Der letzte Fehler, der den deutschen Volleyballern bei dieser Weltmeisterschaft auf den Philippinen unterlaufen ist, hätte symptomatischer nicht sein können. Außenangreifer Erik Röhrs ging am Mittwoch im letzten Gruppenspiel zum Aufschlag, Slowenien führte im vierten Satz 24:22 und hatte zwei Matchbälle. Röhrs entschloss sich, volles Risiko zu gehen, doch sein Sprungaufschlag prallte von der Netzkante zurück ins eigene Feld. Das 1:3 (21:25, 25:17, 29:31, 22:25) besiegelte das enttäuschende Vorrundenaus der DVV-Auswahl.Schlüsselmomente gab es einige in der schweren Gruppe D, auch im Duell mit dem WM-Mitfavoriten Slowenien, das für den Gewinner das Weiterkommen bereithielt – und für den Verlierer das unweigerliche Ende des Turniers. Fünf Satzbälle vergaben Georg Grozer und seine Gefährten im dritten Satz, einmal, bei einem dieser Satzbälle, kratzte ein Angriff Sloweniens nur wenige Millimeter an der Seitenlinie. Die Deutschen schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, als sie den Videobeweis auf dem Bildschirm sahen.Aber sie hatten auch schon im ersten WM-Spiel gegen die hoch gehandelten Bulgaren einen Satz verloren, den sie nicht hätten verlieren dürfen. Mit 38:40 (!) endete gleich der erste Satz des Turniers aus Sicht des DVV, elf Satzbälle reichten nicht, trotz spektakulär gewonnener Punkte. Wie jenem, als Grozer nach einer zirkusreifen Fußabwehraktion von Zuspieler Jan Zimmermann den Ball zum 34:33 blockte. Die Bulgaren waren es dann, die ihren fünften Satzball verwandelten und das Spiel am Ende deutlich mit 3:0 gewannen.So bleiben von dieser Weltmeisterschaft nur der 3:0-Erfolg gegen Außenseiter Chile – und viele verpasste Gelegenheiten, was Bundestrainer Michal Winiarski nach dem Aus treffend zusammenfasste: „Wir haben heute unser bestes Spiel der WM gemacht. Wir hatten unsere Chancen, wie schon gegen Bulgarien – diese beiden Sätze haben den Unterschied gemacht.“ Von einer „wichtigen Lektion“ sprach Winiarski noch.Allerdings dachten sie alle, dass sie ihre wichtigste Lektion in Paris bereits gelernt hatten. Dort und schon zuvor in der Olympia-Qualifikation spielten die deutschen Männer so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Allenfalls bei der WM 2014, als sie Bronze gewannen, erreichten sie dieses herausragende Niveau. Doch im Viertelfinale fehlten ihnen gegen den späteren Olympiasieger Frankreich wieder Nuancen, um das Spiel nach einer 2:0-Satzführung zu gewinnen. 13:15 endete der fünfte Durchgang, ein Aufschlagfehler des danach untröstlichen Ruben Schott beendete den Traum von der zum Greifen nahen, historischen Olympiamedaille. Danach breitete sich die bittere Erkenntnis aus, dass diese erfahrene, zutiefst eingespielte Mannschaft auf ihrem Zenit war, diesen Jetzt-oder-nie-Moment aber nicht nutzen konnte.„Uns haben in den wichtigen Momenten Glück, Abgezocktheit und Coolness gefehlt“, sagt Libero GravenRöhrs dürfte sich am Mittwoch in Manila nicht viel besser gefühlt haben als Schott damals in Paris. Auch wenn es in beiden Fällen keineswegs ihr Verschulden war, dass die DVV-Auswahl aus dem Wettbewerb gefallen ist. Beide waren all-in gegangen, wie es in der Sportsprache oft heißt, in Anlehnung ans Pokerspiel. Sie setzten auf volles Risiko, was inzwischen nötig ist auf Weltniveau, um die gegnerische Annahme unter Druck zu setzen. Aber der Aufschlag war diesmal, wie in Paris, in den entscheidenden Momenten nicht die Stärke von Winiarskis Mannschaft. Auch im Angriff und in der Abwehr fehlte ihr manchmal die letzte Überzeugung. Oder, wie es Libero Lenny Graven formulierte: „Uns haben in den wichtigen Momenten Glück, Abgezocktheit und Coolness gefehlt.“Graven nutzte am Donnerstag die letzten Stunden vor dem Rückflug via Doha nach Deutschland noch, um wenigstens kurz am Hotelpool zu entspannen. Die meisten anderen Kollegen waren schon abgereist, auf die Schnelle konnte das Team nicht mehr auf einen gemeinsamen Flug gebucht werden. Graven machte am Telefon keinen Hehl aus seinem Frust: „Es fühlt sich kacke an, wenn man den ganzen Sommer fünf Monate von zu Hause weg ist und auf alles verzichtet für am Ende drei Spiele. Wir haben uns nicht für das belohnt, wofür wir gearbeitet haben.“Bundestrainer Winiarski, der die deutschen Männer zumindest bis 2028 betreut, hat nun die keineswegs einfache Aufgabe, den Umbruch und Generationswechsel in der Mannschaft zu moderieren. Immerhin haben nach den Sommerspielen von Paris Schlüsselfiguren wie Zuspieler Lukas Kampa oder Außenangreifer Lukas Fromm aufgehört. Der seitherige Stammzuspieler Johannes Tille, der kürzlich Vater wurde, und Außenangreifer Schott fehlten bei der WM, weil sie sich im nacholympischen Jahr trotz der Weltmeisterschaft eine Pause erbaten. Libero Julian Zenger musste sich einer Herzoperation unterziehen. Und Grozer? Der „Opa“, wie sie ihn liebevoll nennen, ist immer noch Hauptangreifer der Deutschen, ohne ihn hätten sich die Deutschen nicht für die Sommerspiele in Paris qualifiziert. Aber in Manila wurde auch er zu oft vom gegnerischen Block bezwungen.In der chinesischen Liga strahlt ein Volleyballer wie Grozer immer nochJunge Spieler, wie Graven, 21, der hoch veranlagte Röhrs, 24, oder Grozer-Ersatzmann Filip John, 24, rücken nach. Allerdings fehlt der Mannschaft bislang noch eine zukunftsträchtige Leitfigur, wie es Grozer mit seiner wuchtigen Ausstrahlung all die Jahre war. Einer also, vor dem die Gegner aus Respekt automatisch kleiner werden. Die Mannschaft sieht sich nun mit einer Situation konfrontiert, in der der Einfluss Grozers schwächer wird, es aber keinen natürlichen Nachfolger gibt. John hat gute Anlagen, aber ist auf diesem Niveau noch viel zu unerfahren und auch verletzungsanfällig.Grozer, der im letzten Satz gegen Slowenien auf der Bank saß, sagte nach dem Vorrundenaus desillusioniert: „Ich fahre heim und versuche irgendwie, dieses Turnier zu vergessen. Dann gehe ich nach Schanghai und gebe mein Bestes, die Meisterschaft zu gewinnen.“In der chinesischen Liga strahlt einer wie Grozer immer noch. Und eigentlich hat er vor, tatsächlich bis zu den Sommerspielen in Los Angeles weiterzumachen – womöglich dann zusammen mit seiner Tochter Leana, die sich mit den deutschen Vollyballerinnen ebenfalls qualifizieren könnte. „Vielleicht nicht als Stammspieler, aber ich würde den Jungs zumindest die Wasserflasche aufs Feld bringen. Wenn ich es bis dahin schaffe, ist es sicherlich mein letzter Auftritt mit der Nationalmannschaft“, sagte Grozer vor der WM. Er wäre dann, im Juli 2028, fast 44 Jahre alt.
WM-Aus der deutschen Volleyballer: Die Generation Grozer verblasst
Die deutschen Volleyballer reisen desillusioniert nach der Vorrunde von der Weltmeisterschaft in Manila ab. Bundestrainer Winiarski muss den Generationenwechsel moderieren.








