Regen wäre wünschenswert. „Wir Sprenger wünschen uns immer Regen“, sagt Ulrike Matthes, Ingenieurin der Thüringer Sprenggesellschaft mbH, die den Abbruch der beiden Kühltürme des früheren Kernkraftwerks Gundremmingen im schwäbischen Landkreis Günzburg verantworten wird. Und zwar nicht ein bisschen Nieselregen, sondern richtigen Regen. Das bindet den Staub, der aufgewirbelt wird, das gibt zusätzliche Sicherheit. Und dann, wenn drei kurze Signaltöne erklingen, dann werden am 25. Oktober gegen 12 Uhr mittags die beiden Kühltürme Geschichte sein.160 Meter hoch sind die Türme, mit einem Durchmesser von 76 Metern an der Taille in etwa 120 Metern Höhe und von 85 Metern an der Mündung. 28 000 Tonnen Betonmasse pro Turm werden an diesem Tag „niedergelegt“, wie die Experten zur Sprengung sagen. Es wird ein ordentlicher Wumms, wobei, das betont die Sprengmeisterin, die maximale Aufprallfläche relativ klein ausfallen wird. So ein Kühlturm kippt an und kollabiert dann in sich. Der durch die Sprengung verursachte Streuflug fällt also für gewöhnlich relativ gering aus, wofür übrigens auch von der Sprenggesellschaft auf dem Gelände verteilte, handelsübliche Planschbecken sorgen werden.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Ende 2017 ist Block B des Kernkraftwerks vom Netz gegangen, am 31. Dezember 2021 folgte Block C. Seitdem firmiert das 1984 ans Netz gegangenen Kernkraftwerk des Energieversorgers RWE als Rückbauanlage. Als die Doppelblockanlage noch lief, produzierte sie rund 20 Milliarden Kilowattstunden Strom, also etwa ein Viertel des insgesamt im Freistaat produzierten Stroms. Der Rückbau in den Anlagen ist seit Jahren im Gang und liegt laut Heiko Ringel, Leiter der Rückbauanlage, im Soll. Seit September 2022 ist Block B bereits frei von Brennelementen. „Jetzt“, sagt Ringel, „wird der Rückbau auch nach außen sichtbar.“Die Dampfsäulen aus den beiden Kühltürmen waren ja so etwas wie das Wahrzeichen der Region. „Ein Stück Heimat, wenn man aus dem Urlaub heimkam“, sagt die stellvertretende Landrätin des Landkreises Günzburg, Monika Wiesmüller-Schwab. Ringel hat einmal erzählt, dass der Dampf bei passendem Wetter selbst vom Nebelhorn aus sichtbar war, also weit runter bis in die Allgäuer Alpen. Wiesmüller-Schwab verspürt etwas Wehmut, sie erkennt aber auch gerade in der Sprengung der Kühltürme „ein äußeres Kennzeichen von Aufbruch in eine neue Ära“ sowie viele Chancen und neue Möglichkeiten, die sich nach dem Rückbau böten.Gundremmingen:So läuft der Abbau eines AtomkraftwerksIn Schwaben baut RWE den Meiler Gundremmingen zurück, früher eines der leistungsstärksten Atomkraftwerke in Deutschland. Den radioaktiven Abfall verpacken sie hier für Jahrhunderte. Der Rest wird dekontaminiert - und wiederverwendet.Den Rohstoff kann der Baustoffhandel jedenfalls gut gebrauchen, der Beton wird zu Recyclingschotter verarbeitet werden. Als Bestandteil des konventionellen Kühlwasserkreislaufs sind die Kühltürme nie mit Radioaktivität in Berührung gekommen.Wie viel Kilogramm Sprengstoff vonnöten sein wird, dazu will Sprengmeisterin Matthes im Vorfeld keine Angaben machen. Nur so viel: Bohrlöcher, in denen Sprengstoff deponiert wird, sind im vierstelligen Bereich gebohrt. Matthes war auch für die Niederlegung der Türme in Grafenrheinfeld verantwortlich, insgesamt sind in Deutschland bislang mehr als 60 solcher Kühltürme gesprengt worden. „Kipp-Kollaps-Führung“ nennt Matthes die Technik, die auch in Gundremmingen zum Einsatz kommen wird.Wir versuchen, so wenig Sprengstoff wie möglich einzusetzenSprengingenieurin Ulrike MatthesAn je einer Hälfte der beiden Türme werden die V-förmigen Stützen gesprengt, sodass der Turm auf eine Seite kippt. Fünf weitere Sprengungen in maximal 15 Metern Höhe an den Türmen selbst sollen die Türme dann so instabil machen, gemeinsam mit zuvor gesägten Vertikal- und Fallschlitzen, sodass der Kühlturm drehend in sich zusammensackt. „Wir versuchen, so wenig Sprengstoff wie möglich einzusetzen“, sagt Matthes. Auch um die Gefährdung einzudämmen.Die ist allerdings laut Experten ohnehin überschaubar. Wichtig ist, dass der Beton von der Bewehrung gesprengt wird, sodass das darunter liegende Eisen blank dasteht und wegknicken kann. Um den Streuflug und den Aufprallstreuflug einzudämmen, bringen die Sprenger Maschendraht mit Vlies an sowie 1,3 Tonnen schwere Sprengschutzmatten. Als sekundäre Schutzmaßnahmen können auch Containerwände zum Einsatz kommen.Kernkraftwerk Grafenrheinfeld:Sprengung der Kühltürme: Ende mit KnallMehr als 40 Jahre prägten die Türme des Kernkraftwerks die Landschaft in Unterfranken, bald werden sie gesprengt. Warum sich Atomkraftgegner darüber ärgern – und Befürworter damit weniger Probleme haben.Um die Staubentwicklung einzudämmen, setzen die Experten Planschbecken aus Plastikfolie ein, die auch in unzähligen Gärten stehen. Diese Planschbecken werden mitgesprengt, sodass das Wasser darin hoch in die Luft fliegt, etwa erst kürzlich in Duisburg bei einer Sprengung per Drohne gemessen mehr als 70 Meter hoch, und dann relativ geballt nach unten platscht. Eine Technik, die laut Matthes sehr effektiv sei – vor allem, wenn der erwünschte Regen ausbleibt.Um die Sicherheit für Schaulustige zu gewährleisten, werden Behörden und Polizei eine Sperrzone um das Rückbaugelände herum errichten. Die Behörden erwarten zahlreiche Schaulustige, Drohnenpiloten müssen Flugverbotszonen einhalten. In der Sperrzone dürfen sich zur Sprengung keine Personen befinden, Polizisten werden dies mit Wärmebildkameras kontrollieren, bevor dann ein langer Signalton ertönt und anschließend zwei kurze: das Zeichen, dass gezündet wird – zunächst mit einem kleinen Vergrämungsknall, um Tiere aus dem Gefahrenbereich zu vertreiben. Im Anschluss wird zunächst Kühlturm B fallen, dann C, 15 Sekunden zeitversetzt.
Sprengung des AKW Gundremmingen: Kippen, kollabieren – weg sind die Kühltürme
Am 25. Oktober sollen auch die weithin sichtbaren Reste des Atomkraftwerks Gundremmingen verschwinden.







