Drei Stunden nach ihrer Blinddarmoperation sitzt die neunjährige Lani auf dem Teufelsrad – jenem Fahrgeschäft, das seit 115 Jahren auf dem Oktoberfest seine Runden dreht. „Da sind lauter Menschen um mich rum“, ruft das Mädchen, den Kopf hierhin und dorthin wendend. „Wir drehen uns. Und es wird immer schneller und schneller!“Lani sitzt natürlich nicht wahrhaftig mit auf dem Teufelsrad; das frisch operierte Mädchen liegt in einem Krankenhausbett der Kinderstation in der München Klinik Schwabing. Doch auf ihrer Nase trägt die Neunjährige ein Virtual-Reality-Headset, kurz VR-Brille, mittels derer man in digitale 3-D-Welten eintauchen kann. Und im Falle von Lani ist das gerade das Oktoberfest, das sie heuer aufgrund ihrer Blinddarmentzündung und dem darauffolgenden Eingriff vermutlich verpassen wird.Dabei ist die junge Münchnerin eine leidenschaftliche Wiesn-Gängerin, deren Familie stets den Einzug der Brauereien und Festwirte am ersten Samstag verfolgt. Aber auch dieses Spektakel kann Lani aus dem Klinikbett miterleben – und zwar so, als säße sie in der vordersten Kutsche. Dank der VR-Brille, und dank des Projekts VR4Kids.„Wir wollen behinderten und benachteiligten Kindern und Jugendlichen eine neue Form der Teilhabe und Mitnahme an Ereignissen wie dem Oktoberfest ermöglichen“, sagt Christoph Ostler. Der Chef der Münchner Firma Connected Reality, die seit 2011 Lösungen im Bereich virtuelle Realität anbietet, steht an diesem Nachmittag neben Lanis Bett. Er ist heute ins Schwabinger Krankenhaus gekommen, um der Stiftung Kinderklinik München sechs VR-Brillen zu überreichen. Sie sollen Kindern, die in den Häusern der München Klinik stationär behandelt werden und daher nicht zur Wiesn gehen können, zumindest einen virtuellen Oktoberfestbesuch ermöglichen. „Da geht es viel um Ablenkung und Aufmunterung“, sagt Irene Teichert-von Lüttichau, Oberärztin in Schwabing. „Aber natürlich auch ums Thema Inklusion.“Genau dies sei seine Motivation gewesen, als er vor drei Jahren die Initiative VR4Kids gegründet habe, sagt Christoph Ostler. „Ich wollte einfach etwas Gutes tun und für Kinder und Jugendliche Erlebnisse und Einblicke erstellen, die ihnen vielleicht für immer verwehrt bleiben.“ Hierzu hat er unter anderem eine virtuelle Realität entwickelt, in der man mittels der VR-Brille gemeinsam mit Delfinen eine Unterwasserwelt erkunden kann. Bei einem weiteren „Erlebnis“, so nennt es Ostler, können Kinder mit den Fußballern des FC Bayern München durch den Spielertunnel in die Fröttmaninger Arena einlaufen. „Der absolute Renner“, sagt der 58-Jährige, sei jedoch der virtuelle Oktoberfestbesuch. „Es ist unglaublich, wie gut das angenommen wird.“Circa zwei Dutzend Wiesn-Erlebnisse gibt es inzwischen bei VR4Kids. So kann man mit VR-Brille Geisterbahn, Autoscooter und Riesenrad fahren, die Münchner Rutschn hinabsausen, auf den Löwenbräu-Turm steigen und die Atmosphäre – wiewohl leider nicht den Duft – in einem Mandelstand genießen. All dies erleben die Kinder, „als wären sie tatsächlich mitten im Geschehen“, sagt Ostler.Virtuelles Wiesnerlebnis auf dem Teufelsrad... VR4Kids... und ein Besuch im Mandelstand. VR4KidsHierzu bietet die virtuelle Welt, in der man sich intuitiv mittels Augenbewegungen und Blinzeln bewegt, nicht nur 360-Grad-Aufnahmen und eine originalgetreue Geräuschkulisse. Sondern der Betrachter interagiert auch mit anderen Personen – allen voran mit den Kindern Felix und Leah, die einen beim Rundgang über die Wiesn begleiten. Die beiden sprechen auf Wunsch auch Englisch; zudem setzt Leah die Gebärdensprache ein.Dabei nutze VR4Kids den sogenannten Curb-Cut-Effekt, sagt Ostler. Bedeutet: Bestimmte Maßnahmen zur Barrierefreiheit, die eigentlich für Menschen mit Einschränkungen gedacht sind, erweisen sich für einen weitaus größeren Personenkreis als nützlich und hilfreich. „Die Praxis zeigt, dass alle Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene und Senioren von unseren Erlebnissen mit der VR-Brille begeistert sind“, sagt Ostler. So habe unter anderem eine 96-jährige Frau die virtuelle Oktoberfestwelt besucht. Ihr Kommentar danach: „Jetzt kann ich endlich wieder auf die Wiesn.“Während bei Projekten wie der Tour übers Oktoberfest, einem interaktiven Basketballtraining oder der Teilnahme an einem Fußballcamp vorwiegend der Spaß im Vordergrund steht, bietet VR4Kids auch spezielle Trainings an. Hier können Kinder beispielsweise über die VR-Brille miterleben, wie sie nach einem Unfall von einem Rettungswagen abtransportiert werden. Des Weiteren gibt es eine virtuelle Welt mit gefährlichen Situationen im Straßenverkehr, die sich auch aus der Perspektive anderer Verkehrsteilnehmer durchspielen lassen. Und derzeit in Planung sei ein weiteres Projekt, sagt Ostler, bei dem junge Patienten den Ablauf vor einer Operation im Schwabinger Krankenhaus miterleben. „So können sich Kinder im Vorfeld eines geplanten Eingriffs darauf vorbereiten.“Genau das wäre womöglich auch für die neunjährige Lani hilfreich gewesen, die nach ihrer Blinddarmoperation doch noch recht mitgenommen im Klinikbett liegt. Wobei sie das nicht davon abhält, gleich noch eine Runde mit dem Autoscooter zu fahren. Der sei nämlich ihr liebstes Fahrgeschäft auf der Wiesn, sagt Lani, bevor sie die VR-Brille aufzieht und einsteigt. Und eintaucht – ins virtuelle Oktoberfest.