitung der Geburtsklinik, in der er zur Welt kam, zweifelte sogar an, dass er tatsächlich der leibliche Sohn seiner Mutter sei.Es zeige sich, so heißt es in der nun veröffentlichten Studie, „dass verantwortliche Institutionen die erfahrene Gewalt und den Medikamentenmissbrauch weiterhin oft negieren und teilweise nur sehr schwerfällig, zum Beispiel über Klagewege, zur Aufarbeitung des Geschehenen beitragen“. Diese Kritik ist ausdrücklich an die beiden Landschaftsverbände LWL und LVR gerichtet, die als Träger vieler Heime fungieren – oder in ihrer Funktion als Landesjugendämter die Aufsicht über die Heime anderer Träger wie etwa der Kirchen haben.Der lange und schwere Weg vor GerichtWELT AM SONNTAG hat bei LWL und LVR um Stellungnahmen gebeten. Beide Institutionen haben mit langen Ausführungen geantwortet. Ihr Tenor ist ähnlich: Man stelle sich der Geschichte und habe bereits viele Studien zur Aufarbeitung in Auftrag gegeben. Außerdem beteilige man sich an verschiedenen Hilfsfonds wie beispielsweise der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“. Bei Entschädigungsklagen nach dem Opferentschädigungsgesetz sei allerdings zu beachten, so heißt es beim LVR, „dass Gewalttaten im Sinne des Gesetzes im Einzelfall nachgewiesen sein müssen und gesundheitliche Schädigungen kausal auf das schädigende Ereignis zurückgeführt werden müssen“. Was dieser Passus für Betroffene bedeutet – davon bekommt man einen Eindruck, wenn man mit Sylvia Wagner spricht, einer der Autorinnen der Studie, die bereits ihre Promotion über Arzneimittelprüfungen an Heimkindern geschrieben hat. Dokumente, mit denen ein Missbrauch belegt werden könnte, seien oft nicht mehr aufzufinden, sagt Wagner. „Und so ziehen sich die Klagen vor den Sozialgerichten über Jahre hin.“ Begleitet werde diese Zeit von wiederholten medizinischen Begutachtungen, „die für die Menschen überaus belastend sind“.Wagner berichtet von einer Frau, die in ihrer Jugend nachweislich mit einem nicht zugelassenen Psychopharmakon behandelt worden sei. „Bereits seit sieben Jahren klagt sie vergeblich gegen den LVR.“ Eine Interview-Anfrage hat die Frau abgewiesen. Zu oft habe sie ihre Geschichte erzählen müssen, ohne dass es etwas gebracht habe. Wagner kann aber ein Gespräch mit einem 65-Jährigen vermitteln, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Er möchte allerdings anonym bleiben. Seine Anwältin habe ihm davon abgeraten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Lange habe er gebraucht, um überhaupt die ersten Jahre seines Lebens zu rekonstruieren, erzählt er. Schon als Säugling kam er in Westfalen ins Heim. Später wurde er in ein Heim im Kreis Lippe verlegt. Seit 2017 versucht er beim Sozialgericht eine Anerkennung als Missbrauchsopfer durchzufechten. Bislang ohne Erfolg. „Ich möchte endlich damit abschließen, um mein Leben ohne dieses Thema weiterführen zu können“, sagt er.Lesen Sie auchBei der Vorstellung der Studie zeigte sich Gesundheitsminister Laumann betroffen. „Unfassbares“ hätten die Opfer erlitten, sagte er, stellvertretend für die gesamte Landesregierung bitte er um Verzeihung. Ein Statement, das der Forscherin Sylvia Wagner nicht weit genug geht. Viele ehemalige Heimkinder hätten darauf gehofft, dass Laumann konkrete Hilfen anbiete, sagt sie. Zum Beispiel sei eine Anlaufstelle nötig, in der darüber aufgeklärt werde, mit welchen Medikamenten und Stoffen sie es überhaupt zu tun hatten. Empört sei sie aber vor allem darüber, dass der Minister seiner Entschuldigung den Hinweis folgen ließ, Entschädigungen seien bereits durch Zahlungen aus dem Heimkinderfonds von 2010 und durch die 2017 aufgelegte Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ erfolgt. Auf diese Weise, sagt Wagner, werde der jetzt aufgedeckte Medikamentenmissbrauch, der von den verantwortlichen Institutionen bei den Einigungen zum Heimkinderfonds noch abgestritten wurde, als bereits abgegolten erklärt. Wagner erkennt darin ein weiteres Indiz dafür, „dass die Heimkinder keine Lobby haben“. Dass Heimkinder in den ersten Jahrzehnten der bundesrepublikanischen Demokratie wie Rechtlose behandelt wurden – das zeigt einmal mehr die vorliegende Medikamenten-Studie. Die Serie der skandalösen Enthüllungen ist damit vermutlich nicht beendet. Bei den jetzigen Forschungen kamen bereits weitere Hinweise ans Licht – in den Akten eines Ratinger Mädchenheims. Zu Beginn der 50er-Jahre kam es dort zu auffälligen Häufungen von Blinddarmoperationen, die nicht mit anderen Diagnosen in Übereinstimmung zu bringen sind. Die Forscher haben einen Verdacht: Wurden an den Mädchen heimlich Sterilisationen vorgenommen?afa